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Gompers gegen Hillquit

Protokoll einer historischen Debatte

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren viele Sozialisten innerhalb der Arbeiterbewegung der Auffassung, die Gewerkschaften sollten als Instrument für einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel dienen. Eine andere Fraktion, die in den USA von Samuel Gompers, dem Vorsitzenden der American Federation of Labor (AFL), angeführt wurde, vertrat dagegen die Auffassung, die Arbeiterbewegung solle sich auf überschaubarere Ziele beschränken. 1903 erklärte Gompers den sozialistischen AFL-Mitgliedern, die sich für eigenständige politische Aktionen und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel einsetzten: „Eure Ansichten sind wirtschaftlich unseriös, gesellschaftlich falsch und industriepolitisch ein Ding der Unmöglichkeit.“ 1914 nahm Gompers ein weiteres Mal an einer politischen Debatte über die übergeordneten Ziele der Arbeiterbewegung teil. Sein Kontrahent war Morris Hillquit, ein eingewanderter Jurist und eine der führenden Persönlichkeiten der Sozialistischen Partei in New York. Gompers und Hillquit waren zur Anhörung vor den Ausschuss über Arbeitsbeziehungen geladen, der vom Kongress eingerichtet worden war, um die Ursachen für die Arbeitskämpfe in den USA zu untersuchen.

Mr. Hillquit: Mr. Gompers, sind Sie oder Ihr Verband der Auffassung, dass die Arbeiter in den Vereinigten Staaten heute das gesamte Produkt ihrer Arbeit erhalten?

Mr. Gompers: Ich glaube, ich weiß, worauf Sie hinauswollen, aber ganz sicher bin ich mir nicht.

Mr. Hillquit: Verstehen Sie meine Frage?

Mr. Gompers: Ich denke wohl, aber im üblichen Sinne dieses Ausdrucks: nein.

Mr. Hillquit: Dann vielleicht in irgendeinem besonderen Sinne?

Mr. Gompers: Nein.

Mr. Hillquit: Können Sie ungefähr abschätzen, welchen Anteil am Arbeitsprodukt in Form von Lohnzahlungen die Arbeiter in diesem Land erhalten?

Mr. Gompers: Ich würde sagen, es ist niemandem möglich, mit Bestimmtheit festzustellen, welchen Anteil am Arbeitsprodukt die Arbeiter erhalten, aber Tatsache ist, dass sie dank der organisierten Arbeiterbewegung einen größeren Anteil am Produkt ihrer Arbeit erhalten und auch weiterhin erhalten werden als je zuvor in der Geschichte der modernen Gesellschaft.

Mr. Hillquit: Demnach besteht eine der Aufgaben der organisierten Arbeiterschaft darin, den Anteil zu erhöhen, den die Arbeiter an ihrem Arbeitsprodukt erhalten, ist das so weit korrekt?

Mr. Gompers: Jawohl. Die organisierte Arbeiterschaft erhebt gegenüber der Gesellschaft beständig wachsende Forderungen zur Entlohnung der Dienstleistungen, welche die Arbeiter gegenüber der Gesellschaft erbringen und ohne die kein zivilisiertes Leben möglich wäre.

Mr. Hillquit: Und diese Forderungen nach einem wachsenden Anteil am Arbeitsprodukt steigen allmählich immer weiter an?

Mr. Gompers: Was das Allmähliche anbelangt, bin ich mir nicht so sicher, aber sie steigen immer weiter an.

Mr. Hillquit: Immer?

Mr. Gompers: Jawohl.

Mr. Hillquit: Sie gehen also davon aus, Mr. Gompers, dass die organisierte Arbeiterschaft im Großen und Ganzen erfolgreich für eine Erhöhung des Anteils der Arbeiter am allgemeinen Arbeitsprodukt gekämpft hat, richtig?

Mr. Gompers: Jawohl.

Mr. Hillquit: Und sie fordert noch mehr?

Mr. Gompers: Jawohl.

Mr. Hillquit: Wenn sie innerhalb des nächsten Jahres, sagen wir, 5 Prozent mehr bekäme, würde die organisierte Arbeiterbewegung sich damit begnügen und aufhören?

Mr. Gompers: Nach allem, was ich über die menschliche Natur weiß, nein.

Mr. Hillquit: Wird die organisierte Arbeiterbewegung oder überhaupt die Arbeiterbewegung dieses Landes von ihrer Forderung nach einem stetig wachsenden Anteil ablassen, bevor sie das ganze Produkt ihrer Arbeit erhält und in ihren Augen vollständige soziale Gerechtigkeit erlangt worden ist?

Mr. Gompers: Die arbeitenden Menschen – und ich sage lieber arbeitende Menschen und rede über sie wie über wirkliche Menschen –, die arbeitenden Menschen werden, wie alle anderen Menschen, von denselben Wünschen und Hoffnungen auf ein besseres Leben angetrieben, und sie wollen nicht warten, bis sie die Mühsal alles Irdischen abgeschüttelt und das bessere Leben erlangt haben, sondern sie wollen es hier und jetzt, und sie wollen die Lebensbedingungen ihrer Kinder verbessern, damit die sich den anderen, den neuen Problemen ihrer Zeit stellen können. Sie arbeiten entsprechend den höchsten und hehrsten Idealen von sozialer Gerechtigkeit.

Mr. Hillquit: Die höchsten und hehresten Ideale sozialer Gerechtigkeit – angewandt auf die Verteilung des Wohlstands, bedeutet dies nicht ein System, unter dem die Arbeiter, Hand- oder Geistesarbeiter, Vorarbeiter oder Geschäftsführer und alle anderen zusammen die Gesamtheit der Produkte erhalten, die wir herstellen?

Mr. Gompers: Also wirklich: Fische fängt man mit verführerischen Ködern; Mäuse und Ratten werden mit Ködern in die Falle gelockt; aber die intelligenten, verständigen Arbeiter beschäftigen sich lieber mit den Problemen, mit denen sie heute konfrontiert sind; gegen die sie sich behaupten müssen, wenn sie vorankommen wollen, statt mit einem Traumbild von etwas, das niemals wirklich existiert hat und – da bin ich mir sicher – auch niemals im menschlichen Zusammenleben existieren wird und durch das, wenn es denn eingeführt werden könnte, das schlimmste System der Leistungs- und Aktivitätsbeschränkung drohte, das die Menschheit je gesehen hätte.

Mr. Hillquit: Genau das will ich von Ihnen hören, Mr. Gompers, aber ich hätte trotzdem gern eine Antwort. Nach ihrer Erfahrung mit der Arbeiterbewegung und deren steten Marsch vorwärts zu immer umfassenderen Verbesserungen und zu immer größerer sozialer Gerechtigkeit, können Sie da eine Linie ziehen, wo die Arbeiterbewegung dereinst innehalten und sich zufriedengeben wird, ohne den vollen Anteil an ihrem Arbeitsprodukt zu erhalten?

Mr. Gompers: Ich sage, dass die Arbeiter – als Menschen – niemals in ihrem Streben nachlassen werden, weitere Verbesserungen ihrer Lage und ein besseres Leben in allen seinen Phasen durchzusetzen. Und egal wohin sie dies führt und wie immer das Ergebnis aussehen mag, es greift meiner Zeit und meinem Alter so weit voraus, dass ich mich weigere, meine Geisteshaltung oder mein Handeln mit einem bestimmten „Ismus“ abstempeln zu lassen.

Mr. Hillquit: Bitte versuchen Sie auch Ihrerseits nicht, mir irgendeinen „Ismus“ anzuhängen; aber meine Frage ist, ob Sie – ob die American Federation of Labor und ihr autorisierter Sprecher – eine allgemeine Sozialphilosophie haben oder ob sie blindlings von einem Tag auf den nächsten vorgehen?

Mr. Gompers: Ich halte Ihre Frage …

Mr. Hillquit (unterbricht): Für unbequem!

Mr. Gompers: Nein, ich will Ihnen sagen, was Ihre Frage ist: Sie ist Ihnen eingeflüstert worden. Und sie ist beleidigend.

Mr. Hillquit: Die Frage wurde mir nicht eingeflüstert.

Mr. Gompers: Sie ist beleidigend.

Mr. Hillquit: Warum, Mr. Gompers?

Mr. Gompers: Zu unterstellen, dass die Männer und Frauen in der American Federation of Labor blind von einem Tag auf den nächsten handeln!

Mr. Hillquit: Ich habe keineswegs unterstellt …

Mr. Gompers (unterbricht): Ihre Frage impliziert es.

Mr. Hillquit: Ich gebe Ihnen hiermit Gelegenheit, es zu widerlegen.

Mr. Gompers: Wenn mich einer fragt, ob ich meine Frau immer noch verprügle, belaste ich mich durch jede mögliche Antwort, ob ich ja oder nein sage. Wenn ich nein sage, schließt man daraus, dass ich damit aufgehört habe. Wenn ich ja sage, dass ich sie weiterhin prügle.

Mr. Hillquit: Aber Mr. Gompers, zwischen meiner Frage und dieser Geschichte besteht keinerlei Analogie …

Mr. Gompers (unterbricht): Ihre Frage ist eine Beleidigung, und eine vorsätzliche noch dazu.

Mr. Hillquit: Würden Sie mir nun bitte sagen, ob Sie bereit sind, meine Frage zu beantworten oder nicht?

Mr. Gompers: Können Sie die Frage noch einmal wiederholen?

Mr. Hillquit: Meine Frage war, ob die American Federation of Labor und ihr rechtmäßiger Sprecher eine allgemeine Sozialphilosophie haben oder ob diese Organisation blind von einem Tag auf den nächsten arbeitet? Eine klare Frage.

Mr. Gompers: Ja, eine klare Frage und eine klare Beleidigung.

Vorsitzender Walsh: Sie weigern sich, eine Antwort darauf zu geben, weil Sie sie als beleidigend empfinden?

Mr. Gompers: Jawohl.

Vorsitzender Walsh: Dann belassen wir es dabei.

Mr. Hillquit: Mr. Gompers, Sie behaupten, Sie versuchen die Lage der Arbeiter Tag für Tag zu verbessern. Um sagen zu können, ob die Lage sich gebessert oder verschlimmert hat, müssen Sie bestimmte Kriterien anlegen, mit deren Hilfe Sie in der Arbeiterbewegung das Gute vom Schlechten unterscheiden, oder nicht?

Mr. Gompers: Gewiss doch. Aber …

Mr. Hillquit (unterbricht): Wenn nun …

Mr. Gompers (unterbricht): Einen Augenblick. Braucht es ein besonderes Urteilsvermögen, um zu erkennen, dass ein Lohn von 3 Dollar am Tag und ein Arbeitstag von acht Stunden unter gesunden Arbeitsverhältnissen besser ist als 2,50 Dollar pro Tag bei zwölf Stunden unter gefährlichen Bedingungen? Man braucht keine ausgefeilte Sozialphilosophie, um das zu erkennen.

Mr. Hillquit: Also …

Mr. Gompers (unterbricht): Einen Augenblick noch. Ich habe mich hier nicht auf 4 Dollar am Tag oder 8 Dollar am Tag oder irgendeine bestimmte Anzahl Dollar am Tag oder acht Stunden am Tag oder sieben Stunden am Tag oder irgendeine bestimmte Anzahl Stunden am Tag festgelegt, sondern Ziel sind die bestmöglichen Bedingungen, die für die Arbeiter zu erreichen sind.

Mr. Hillquit: Ja, und wenn diese Bedingungen erreicht sind …

Mr. Gompers (unterbricht): Na, dann wollen wir bessere!

Mr. Hillquit: Dann lautet meine Frage: Wird dieser Kampf seitens der organisierten Arbeiterschaft jemals aufhören, bevor sie den vollen Lohn für ihre Arbeit bekommt?

Mr. Gompers: Er wird gar nicht aufhören.

Mr. Hillquit: Bis dereinst …

Mr. Gompers: Nicht bis dereinst.

Mr. Hillquit: Mit anderen Worten …

Mr. Gompers (unterbricht): Mit anderen Worten: Wir gehen weiter als Sie (Gelächter und Applaus aus dem Publikum). Sie haben ein Ende, wir haben keins.

Aus dem Englischen von Robin Cackett Quelle: U.S. Congress, Senate, Final Report and Testimony Submitted to Congress by the Commission on Industrial Relations, 64th Cong., 1st Session, S. Doc. 415, 2 (Washington: Government Printing Office, 1916), 1526–1529.

Le Monde diplomatique vom 11.11.2011,