Russland vor 1917

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Russland vor 1917

Der Übergang vom alten Russland zum Zarenreich basierte nicht auf ökonomischer Entwicklung, sondern auf territorialer Expansion, auf der Aneignung riesiger neuer Gebiete, in denen die Großgrundbesitzer in Verbündete verwandelt wurden.

Kennzeichnend für diesen Vorgang war ein permanenter Kriegszustand und vor allem der Krieg gegen die Tataren. Die Herausbildung des zaristischen Russlands erfolgte über einen dreifachen soziopolitischen Prozess: erstens die Errichtung eines autokratischen Staates mit einer gigantischen Bürokratie, die für das Eintreiben der dafür notwendigen Abgaben zu sorgen hatte; zweitens die Herausbildung einer parasitären Aristokratie als Hauptstütze der Autokratie, die nach der Logik handelte: so viel wie möglich nehmen und nichts geben; drittens die totale Unterjochung der Bauernschaft (die Leibeigenschaft wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts aufgehoben).

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es eine ganze Serie von Fortschritten: Es wurden Eisenbahnlinien gebaut und kommerzielle und industrielle Unternehmen gegründet. Mehrere Ministerpräsidenten bemühten sich, Reformen durchzuführen, wurden aber sehr rasch kaltgestellt. So wurde Pjotr A. Stolypin, Ministerpräsident von 1906 bis 1911, von seinen Widersachern am Zarenhof ermordet; Sergei Witte (Ministerpräsident von 1905 bis 1906) wurde von der Macht verdrängt, weil er die Frage der Besteuerung der Bauern, von denen viele in den Ruin getrieben wurden, auf die Tagesordnung gesetzt hatte.

Krise und Zerfall des Regimes waren nicht mehr aufzuhalten – man kann nachgerade von einer nationalen, sozialen und ökonomischen Selbstverstümmelung sprechen. Den Todesstoß erhält der Zarismus im Laufe des Ersten Weltkriegs. In einer Periode, in der auch ein großer Teil der übrigen Welt von Krisen erschüttert wird, kommt es in Russland zu der demokratischen Revolution vom Februar 1917, die anfangs große Begeisterung auslöst und viele Hoffnungen weckt.

Doch mit „normalen“ politischen Methoden war die lange aufgestaute Krise nicht aufzuhalten, die im Laufe dieses Jahres ausbrach und sich ständig weiter zuspitzte. Die vom Zarismus ererbten Probleme waren derart dramatisch, dass sich der Zerfallsprozess nicht aufhalten ließ. Der Zusammenbruch des alten Regimes hat allerdings in keiner Weise verhindert, dass dessen Verzerrungen und negative Seiten sich auf das nachfolgende Regime übertragen konnten. Tatsächlich blieb dieser bestimmende Einfluss der zaristischen Vergangenheit auf das Geschehen noch bis zum Ende des Sowjetsystems wirksam.

Le Monde diplomatique vom 09.11.2007

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