Starke Männer

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Starke Männer

von Ignacio Ramonet

Die Destabilisierungswelle, die der „Krieg gegen den internationalen Terrorismus“ nach den Anschlägen des 11. September im Nahen und Mittleren Osten ausgelöst hat, erfasst immer mehr Länder. Jetzt ist Pakistan an der Reihe.

Fünfzig Monate nach dem Einzug in Bagdad sind die USA ihrem erklärten Ziel, der Abwehr terroristischer Gefahren, nicht näher gekommen. Keiner der Konflikte in der Region wurde gelöst – ob in Israel, Palästina, im Libanon oder in Somalia. Obwohl im Irak noch immer 165 000 US-Soldaten stationiert sind, bleibt unklar, wie es hier weitergehen soll. Und angesichts der Spannungen an der Grenze zwischen dem irakischen Kurdistan und der Türkei könnten bald zwei Verbündete Washingtons aneinandergeraten.

Paradox ist auch, dass die USA mit ihrem Eingreifen ausgerechnet dem Iran zwei seiner alten Gegner vom Hals geschafft haben: Irak und Afghanistan. Selten hat eine Macht ihrem größten Gegner einen größeren Gefallen getan.

In Afghanistan sind die Streitkräfte der Nato in die Defensive geraten. Die USA haben dort mehr als 15 000 Mann im Einsatz und fordern von ihren Verbündeten weitere Truppenverstärkungen. Denn die Taliban sind wieder auf dem Vormarsch, die Zahl der Selbstmordanschläge steigt, der Opiumexport nimmt drastisch zu. Damit verzögert sich der Wiederaufbau des Landes, die „demokratischen“ Institutionen sind geschwächt. Und die Kriegsherren in den Provinzen gehen zunehmend auf Distanz zur Regierung in Kabul. „Wenn wir abziehen“, meint ein westlicher Diplomat, „wird sich Hamid Karsai keine zehn Tage halten.“

Vor dem Hintergrund dieser extrem instabilen geopolitischen Lage droht Präsident Bush nun einen treuen Verbündeten in der Region zu verlieren. Dass der pakistanische Präsident Pervez Musharraf am 3. November 2007 den Ausnahmezustand ausrufen musste, war ein deutliches Zeichen der Schwäche. In Washington war man alarmiert. Musharraf, 1999 durch einen Militärputsch an die Macht gelangt, hatte Ende 2001 einen überraschenden Kurswechsel vollzogen und sich dem US-Feldzug gegen die Taliban und die Al-Qaida-Stützpunkte in Afghanistan angeschlossen. Wie er selbst schreibt, weil ihm mit einem Atomschlag gegen sein Land gedroht wurde. Die Regierung Bush tut so, als sehe sie nicht den Widerspruch, dass sie sich mit einem Diktator verbündet hat, um die „Demokratie“ nach Afghanistan zu bringen.

Für Musharraf bedeutete die Allianz nicht nur internationale Aufwertung, sie zahlte sich auch in US-Militärhilfe in Höhe von 11 Milliarden Dollar aus. Pakistan ist das einzige islamische Land, das über Atomwaffen verfügt und auch die Langstreckenraketen besitzt, um die Sprengköpfe in einem Radius von 2 500 Kilometern ins Ziel zu bringen. Zum strategischen Gewicht des Landes trägt weiter bei, dass es als Anrainer der Krisengebiete Afghanistan, Iran und Naher Osten im Zentrum des weltweit wichtigsten „Unruheherds“ liegt. In Washington und anderen westlichen Metropolen ist die Vorstellung, dass die mit den Taliban verbündeten Islamisten in Pakistan an die Macht und damit in den Besitz von Atomwaffen kommen könnten, ein wahres Schreckensszenario.

Musharraf gibt den starken Mann im Staat, aber jetzt wird er für die USA zu einem Risikofaktor, den sie früher oder später ersetzen wollen. Neuer starker Mann könnte der Armeechef General Ashfaq Parvez Kayani werden. Ihn führen die USA längst an der langen Leine.

Le Monde diplomatique vom 14.12.2007, von Ignacio Ramonet

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