Brief aus Canary Wharf

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Brief aus Canary Wharf

Brief aus Canary Wharf

von Anne-Felicitas Görtz

Die Glaspaläste der Londoner Finanzcity, die auf dem ehemaligen Gelände der alten Docks errichtet wurden und immer höher wachsen, stellen sich dem vereinzelten Spaziergänger in monumentaler Selbstgewissheit dar. Sie zwingen ihm das Gefühl auf, vollkommen unwichtig zu sein. Die kühnen Konstruktionen mit abweisenden, kalten Fassaden sind weniger eine architektonische Geschmacksfrage als ein psychologischer Angriff.

Den alten Namen der Docks, Ca-nary Wharf, bis 1969 Londons Haupthandelsplatz, hat der Bezirk behalten. Einst kamen hier als lebendiger Importartikel Kanarienvögel an. In Käfigen ins Fenster gehängt, erfüllten sie mit ihrem sonnigen Gezwitscher die eher verregneten Londoner Gassen. In ihrem Gesang klang etwas aus der fernen Welt mit, von der auch die übrigen Waren Kunde gaben, die sich im lärmenden Hafengewimmel in wunderlichen Verpackungen an den Landungsstegen auftürmten.

Jetzt ist aller Lärm verschwunden, eine eigentümliche Gedämpftheit liegt über dem Bezirk. Aber es ist keineswegs ein Idyll, auf das man blickt; zu beunruhigend strömt die Aura einer weltumgreifenden Macht aus jedem Bankenlogo und Firmenzeichen, das hoch oben auf den Dächern blinkt. Im Inneren des Areals herrschen gnadenlose Gewinnoptimierung und Übernahmeschlachten, so viel ist bekannt, aber leibhaftig ist davon nichts zu sehen. Anders als bei den Aufführungen des britischen Königshauses, die von der Neugier und Anteilnahme des Zuschauers leben, sieht dieses Imperium keine Zaungäste vor.

Man kann in den Straßen des Viertels mit den klingenden Namen West India Quai oder Tobago Street herumspazieren, ohne den Hauch einer gesellschaftlichen Struktur zu finden, die etwas anderes abbilden würde als die Belange des Finanzkapitals: den Arbeitsplatz, Designrestaurants mit effizientem Service und hochklassige Geschäfte für den Einkauf von Statussymbolen. Eine Extrastadt, wie über Nacht auf die Erde herabgesunken, 22 Quadratkilometer, Längengrad null.

Beim Blättern in den rosaroten Seiten der Financial Times, die mit diesem Distrikt innig verbunden ist, springt eine Überschrift ins Auge, die im ersten Moment fehlleiten kann. Da haben wir es, denke ich, „Zehn Jahre alte Spannungen lodern auf im Krieg um Canary Wharf!“, und schon sehe ich sie vor mir: die Proteste gegen die Vertreibung der früheren Bewohner, gegen die würgende Konzentration des globalen Finanzkapitals, gegen die Heuschreckenplage seiner Hedgefonds. Aber nein, ganz falsch, hier wütet ein anderer Kampf: einer um Anteile, den die Qatar Investment Authorities (QIA) innerhalb des Konsortiums Songbird Estate führt. Songbird gehören 70 Prozent des Canary-Wharf-Areals. Die Entwicklungsgesellschaft, die den alten Kanarienvogel-Hafen für immer veränderte, mit dem lieblichen Namen Songbird zu bezeichnen, fiel 2004 den Investoren Simon Glick und Stanley Morgan ein. Die QIA, bei Songbird während der Finanzkrise 2009 eingestiegen, will für 2,6 Milliarden Britische Pfund nun Mehrheitseigner werden. Aktien, Derivate und Kaufoptionen sind die Waffen in diesem Krieg um immer höhere Kapitalverwertung – nicht mehr Gewehre und Kanonen.

Am Rande dieser Gebäude, in denen so riskant gespielt wird, steht zum Fluss hin am West India Quai das Museum zur Geschichte des Londoner Hafens. Es ist eingezogen in das letzte erhaltene Lagerhaus und behauptet in seinen Räumlichkeiten eine rührende Authentizität. Es zeigt die Geschichte des frühen kapitalistischen Warenverkehrs, als England noch Zentrum des Welthandels war. Im Schatten der neuen Geldtürme scheint es wie ein Exempel für die Folgen feindlicher Übernahmen: als seien die vielen Lagerhäuser einfach gefressen und das kleine Museum wieder ausgeschieden worden. Ein Restdekor, zurückgelassen an dem Platz, dessen wirtschaftliche Bedeutung es nostalgisch zu erklären sucht.

In seinen Räumen ausgestellt sind: Säcke, Kisten, Waagen für Tabak, Zucker, Tee und die verfeinerten Gefäße, in denen der Tee an den Tischen bürgerlicher Häuser Einzug hielt. Gemälde und Fotografien zeigen die technische Entwicklung der Handelsschiffe, die alten Docks mit Lastkränen, Winden und Mühlen, den großen Brand von 1666, der vier Fünftel Londons mitsamt den Lagerhäusern am Hafen zerstörte. Dokumentationen zeigen die elenden Behausungen der Arbeiterfamilien, Tagelöhner, die sich für zwei Stundenlöhne einen Schlafplatz auf dem Fußboden erkauften, das Wüten der Cholera, die 1854 die Arbeiter im East End dahinraffte; wechseln zum Sklavenhandel im Dreieck Karibik, Gambia, London, zu den gemalten Karten des Handelswegs von Indien nach China im Opiumkrieg, zur Verlegung des ersten unterseeischen Telegrafenkabels zwischen England und den USA weit vor dem Internet und führen wieder zurück zu den Docks: die gewerkschaftlich organisierten Streiks, die Rolle der Docks in den beiden Weltkriegen, das Auslaufen der britischen Kriegsschiffe, die Zerstörung durch deutsche Luftangriffe – und plötzlich hört es einfach auf. Es wird städtebaulich. Architektenwettbewerbe zum Millennium für das Areal, als wäre es ein unbebautes Niemandsland.

Aber wie kommt denn jetzt der Tee nach London?

Gegenüber im Trockendock in Greenwich liegt die „Cutty Sark“, Ende des 19. Jahrhunderts der schnellste und berühmteste Clipper des British Empire. Im Laderaum des Museumsschiffs sitzend kann man den Warenverkehr noch gut verstehen: In einer Videoanimation fliegen die Teekisten einzeln in den Bauch des Schiffs und werden dort zu Türmen kostbarer Waren gestapelt, eins, zwei, drei, dann ist das Schiff voll. Am hölzernen Steuerrad kann der Besucher den Clipper auf einer digitalen Landkarte durch alle Stürme und Gezeiten zurück nach England segeln. 84 Tage war der Rekord der „Cutty Sark“, den es in der Animation zu schlagen gilt. 1,4 Tonnen Tee brachte das Schiff auf einer einzigen Fahrt mit. Acht solcher Tee-Fahrten unternahm sie zwischen 1870 und 1877 nach China, der Wert dieser Ladungen, so steht es auf dem Bildschirm, ließe sich heute auf 168 Millionen Britische Pfund schätzen.

Im ausgelagerten Containerhafen Tilbury, die Themse abwärts, ist der Umschlag von Waren, der Übergang vom Stückgut zum Container, der von Computern gesteuert automatisch verladen wird, schwer nachzuvollziehen. Arbeiter wie in den alten Docks werden dazu kaum mehr benötigt. Kein exotisches Handelsgut, wie es sich einst hier stapelte, ist in den über 2 Millionen Containern, die jährlich gelöscht werden, sichtbar. Keine Teekiste wäre für den Laien zu identifizieren.

Die alte lebendige Infrastruktur der Docklands mit ihren Waren- und Menschenströmen ist von den modernen Geldhäusern weggeschoben wie eine verstaubte Kulisse. Die stehen dicht an dicht in dunkler Glasspiegelung, ihre riesigen Eingangshallen blenden wie ausgeleuchtete Mäuler, verschalt mit Marmor, Stahl und hybriden Kunstwerken. Dort hinein schlüpfen sich seltsam ähnelnde Menschen, lassen sich wiederfinden hinter den Hunderten von Fensterchen, die in den Himmel aufsteigen, in denen immer das Gleiche zu sehen ist: ein Tisch, ein Stuhl, eine Lampe, ein flimmernder Monitor, der Tag und Nacht neue Kurven und Diagramme zeigt, als wären die Geldflüsse selbst nur eine Kunstinstallation am Bildschirm. In den höheren Etagen werden nur die Büros ein wenig größer, das Schreibtischlicht wird feiner. In fast identischer Gestalt bewegen sich die Angestellten wie in Schaukästen eines Versuchslabors – wer beobachtet sie von außen in ihrer anonymen Ameisenhaftigkeit?

All die Glashäuser füllen sich nicht mehr eins, zwei, drei mit Kisten wie die „Cutty Sark“, sie füllen sich nur mit den Zahlen der Geldströme. Auf Kreditkarten werden ein paar davon hinausgetragen in die nahen Einkaufspassagen, die zum Terrain der Finanzcity gehören, zu Tiffany und Patek Philippe. Die Menschen hasten dorthin, in derselben Geschwindigkeit, in der sie in den Schlund der Gebäude hineinrasen, rasen sie wieder hinaus, das Arbeitstempo ist längst mitgenommen in den Feierabend.

Verlangsamung tritt im Strom der Passanten nur ein, wenn jemand eine Nachricht auf dem Handy erhalten hat oder die Börseninfo konsultiert. Dann wird er schlagartig zum Hindernis für die anderen, bleibt mitten auf der Straße stehen, ungerührt davon, dass die Flut sich um ihn teilen muss. Aber sie findet gleich wieder zusammen.

Aber eine Portion Erinnerung an das Vergangene, das Märchenhafte, das den Einzelnen ergreift, muss sein, das weiß auch Tiffany. Vor seinen Schaufenstern mit nostalgischen Dekorationen bleibt jeder kurz stehen, bevor er den Laden betritt. Bepudert von den Jahreszeiten, von Schnee, von Frühlingsblumen, von Herbstlaub hängen die Schmuckstücke übergroß und absurd an winzigen Figuren, die in die 60er Jahre gehören. Ein Miniatur-Cadillac transportiert einen Armreif durch die Straßen von New York, nachgebaut mit Wolkenkratzern, die im Vergleich zu denen, die man im Rücken hat, wie aus einem Puppenhaus erscheinen.

Der Reif auf dem Dach des Cadillacs hat das Design eines Zahnrads, massiv und gezackt, nicht aus Stahl, sondern aus 18-karätigem Gold. Das perfekt gearbeitete Stück im Industriedesign führt plötzlich zurück zur Maschine, als gäbe es eine ungebrochene Sehnsucht nach dem Handanlegen, dem Verstehen mechanischer Prozesse und dem Verlass auf das Konkrete.

Diese Botschaft findet sich auch in den Uhren, die manchmal unter weißen Manschetten hervorschimmern: Es sind Ziffernblätter, auf denen man nicht sofort die Zeit erkennt, so prägnant schwingt dort erst einmal die Unruh, zeichnen sich Navigator, ewiger Kalender und Monduhr ab. Als trügen sie den Sextanten eines Kapitäns am Handgelenk, träumen sich Menschen, die aus sicherem Hafen am Ruder der globalen Finanzströme drehen, als wagemutige Argonauten. Auf der Themse oder auf hoher See wäre ihr Schiff verloren.

Anne-Felicitas Görtz ist Journalistin und Autorin.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.04.2015, von Anne-Felicitas Görtz

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