14.05.1999

Der Zerfall Jugoslawiens

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Der Zerfall Jugoslawiens

1980

4. Mai: Marschall Josip Broz Tito stirbt. Danach wird die Bundesrepublik Jugoslawien von einem Präsidium regiert, dessen Vorsitz in jährlichem Turnus der Vertreter einer der sechs Republiken und der zwei autonomen Gebietskörperschaften (Vojvodina und Kosovo) innehat.

1981

Im Frühjahr fordern Zehntausende Kosovo-Albaner für ihre Provinz den Republikstatus. Die Bewegung wird blutig niedergeschlagen.

1987

September: Slobodan Milošević übernimmt den Vorsitz des Bundes der Kommunisten in Serbien und besetzt nationalistische Themen.

1989

1. März: Nach einem Generalstreik und gewaltsamen Zusammenstößen verhängt Belgrad über die Provinz Kosovo den Ausnahmezustand und entsendet Truppen.

23. März: Durch eine Reform der serbischen Verfassung wird der Autonomiestatus des Kosovo und der Vojvodina, der ihnen 1974 eingeräumt worden war, substantiell eingeschränkt.

6. Dezember: Milošević wird vom Parlament zum Präsidenten der Teilrepublik Serbien gewählt. In den allgemeinen Wahlen vom 9. Dezember 1990 wird er in seinem Amt bestätigt.

1990

26. Juni: Das serbische Parlament löst Regierung und Parlament des Kosovo auf. Am 2. Juli erklären daraufhin die Kosovo-albanischen Abgeordneten ihre Abspaltung von Serbien, die das serbische Parlament am 5. Juli für nichtig erklärt.

1991

28. Februar: Die Krajina-Serben erklären die Abspaltung von der damals noch jugoslawischen Teilrepublik Kroatien.

25. Juni: Unabhängigkeitserklärung von Kroatien und Slowenien, wo zwei Tage später jugoslawische Truppen einmarschieren. Das Abkommen von Brioni am 7. Juli führt zur Einstellung der Kampfhandlungen; im Gegenzug schieben Slowenen und Kroaten ihre Loslösung von Restjugoslawien um drei Monate hinaus.

15. September: Proklamation eines unabhängigen Makedonien, nachdem sich in einem Referendum vom 8. September 95 Prozent für die Unabhängigkeit ausgesprochen haben.

30. September: Nach einem geheimen Referendum wird eine „Republik Kosovo“ ausgerufen.

15. Oktober: Bosnien-Herzegowina erklärt seinerseits seine Unabhängigkeit, was am 29. Februar 1992 durch ein Referendum mit 62,8 Prozent der Stimmen bestätigt wird.

18. November: Nach dreimonatiger Belagerung durch die Serben fällt die kroatische Stadt Vukovar.

19. Dezember: Die Bundesrepublik Deutschland erkennt Kroatien und Slowenien im Alleingang an.

1992

12. Januar: Anerkennung der beiden neuen Staaten durch sämtliche elf übrigen EU-Staaten.

21. Februar: Der UN-Sicherheitsrat stellt eine 14000 Mann starke Blauhelm- Truppe auf, die sogenannte UNO-Friedenstruppe (Unprofor).

6. April: Die Europäische Gemeinschaft erkennt auch Bosnien-Herzegowina an. Sarajevo wird von bosnischen Serben belagert. Damit hat der Krieg begonnen, drei Monate später kontrollieren die Serben 70 Prozent des bosnischen Territoriums. Am 7. April erkennen die USA Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina als unabhängige Staaten an.

15. und 30. Mai: Der UN-Sicherheitsrat verhängt ein Wirtschafts-, Öl- und Flugverkehrsembargo gegen Serbien und Montenegro. Am 22. Mai werden die drei neuen Staaten UNO-Mitglieder, während die Bundesrepublik Jugoslawien am 22. September aus der internationalen Staatenorganisation ausgeschlossen wird.

24. Mai: Ibrahim Rugova wird zum „Präsidenten“ des Kosovo gewählt; seine Wahl wird von Belgrad für illegal erklärt.

1993

2. Januar: Cyrus Vance und Lord Owen, Vorsitzende der Internationalen Kontaktgruppe für Exjugoslawien, legen einen Plan zur Aufteilung von Bosnien-Herzegowina in zehn Regionen vor, wobei Sarajevo zur neutralen Zone werden soll. Während die bosnischen Kroaten diesem Plan zustimmen, lehnen ihn die Serben wie die Muslime (Bosniaken) ab.

22. Februar: Der UN-Sicherheitsrat beschließt die Schaffung eines internationalen Gerichtshofs, um diejenigen abzuurteilen, die für die seit 1991 im ehemaligen Jugoslawien begangenen schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind.

6. Mai: Der Sicherheitsrat schafft sechs von Blauhelmtruppen gesicherte „Schutzzonen“: Sarajevo, Bihać, Tuzla, Žepa, Srebrenica und Goražde.

1994

9. Februar: Nach dem Einschlag einer Mörsergranate auf dem Markt von Sarajevo, der 66 Menschenleben fordert, verlangt die Nato unter Androhung von Luftschlägen von den Serben, ihr schweres Geschütz um 20 Kilometer von der Stadt zurückzuverlegen.

1. März: In Washington beschließen Kroaten und Bosniaken, eine muslimisch- kroatische „Föderation Bosnien-Herzegowina“ zu gründen, während die Serben im Norden des Landes die ethnischen Säuberungen fortsetzen.

5. Juli: Die Internationale Kontaktgruppe (mit Vertretern der USA, Rußlands, Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens) schlägt eine neue Aufteilung des Territoriums vor, wonach 51 Prozent an die Kroaten und Bosniaken fallen sollen und 49 Prozent an die Serben. Die bosnischen Serben lehnen den Plan ab – trotz Drängens der Regierung in Belgrad, die daraufhin mit ihnen bricht.

1995

16. Juni: Nach der Bombardierung von Pale durch die Nato und der Geiselnahme von Blauhelmsoldaten durch bosnische Serben Ende Mai beschließt der Sicherheitsrat, zur Unterstützung der Unprofor-Truppen eine multinationale Schnelle Eingreiftruppe aufzustellen.

Juli: Neue serbische Offensiven gegen die „Schutzzonen“: Srebrenica fällt am 11. und Žepa am 25. Juli.

August: Die kroatische Armee erobert die Krajina zurück und vertreibt ca. 180000 dort lebende Serben, danach unterstützt sie die bosniakisch-kroatischen Streitkräfte bei der Rückeroberung Nordbosniens.

29. August: Nach dem Granatenbeschuß eines Marktes in Sarajevo greifen westliche Artillerie und Luftstreitkräfte serbische Stellungen an. Am nächsten Tag betrauen die bosnischen Serben Milošević damit, in ihrem Namen zu verhandeln.

21. November: Nach dreiwöchigen Verhandlungen auf der amerikanischen Militärbasis von Dayton unterzeichnen die Präsidenten von Serbien, Kroatien und Bosnien einen Vertrag, der die Bewahrung eines einheitlichen, in seinen Grenzen international anerkannten Staates Bosnien-Herzegowina vorsieht; die ethnische Aufteilung freilich wird gebilligt: fortan besteht das Land aus zwei Gebietseinheiten, der Serbischen Republik (Republika Srpska) und der bosniakisch-kroatischen Föderation. Die gegen Serbien und Montenegro verhängten Wirtschaftssanktionen werden aufgehoben.

20. Dezember: Die Unprofor- wird durch die Implementation-Force-Friedenstruppe (Ifor) abgelöst.

1996

Februar: Die Befreiungsarmee des Kosovo (UÇK) tritt erstmals öffentlich in Erscheinung, indem sie sich zu einer Reihe von Bombenattentaten bekennt.

19. März: Nach der Abwanderung bzw. Verdrängung des größten Teils der serbischen Bevölkerung wird Sarajevo wiedervereinigt.

14. September: Bei den Wahlen in Bosnien-Herzegowina siegen die nationalistischen Parteien. Der Muslim Alija Izetbegović (SDA) wird zum Vorsitzenden des Dreierpräsidiums gewählt, dem außerdem der Serbe Momčilo Krajišnik (SDS) und der Kroate Krešimir Žubak (HDZ) angehören.

3. Oktober: Die Präsidenten von Serbien und Bosnien unterzeichnen im Pariser Elysée-Palast ein Abkommen über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen.

November/Dezember: Nachdem bei den Kommunalwahlen in fünfzehn Städten, darunter Belgrad, die Opposition gewonnen hat, annulliert die serbische Zentralregierung die Ergebnisse in den betreffenden Wahlbezirken. Es kommt zu einer Welle von Protesten, zu Massendemonstrationen und gewaltsamen Auseinandersetzungen mit den Ordnungskräften.

16. Dezember: Die Nato erteilt den Befehl zur Aufstellung der Stabilization Force (SFOR) in Bosnien (als Nachfolgerin der Ifor), an der die Bundeswehr beteiligt ist.

1997

Januar: Der serbische Rektor der Universität von Priština wird bei einem Autobombenattentat, zu dem sich die UÇK bekennt, schwer verletzt.

28. Februar: Nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen Bosnien und Restjugoslawien über die staatliche Zugehörigkeit der Grenzstadt Brčko unterzeichnen die Bundesrepublik Jugoslawien und die Republika Srpska ein Abkommen über die Herstellung „besonderer Beziehungen“, was gegen die Resolution über die Beibehaltung der gesamtstaatlichen Souveränität von Bosnien-Herzegowina verstößt.

10. Juli: Nach einem Nato-Angriff auf die bosnische Stadt Prijedor werden die westlichen Streitkräfte Ziel zahlreicher Attentate.

September: Im Kosovo werden Demonstrationen albanischer Studenten von der serbischen Polizei mit Gewalt auseinandergetrieben.

13. und 14. September: Aus den Kommunalwahlen in Bosnien-Herzegowina gehen erneut die nationalistischen Kräfte als Sieger hervor.

1998

Februar/März: Im Kosovo kommt es in der Region Drenica zu gewaltsamen Zusammenstößen. Die serbische Polizei und die jugoslawische Armee zerstören zahlreiche Dörfer, etwa 2000 Menschen kommen ums Leben und 250000 flüchten.

15. März: In Bosnien-Herzegowina überläßt die Schiedskommission der internationalen Staatengemeinschaft Brčko serbischer Kontrolle, allerdings unter internationaler Überwachung.

22. März: Die Kosovo-Albaner wählen bei starker Wahlbeteiligung ihren „Präsidenten“, Ibrahim Rugova, wieder, sowie auch ein (von Belgrad nicht anerkanntes) neues Parlament.

26. März: Der Ultranationalist Vojeslav Šešelj wird in Belgrad zum Stellvertretenden Ministerpräsidenten der Regierungskoalition gewählt und bekräftigt seine Weigerung, mit den Kosovo-Albanern zu verhandeln.

7. April: Das serbische Parlament votiert gegen ein Referendum, das über die ausländische Beteiligung bei der Lösung des Kosovokonflikts abgehalten werden sollte.

April-August: Im Kosovo kommt es immer wieder – und trotz Verhandlungsbemühungen sowie Nato-Luftmanövern – zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen albanischen Unabhängigkeitskämpfern und jugoslawischen Armee-Einheiten.

15. Mai: Treffen des jugoslawischen Präsidenten Milošević mit dem „Präsidenten“ der Kosovo-Albaner, Rugova, unter der Schirmherrschaft des US-amerikanischen Vermittlers Richard Holbrooke.

1. September: Milošević erklärt sich bereit, dem Kosovo eine begrenzte Selbstverwaltung zuzubilligen.

12. und 13. September: In Bosnien-Herzegowina finden allgemeine Wahlen statt. Der Bosniake Izetbegović, der Serbe Radišić (ein gemäßigter Sozialist) und der Kroate Jelavić werden in das dreiköpfige Präsidium gewählt. Zugleich wird bei Wahlen in der Republika Srpska die bisherige gemäßigte Präsidentin Biljana Plavšić von dem Ultranationalisten Nikola Poplašen (Serbische Radikale Partei) abgelöst.

23. September: Der UNO-Sicherheitsrat verlangt für das Kosovo die Einstellung der Kampfhandlungen, den Abzug der serbischen Truppen und die Aufnahme direkter Verhandlungen.

13. Oktober: In Belgrad einigen sich Milošević und Richard Holbrooke auf den Abzug der serbischen Truppen sowie auf eine Waffenruhe und die Aufstellung von 2000 unbewaffneten OSZE-„Beobachtern“. Die UÇK lehnt dieses Abkommen am 16. desselben Monats ab.

26. Oktober: 10000 serbische Polizisten verlassen das Kosovo. Am folgenden Tag nimmt die Nato ihre Androhung von Luftschlägen zurück.

16. November: Rugova weigert sich, mit Belgrad direkte Gespräche aufzunehmen.

Dezember: Die militärischen Auseinandersetzungen zwischen UÇK und serbischen Armee-Einheiten flammen wieder auf.

1999

6. Februar: Die Internationale Kontaktgruppe bringt Vertreter aus Belgrad und Repräsentanten der wichtigsten Kosovo-albanischen politischen Formationen, darunter auch der UÇK, in Rambouillet an einem Tisch zusammen. Die UÇK lehnt den bloßen Autonomiestatus für die Provinz ab, die Serben wiederum sperren sich gegen die Aufstellung einer internationalen Streitmacht.

19. März: Die Wiederaufnahme der Verhandlungen in Paris scheitert. Zwar hat die UÇK das Dokument schließlich unterzeichnet, Belgrad jedoch nicht.

23. März: Die Nato beginnt mit der Bombardierung Serbiens.

Le Monde diplomatique vom 14.05.1999