14.07.1995

„Die Saat des Fortschritts“

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„Die Saat des Fortschritts“

IN Amarillo, Texas, auf der größten landwirtschaftlichen Tiermesse der Welt, stammen die Millionen Stück Vieh, mit denen jedes Jahr gehandelt wird, alle von derselben Rasse ab. Sie werden auf Versuchshöfen standardisiert, wo die Zuchtstiere allein nach ihrer Fähigkeit ausgewählt werden, Rinder zu zeugen und somit möglichst viel Fleisch in kürzester Zeit zu produzieren. Dieser Zusammenhang wird in einem bemerkenswerten Dokumentarfilm mit dem Titel „Die Saat des Fortschritts“ vorgeführt und erläutert.

Die Rinder werden – mit Hormonen gedopt, mit Arzneimitteln vollgestopft – in siebzehn Monaten aufgezogen (anstatt in drei Jahren auf natürlichem Weideland). Sie werden in industriell betriebenen Höfen ohne natürlichen Boden zu 100 000 Stück geparkt, die in der Stadt wohnenden Spekulanten gehören, die selbst nie ein paar Hörner zu Gesicht bekommen. Diese Tiere, so die Autoren, werden vollautomatisch mit Mischprodukten ernährt, deren Zusammensetzung täglich – abhängig von den Getreidekursen an der Börse in Chicago – variiert werden, um schließlich 1 000 bis 2 000 Kilometer, auf Lastwagen verfrachtet, zum Ort ihrer Schlachtung gebracht zu werden, ohne jemals auf einer Weide gegrast zu haben.

Weil sieben Einheiten pflanzlichen Eiweißes notwendig sind, um eine Einheit tierisches Eiweiß zu erzeugen, wird die Hälfte der amerikanischen Getreideproduktion an Tiere verfüttert. Auch dieses Getreide ist im Labor auf seine Ertragsstärke hin selektioniert worden, auf wenige Sorten begrenzt, genetisch manipuliert, unter großem Einsatz von Pestiziden, Dünger, Bewässerung (was Böden und Grundwasser erschöpft) und teurem, energieverschlingendem Material angebaut (drei Tonnen Rohöl sind notwendig, um eine Tonne Kunstdünger herzustellen). Jeden Tag werden in den USA 6 300 Hektar fruchtbaren Bodens durch Erosion zerstört.

1 Auf Videokassette, hergestellt von Gordian Troller, Marie-Claude Defforge und Sylvia Perez- Vitoria, im Vertrieb des Vereins La Ligne d'horizon, les Amis de François Partant. Für Vorführungen und Diskussionsmöglichkeit wende man sich an: 7, villa Bourgeois, F-92 240 Malakoff.

Le Monde diplomatique vom 14.07.1995