14.04.2000

Weltweite Ökonomie gestern und heute

zurück

Weltweite Ökonomie gestern und heute

EIN Vergleich zwischen der Globalisierung von heute und der Globalisierung, die das Vereinigte Königreich Ende des 19. Jahrhunderts in Gang setzte, zeigt, dass sich der jeweils führende Staat in den entscheidenden Augenblicken der kapitalistischen Entwicklung als souveräne Macht behauptet und seine hegemoniale Führungsrolle festigt.

Die Einführung eines freien Arbeitsmarkts 1834 in England und die damit einhergehende Freihandelspolitik entsprach den wirtschaftlichen Bedürfnissen der neuen Industriellenkaste ebenso wie den politischen Imperativen eines expandierenden imperialen Staats. Ziel dieser Wirtschaftspolitik war es, den immensen Vorsprung zu konsolidieren und zu vergrößern, den Großbritannien dank der industriellen Revolution gegenüber den anderen Nationen Europas erworben hatte. Allerdings war die Einführung freier Märkte, wie Karl Polanyi zeigt, alles andere als ein Naturprozess: Das Laisser-faire wurde von oben durchgesetzt.

Andererseits wuchsen dem Staat durch die Abschaffung althergebrachter Handelshemmnisse enorm erweiterte Verwaltungsaufgaben zu. Der Bedarf an regulierenden Staatseingriffen nahm also nicht ab, sondern erheblich zu. Polanyi schreibt: „Fortwährende staatliche Eingriffe, die vom Zentrum aus organisiert und durchgesetzt wurden, bahnten dem Freihandel den Weg und sorgten dafür, dass dieser Weg offen blieb“ (The Great Transformation).

Die Stärkung des Staatsinterventionismus, dessen Zweck paradoxerweise darin bestand, das freie Spiel der Marktkräfte zu garantieren, war von einer umfassenden Konzentration der Macht begleitet. London entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zum „Zentrum eines Finanzimperiums, dessen internationale Bedeutung und Reichweite weit über den politischen Herrschaftsbereich des Empires hinausging“. Zwar waren die Beziehungen zwischen Industrie, Finanz, Außenhandel und Staat in England diskreter und informeller als in Frankreich, weniger effizient waren sie deshalb nicht. Von einer Zersplitterung der Macht konnte keine Rede sein. Eine Unterscheidung zwischen politischer und wirtschaftlicher Macht, zwischen den Interessen der Kolonialkapitalisten und denen des imperialen Staats war problematisch, wenn nicht unmöglich. Mit den Worten des Historikers Herbert Feis: „Finanzmacht und politische Macht bildeten eine Einheit.“ Die Bank von England fungierte als Schnittstelle zwischen den beiden Sphären, wobei die Produktion und Reproduktion der Eliten für fließende Übergänge, weitgehende Verflechtung und gute Kommunikationswege sorgte.

Ungeachtet seiner formalen Unabhängigkeit von der Politik orientierte sich das Kapital bei seiner internationalen Investitionstätigkeit deutlich an nationalen Vorgaben. Die Investitionen flossen im Allgemeinen in Länder, in denen das Schwert des Empire die nötigen Garantien bot, während der Staat seinerseits den politischen Nutzen der stillen Kapitalexpansion einstrich.

DIE „Richtung der britischen Auslandsinvestitionen stimmte fraglos mit den nationalen Zielsetzungen“ des Staats überein. So bekräftigte der Außenminister Ihrer Majestät, Sir Edward Grey, am 10. Juli 1914 vor dem Unterhaus: „Es ist unsere Pflicht, das angestammte englische Kapital im Rahmen unserer Möglichkeiten überall in der Welt zu unterstützen, wo es Konzessionen sucht und sich entfaltet.“ Er fügte hinzu, die britische Regierung werde ihr Möglichstes tun, um die „betreffenden ausländischen Regierungen“ von der Vorteilhaftigkeit dieser Geschäfte „zu überzeugen“. Die Begleitmusik dieses Überzeugungswerks spielten die Kanonen der englischen Kriegsmarine vor China (1839-1842), Venezuela (1895) und anderswo. Traten zwischen der britischen Kolonialpolitik und den internationalen Handelsstrategien der Privatwirtschaft Divergenzen auf, so beugte sich die Wirtschaft fast immer der Staatsräson.

Wirtschaftlicher Reichtum und politische Macht gingen im Wesentlichen Hand in Hand. Freihandel und freier Kapitalverkehr waren die Grundlage der politischen Vorherrschaft Großbritanniens. So sehr sich wirtschaftliche und politische Macht in ihrer Handlungsweise unterschieden, so sehr blieben sie funktionell aufeinander bezogen und so sehr trugen sie zur gegenseitigen Stärkung bei. Obwohl es in Großbritannien stets „weniger Staat“ gab als in Frankreich mit seinem entwickelteren politisch-administrativen Apparat, wird man einräumen müssen, dass der britische Staat keineswegs ein „schwacher Staat“ war.

Eine ähnliche Dynamik prägt mutatis mutandis die Globalisierung, die die Vereinigten Staaten gegen Ende des 20. Jahrhunderts in Gang setzten. Auch in den USA begünstigen die fließenden Grenzen zwischen wirtschaftlichen und politischen Eliten koordiniertes Handeln und eine flexible und informelle Machtausübung. In seinem Streben nach Macht und Reichtum wird der US-amerikanische Staat vom freien Spiel der Weltmarktwirtschaft ebenso wenig zurückgedrängt wie ehemals der britische. Im Gegenteil: Das Staatensystem, das sich nach Ende des Kalten Kriegs herauskristallisiert hat, bietet den USA genügend Mittel, ihren Souveränitätsanspruch durchzusetzen, ihre Unabhängigkeit zu wahren und ihre Vorherrschaft zu stabilisieren.

N.B. und PH.G.

Le Monde diplomatique vom 14.04.2000, von N.B. und PH.G.