Der neue Staatskapitalismus
Der KI-getriebene Kapitalismus tritt in ein neues Stadium. Die Trump-Regierung pumpt gigantische Geldsummen in strategische Projekte, um den globalen Wettbewerb gegen China zu gewinnen. Die Investitionsflüsse reguliert nicht mehr der Markt, sondern der Staat – mit dem Pentagon als Leitzentrale.
von Evgeny Morozov

Bei Donald Trump besteht immer die Gefahr, dass sein großspuriges Gehabe von den eigentlich wichtigen Dingen ablenkt. Mit seinen Beleidigungen, Zollkapriolen, Kryptowährungsgeschäften, ministeriellen Personaldramen und kameragerecht inszenierten Grausamkeiten lenkt der US-Präsident die Aufmerksamkeit auf einen Zirkus, in dem er selbst der Direktor ist.
Zentrale Entwicklungen geraten dabei leicht aus dem Blick. Etwa der Umstand, dass der für 2027 vorgesehene Verteidigungshaushalt mit 1,5 Billionen US-Dollar nominal höher ist als je zuvor in der Geschichte der Vereinigten Staaten – und real fast dasselbe Niveau erreicht wie während des Zweiten Weltkriegs, als die USA gegen Nazideutschland kämpften. Um so viel Geld aufzubringen, bittet der US-Präsident, ohne zu zögern, die Bürger:innen seines Landes zur Kasse – indem er den öffentlichen Einrichtungen, die sie ernähren, beschulen und pflegen, die Gelder streicht.
Dieses Verteidigungsbudget soll nicht zuletzt dazu dienen, den Strukturwandel des Staats und der US-Wirtschaft sowie die führende Stellung der USA in der Welt zu finanzieren. Die Prinzipien des freien Markts spielen dabei offenbar immer weniger eine Rolle.
Schon länger existieren Instrumente eines „hidden developmental state“, wie ihn der Ökonom Fred Block1 nannte: etwa die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), die in Rüstungsforschung investiert; der Investmentfonds der CIA, In-Q-Tel; und andere staatliche Forschungslaboratorien. Aber jetzt identifiziert Washington ganz offen Wirtschaftssektoren, in denen man Preise festlegt und sich an privaten Unternehmen beteiligt. Und internationale Hilfe wird an die politische Loyalität der Empfänger geknüpft.

Investmentbanker im Pentagon
Das Vokabular aus der Zeit des Kalten Kriegs und der Zeit nach dem Ende der Sowjetunion passt heute nicht mehr. „Militär-Keynesianismus“ bedeutete, die Gesamtnachfrage durch höhere Verteidigungsausgaben anzukurbeln. Der „militärische Neoliberalismus“ verfolgte dasselbe Ziel über private Dienstleister und deregulierte Lieferketten.
Heute geht es weniger um den Haushalt an sich als um die Mittelzuweisung. Es geht um die Entscheidung, welche Unternehmen sich zu welchen Preisen, mit welchen Ressourcen und in welchen Sektoren behaupten können.
Der Krieg, der sich hier abzeichnet, dürfte weniger ein physischer denn ein wirtschaftlicher sein: In den Schlachten geht es um Lieferketten, Versorgungsengpässe und Unternehmensbilanzen.
Hinter alledem steht einerseits die Angst vor China und andererseits jene Technologie, die sämtliche Prioritäten verschoben hat: die künstliche Intelligenz. Keines der existierenden grundlegenden Probleme ist neu. Die Planungspapiere im Pentagon und die Analysen der RAND Corporation handeln seit Jahrzehnten von Mineralien, Computerchips, Kabeltrassen, Meerengen und Atomreaktoren. Bislang haben Regierungen stets höflich genickt und das Gespräch auf andere Themen gelenkt. Durch die KI verschmelzen nun all diese Themen zu einer einzigen Erzählung. Wer darin den Anschluss verpasst, hisst quasi die weiße Fahne.
Ihren Anfang nahm diese Geschichte in den Jahren 2016 und 2017. Damals kam eine kleine Clique chinakritischer „Falken“ zu dem Schluss, die USA müssten Chinas Vormarsch in der Mobilfunktechnologie, beim 5G-Standard und bei den Computerchips um jeden Preis stoppen. Ganz vorne mit dabei: Peter Thiel, der damals als einziger Akteur aus dem Silicon Valley Donald Trump unterstützte. Das 2019 verhängte Lieferverbot von US-Firmen an Huawei war ein Testlauf.
Der Machtwechsel im Weißen Haus änderte nichts an diesem Kurs. Vielmehr perfektionierte Joe Biden den Prozess noch durch ausgefeilte Verwaltungsstrukturen, in denen genau festgelegt wurde, welches Land welche US-Technologie erwerben durfte. Die Biden-Regierung weitete die bestehenden Exportbeschränkungen auf zusätzliche Bereiche aus, etwa auf
Lithografiemaschinen zur Chipherstellung, Software für das automatisierte Design elektronischer Systeme (Electronic Design Automation, EDA), leistungsfähigere Speicher, Biotechnologieanwendungen und Infrastrukturen im Bereich Quantencomputing.
Mittlerweile ist KI zu einer Art Grundnahrungsmittel geworden, auf das kein Land verzichten möchte. Die Einsätze in diesem Spiel erhöhen sich laufend, und die USA halten die Hebel in den Händen.
In Trumps zweiter Amtszeit geht die Entwicklung in diese Richtung weiter, wobei die Abläufe stärker zentralisiert werden. Die Planung hat mittlerweile das Pentagon übernommen, das finanziell aus dem Vollen schöpfen und die immensen Finanzmittel mehr oder weniger nach Belieben ausgeben kann. Aufgrund seines gigantisches Budgets hat es das Verteidigungsministerium heute vor allem mit Personalproblemen zu tun: Es muss Fachleute finden, die in der Lage sind, Ausgabenentscheidungen in neunstelliger Höhe zu treffen und über den Einsatz von Kapital anstelle von Truppenstationierungen zu entscheiden.
Um ihre Rekrutierung kümmern sich statt einer klassischen Personalabteilung mittlerweile Headhunter, die nach Stundenaufwand abrechnen und sehr überzeugend auftreten können. Die New York Times berichtete jüngst über die Präsentation einer Headhuntingfirma, die dafür zuständig ist, Investmentbanker von der Wall Street für das Pentagon zu gewinnen.2 Demnach will das Ministerium ein Team von 30 Personen aufbauen, das innerhalb von drei Jahren bis zu 200 Milliarden US-Dollar an öffentlichen Geldern investieren soll.
Die Bandbreite der angebotenen Gehälter reicht von 300 000 US-Dollar für intern Beschäftigte bis zu 600 000 Dollar für solche, die über externe, regierungsnahe Non-Profit-Organisationen angestellt werden. Den Bewerber:innen wird zudem ein privilegierter Zugang zu hochrangigen Regierungsbeamten und zu Fundraisingnetzwerken in Aussicht gestellt – Kontakte zu Königshäusern inklusive. „Die Aufstiegsmöglichkeiten werden außergewöhnlich sein“, heißt es in der Präsentation, „einschließlich der Möglichkeit, gemeinsam mit Mitgliedern dieses Teams einen neuen Fonds aufzulegen.“
Verfasst werden solche verführerischen Stellenangebote im Auftrag der Economic Defense Unit (EDU).3 Stephen Feinberg, Milliardär, stellvertretender Kriegsminister und ein Großspender Trumps, hat diese Abteilung des Pentagons im April gegründet. Feinberg ist auch Gründer der Investmentgesellschaft Cerberus Capital Management, die Vermögenswerte in Höhe von 65 Milliarden US-Dollar verwaltet. Sie hat ihr Imperium auf den Trümmern US-amerikanischer Industrieflaggschiffe wie des Automobilriesen Chrysler oder Remingtons aufgebaut, eines der ältesten Waffenhersteller des Landes.
Die EDU soll eng mit dem Office of Strategic Capital (OSC) zusammenarbeiten, einer unter der Biden-Regierung gegründeten Kreditbehörde, die im Pentagon angesiedelt ist. Unter der Federführung Feinbergs hat sich das OSC zu einer Investmentgesellschaft entwickelt, die öffentliche Gelder in Mineralien, Unterseekabel, Drohnen und Satelliten investiert.
Eine Großinvestition der Behörde vom November 2025 gibt Aufschluss darüber, wie das Geld ausgegeben wird: Damals gab Vulcan Elements, ein Hersteller von Seltenerdmagneten, bekannt, dass man vom OSC ein Darlehen in Höhe von 620 Millionen US-Dollar erhalten habe – das höchste seit Gründung der Behörde 2022. Nur drei Monate zuvor war die Kapitalbeteiligungsgesellschaft 1789 Capital als Anteilseignerin bei Vulcan Elements eingestiegen.
Das Brisante: Seit 2024 ist Donald Trump Junior, der älteste Sohn des US-Präsidenten, Partner bei 1789 Capital.
Die Umsetzung des Darlehensvertrags zwischen Vulcan Elements und dem OSC wurde dadurch beschleunigt, dass man auf die Durchführung einer technisch-wirtschaftlichen Prüfung verzichtete.
Grundlage dafür war ein Präsidialdekret vom März 2025, durch das die Genehmigungsbedingungen für Projekte mit kritischen Mineralien gelockert wurden.
Die Investition ist von größter strategischer Bedeutung. Denn Vulcan Elements stellt jene Seltenerdmagnete her, die das Pentagon dringend zum Bau von F-35-Kampfjets, zur Kühlung seiner KI-Rechenzentren und für vieles andere benötigt – und auf die China ein Quasimonopol besitzt.
Der Deal mit Vulcan Elements ist keineswegs eine Ausnahme, er dient vielmehr als Vorbild für andere Transaktionen. Das leugnen auch die nicht, die an diesen Projekten arbeiten – etwa der EDU-Chef George Kollitides II, der früher für Cerberus gearbeitet und in der turbulenten Phase nach der Übernahme von Remington die Geschicke des Waffenbauers gelenkt hat.
Auf der Jahreskonferenz des Thinktanks Milken Institute Anfang Mai sprach Kollitides Klartext: Nach 30 Jahren „chinesischer Dominanz im Wirtschaftskrieg“ müsse die Reaktion der USA in zwei Schritten organisiert werden.4 Im ersten Schritt gehe es ums „Reparieren“, das heißt die „Rückverlagerung“ kritischer Rohstoffe, ihrer Zwischenverarbeitung und ihrer Metallisierung.
In Schritt zwei dann um das „Zerstören“: den Angriff auf die industrielle Basis der Gegner, um sie an der Entwicklung der Kapazitäten zu hindern, die die USA – mit einiger Verspätung – wiederaufbauen wollen. Ob reparieren oder zerstören – das EDU-Team verstehe sein Handwerk, betonte Kollitides. Denn alle Teammitglieder kämen „aus den Bereichen Private Equity oder fremdfinanzierte Übernahmen“.
Interessant ist allerdings Kollitides’ Analyse der US-Wirtschaft nach 1991. Die Flucht der Kapitalgeber auf der Suche nach flexibleren Vorschriften und billigeren Arbeitskräften, die Enttäuschung über die von Präsident George Bush Senior versprochene „Friedensdividende“, der hohe Preis, den die einheimische Industrie für die Steigerung des Massenkonsums bezahlt hat – all dies ist seiner Meinung nach das Ergebnis von „Denkfehlern“. Eine solche Kritik würde man eher von einem Antiinternationalisten wie Steve Bannon erwarten oder von linken Keynesianern auf einer sozialistischen Veranstaltung. Aber hier kommt sie von einem Vertreter der Finanzbranche im Konferenzsaal eines Hotels in Beverly Hills.
Im derzeitigen Wirtschaftskriegsrat des Pentagons wimmelt es nur so von Private-Equity-Managern wie Kollitides. 30 Jahre lang haben sie vom Niedergang der Industrie des Landes profitiert, nun inszenieren sie sich als Retter. Es sind diese Leute, die heute die wichtigen Entscheidungen treffen. In den USA der Nachkriegszeit kamen die Wirtschaftsstrategen und -planer von den Universitäten, aus den Gewerkschaften oder Industrieministerien. Heute rekrutieren sie sich aus den Reihen ehemaliger Mitarbeiter:innen von Investmentfirmen wie Cerberus, Apollo oder Cantor Fitzgerald. Bei ihren früheren Arbeitgebern haben sie gelernt, das Geld der Kunden zu verteilen. Dasselbe tun sie nun mit öffentlichen Geldern, wobei sie denselben Instinkten folgen und im Großen und Ganzen ähnlich gut daran verdienen. Zur Erreichung ihrer Ziele setzten sie an drei Hebeln an: Kapital, Preise und Energie.
Erster Hebel – das Kapital: Unter Feinbergs Führung fungiert das OSC mittlerweile nicht mehr nur als Kreditgeber, sondern finanziert auch den Erwerb von Unternehmensanleihen. Nach Ansicht von Experten überschreitet das OSC damit seine Befugnisse, was von der republikanischen Mehrheit im Kongress jedoch ignoriert wird. Das Pentagon hat Anteile an MP Materials und Trilogy Metals sowie Optionsscheine (Warrants) von Vulcan Elements und ReElement Technologies gekauft. Diese Beteiligungen haben jedoch deutlich weniger Aufmerksamkeit erregt als die Investitionen der US-Regierung in Anteile von Intel und Lithium Americas.
Trumps Haushaltsgesetz One Big Beautiful Bill Act hat dem OSC unauffällig Mittel in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar zugeschoben. Über Hebelwirkungen kann die Behörde damit Kredite in Höhe von rund 200 Milliarden US-Dollar über einen Zeitraum von vier Jahren vergeben, wovon je 50 Prozent für kritische Mineralien und als „wesentlich“ eingestufte Technologiesektoren (insgesamt 31) vorgesehen sind. Früher lautete das Credo in den USA, es sei nicht Aufgabe des Staats, die Gewinner im Wirtschaftswettlauf zu küren. Nach neuer Lesart kommt es vor allem darauf an, diese Unternehmen an sich zu binden, bevor China dies tut – und sicherzustellen, dass sie auch wissen, wem sie zu danken haben.
Zweiter Hebel – die Preise: Im Dezember 2024 verbot China den Verkauf bestimmter raffinierter seltener Erden an die USA, darunter Gallium, bei dem es 98 Prozent des Markts kontrolliert. Ein Jahr später setzte die chinesische Regierung das Embargo wieder aus. Trotzdem kündigte Washington im Februar 2026 das Project Vault an: einen 12 Milliarden US-Dollar schweren Fonds, der öffentliche Mittel und privates Kapital bündelt, um damit eine strategische Reserve der 60 Mineralien anzulegen, die vom staatlichen Institut für geologische Untersuchungen (U. S. Geological Survey) als „unverzichtbar“ eingestuft werden. Künftige Käufer verpflichten sich vertraglich, diese seltenen Erden zu einem festgelegten Preis zu erwerben.
Ergänzend hat die US-Regierung das Forum on Resource Geostrategic Engagement (Forge) ins Leben gerufen, eine Handelsallianz von mehr als 50 Staaten, deren Mitglieder sich im Bereich kritischer Mineralien auf Mindestpreise, Subventionen und langfristige Abnahmeverpflichtungen einigen wollen. Die USA, einst Vorkämpfer des freien Markts, haben in ihrem patriotischen Rausch offenbar die Preiskontrolle als Mittel der Wahl entdeckt.
Dritter Hebel – die Energie: Künstliche Intelligenz funktioniert nicht mit Luft, auch wenn das Silicon Valley die Geschichte der KI als Aufstieg in Sphären der höchstmöglichen Abstraktion erzählt und entsprechend wolkige Begriffe prägt – die Cloud lässt grüßen. In der Realität schafft KI vor allem einen Nachfrageschub, denn der Bedarf an Strom, Wasser, Turbinen, Uran, Speicherchips und dergleichen steigt immens.
Vor diesem Hintergrund wurde das US-Energieministerium beauftragt, der Atomkraft wieder die Bedeutung zu verleihen, die sie zu Beginn des Kalten Kriegs hatte.5 Peter Thiel persönlich soll mindestens einen Kandidaten für eine Schlüsselposition in der Nuklearabteilung des Ministeriums abgesegnet haben. Und einige der von Thiels Founders Fund geförderte Start-ups haben inzwischen die größten einschlägigen Aufträge an Land gezogen.6
Im November 2025 kündigte das Energieministerium mit einem Vokabular, das stark an das Atombombenprojekt der 1940er Jahre erinnerte, die Mission Genesis an. Darin sollen 17 nationale Laboratorien – darunter Los Alamos, Oak Ridge, Sandia und Argonne mit allein bereits 40 000 Wissenschaftler:innen – zu einer einzigen Plattform zusammengefasst werden. Ihr Fokus liegt auf KI im Dienst der Wissenschaft, und die erklärten Prioritäten reichen von der Kernfusion über kritische Werkstoffe bis hin zur Halbleitertechnik.
In diesen Bereichen hinkt das Angebot der Nachfrage um mehrere Jahre hinterher. Doch anstatt darauf zu vertrauen, dass sich der Markt über die Preise ausgleicht, reagiert die Regierung, indem sie die Prozesse per Dekret beschleunigt. Umweltstudien werden als überflüssige Anhängsel behandelt. Ohne die KI-Panik säßen die Finanziers im Dienste des Verteidigungsministeriums noch immer in ihren Büros an der Park Avenue und würden über den Niedergang Amerikas schwadronieren. In ihrer neuen Funktion im Pentagon formulieren sie nun keine Tiraden mehr, sondern platzieren Kauforders.
Vom Ausland her betrachtet erscheint das System weniger als industriepolitische Strategie denn als schiere Nötigung. Dabei ist es Washington gleich, wie seine Verbündeten das Vorgehen der USA moralisch bewerten. Man erwartet von ihnen schlicht und einfach, dass sie die Chinastrategie der USA auf allen Ebenen mittragen – von der Lieferkettenpolitik über die Speicherchipexporte und Mineralienkäufe bis hin zu den Datenschutzbestimmungen und zur Energieinfrastruktur. Als Zuckerbrot bietet Washington den Zugang zu günstigen Krediten, zu Clouddiensten und zu US-amerikanischen Grafikprozessoren. Als Peitsche droht der Verlust des Zugangs zu US-Nutzungslizenzen. Bislang stieß diese Strategie auf so gut wie keinen Widerstand.
Speerspitze dieser Politik soll die vom Weißen Haus am 12. Dezember 2025 angekündigte Koalition Pax Silica sein. Ihr Ziel: die Lieferketten im KI-Sektor abzusichern, um „übermäßige Abhängigkeiten zu verringern“.7 Der Kreis der acht ursprünglichen Partner – Australien, Israel, Japan, Saudi-Arabien, Singapur, Südkorea, USA und Großbritannien – hat sich inzwischen um Finnland, Griechenland, Indien, Katar, Norwegen, die Philippinen, Schweden und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) erweitert.
Jeder neue Unterzeichnerstaat soll eigene Stärken in die Koalition einbringen. Indien verspricht etwa die Bereitstellung von 210 Milliarden US-Dollar durch inländische Oligarchen, um KI-Infrastrukturen unter Nutzung US-amerikanischer Plattformen aufzubauen. Dass Indiens Mitgliedschaft in der Brics-Staatengruppe einen Widerspruch zu seiner Beteiligung an Pax Silica darstellen könnte, hat niemanden gestört. Die VAE bringen ihr führendes KI-Unternehmen G42 ein, das unter dem Druck der Biden-Regierung dem Einstieg von Microsoft als Anteilseigner zugestimmt und seine Verbindungen zu China gekappt hat.
Der Fall Malaysia, das kein Mitglied der Koalition ist, dürfte vielen kleineren Staaten als Warnung dienen: Im Mai 2025 hatte die stellvertretende Kommunikationsministerin des Landes eine nationale Strategie für künstliche Intelligenz angekündigt, die auf Huawei-Infrastruktur basierte. Nach 24 Stunden und einem Tweet des KI-Zaren David Sacks ruderte die malaysische Regierung zurück. Inzwischen hat auch die Europäische Kommission Gespräche über einen Beitritt zur Koalition aufgenommen, wie Bloomberg am 12. Mai meldete.
Die Niederlande, deren nationaler Champion ASML alle Hersteller moderner Mikroprozessoren auf der ganzen Welt mit Lithografiemaschinen beliefert, waren beim Gründungsgipfel anwesend, lehnten die Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung jedoch ab. Die USA arbeiten daran, sie durch ihre nationale Gesetzgebung zum Einlenken zu bewegen. Anfang April wurde das Multilateral Alignment of Technology Controls on Hardware (Match) Act im Repräsentantenhaus eingebracht. Sollte der von Demokraten wie Republikanern unterstützte Gesetzentwurf beschlossen werden, würden den in der Chipindustrie tätigen Verbündeten 150 Tage bleiben, ihre Exportkontrollen an die Vorgaben Washingtons anzupassen. Andernfalls drohten einseitige Vergeltungsmaßnahmen.
Im Fadenkreuz dieser Gesetzesinitiative steht natürlich ASML. Dessen CEO Christophe Fouquet kritisiert seit Langem, dass hinter den von Washington initiierten Beschränkungen eher wirtschaftliche als sicherheitspolitische Motive stehen. Die niederländische Regierung hat Protest eingelegt.
Mit den Ländern des Südens gehen die USA weniger zimperlich um. Seit der Zerschlagung der US-Entwicklungsagentur USAID im ersten Halbjahr 2025 läuft die Auslandshilfe über die Development Finance Corporation (DFC) und die Export-Import-Bank der USA (EXIM Bank). Beide Einrichtungen sind ganz offensichtlich als Waffen im Wirtschaftskrieg konzipiert. Ende 2025 wurde die Investitionsobergrenze der DFC auf 205 Milliarden US-Dollar und damit auf mehr als das Dreifache des bisherigen Niveaus angehoben. Zudem wurden ihre Kapazitäten für Kapitalbeteiligungen ausgebaut.
Auf einem Forum der US-Denkfabrik Council on Foreign Relations im April beschrieb DFC-Chef Benjamin Black, der ebenfalls aus dem Private-Equity-Sektor kommt und keinerlei Erfahrung in Entwicklungszusammenarbeit hat, die Mission seiner Behörde in der spröden Sprache eines Börsenmaklers: Es gehe um den „Aufbau ganzheitlicher Wirtschaftsökosysteme, die eng mit unseren Finanzmärkten verflochten, vor feindlichen Übernahmen geschützt und so strukturiert sind, dass sie hohe Renditen für den amerikanischen Steuerzahler generieren“.
In Trumps zweiter Amtszeit müssen sich also Darlehen in der Entwicklungszusammenarbeit für den US-Kreditgeber lohnen. Ein Beispiel: Im Dezember 2025 gewährte die DFC dem Betreiberkonsortium des Lobito-Eisenbahnkorridors zwischen der angolanischen Atlantikküste und der DR Kongo einen Kredit in Höhe von 553 Millionen US-Dollar. Das Ziel ist die Modernisierung des angolanischen Abschnitts dieser strategisch wichtigen Strecke, über die kongolesisches Kupfer und Kobalt (sowie langfristig auch Kupfer aus Sambia) zum Atlantik transportiert werden können. Von dort sollen sie in die US-amerikanischen Lieferketten für Batterien und Speicherchips eingehen, womit zugleich der chinesische Einfluss auf die Mineralienexporte in der Region beschränkt würde.
Hilfsgelder gegen Rohstoffe
Wenn an Bedingungen geknüpfte Kredite nicht ausreichen, drohen die USA auch schon mal damit, die Medikamentenversorgung zu kappen. Die im September 2025 ins Leben gerufene America First Global Health Strategy verpflichtet Dutzende überwiegend afrikanische Länder dazu, ihre staatlichen Gesundheitsdaten an US-Behörden und -Pharmaunternehmen zu übermitteln.
Der Vertragsentwurf für Sambia sieht etwa vor, dass 25 Jahre lang Genomsequenzen von Krankheitserregern übermittelt werden. Wer sich weigert, dem droht die Einstellung der Finanzhilfen für die Behandlung von HIV und Tuberkulose. Ein der New York Times vorliegender Entwurf aus dem US-Außenministerium zeigt die Art von Erpressung, die mittlerweile zur Norm geworden ist: Sambia wird eine Milliarde US-Dollar über fünf Jahre als Gesundheitshilfe angeboten – das ist nicht einmal die Hälfte der Gelder, die das Land bis 2025 aus den USA erhalten hat. Die Hilfe ist zudem an die Bedingung geknüpft, dass Sambia den USA mit der Unterzeichnung eines weiteren, separaten Abkommens Zugang zu seinem Kupfer, Kobalt und Lithium gewährt.8
In Kenia stoppte inzwischen ein Gericht wegen Datenschutzbedenken das bereits unterzeichnete Hilfsabkommen im Gesundheitsbereich. Und als Simbabwe beschloss, aus einer Vereinbarung über 367 Millionen US-Dollar auszusteigen, kündigte Washington sofort die schrittweise Einstellung seiner humanitären Hilfe an das Land an.
Die größte Gefahr für den Globalen Süden ist und bleibt jedoch das falsche Versprechen einer angeblich souveränen KI, die man den Ländern als Trostpflaster gewährt.9 Für sie bedeutet die Investition in die Technologien aus den USA, Rechenzentren, Chips und Software ins eigene Land zu holen und sich einzureden, man verfüge nun über eigene nationale Kapazitäten.
Was natürlich nicht der Fall ist. Chips können deaktiviert werden. Programme sind Black Boxes, deren Codes durch das Geschäftsgeheimnis geschützt sind. Und weil die Rechenzentren für gewöhnlich nicht in ein Gesamtkonzept für die Industrie eingebunden sind, dienen sie vor allem als technische Außenstellen zur Datenextraktion, die den Einfluss Washingtons nur weiter vergrößern.
Das klassische Entwicklungsszenario der 1970er und 1980er Jahre, wonach ein Land zunächst mit der Produktion von Autoteilen begann, um später komplette Autos und schließlich Elektrofahrzeuge herzustellen, hat im KI-Bereich keine Entsprechung. Und da es eine solche Strategie nicht gibt, ist die „souveräne KI“ nicht nur keine Lösung für Probleme, sondern eine Falle. Am besten verstanden hat dies bisher China, dessen Rechenzentren in der Inneren Mongolei primär der nationalen Wirtschaft dienen und erst in zweiter Linie dem Export.
Seit einigen Monaten misst die chinesische Datenverwaltungsbehörde die Wirtschaftstätigkeit im KI-Bereich in Token – also jener Einheit, die Auskunft über die Nutzung der KI-Modelle gibt. Dieses Kriterium ist eng mit dem Energieverbrauch verbunden, was neue Perspektiven für die Planung und Zuweisung von Kapazitäten eröffnet. Der Tagesverbrauch des Landes übersteigt mittlerweile 140 Billionen Token, was einer Vertausendfachung seit 2024 entspricht.
Während seines Auftritts auf der Konferenz des Milken Institute Anfang Mai lieferte George Kollitides die bislang offenherzigste Beschreibung der aktuellen Zeitenwende in Washington. Als Inspirationsquelle nannte der Chefwirtschaftsstratege des Pentagons – ganz im Ernst – das Britische Weltreich mit seinen „öffentlich-privaten Organisationen wie der Britischen Ostindien-Kompanie, die vom Staat gesteuert wurden und deren Flotten einen Hebel für die wirtschaftliche Dominanz auf der ganzen Welt darstellten“.
Dass Kollitides im Jahr 2026, ohne mit der Wimper zu zucken, eine solche Analogie herstellen kann, ohne dass sich im Publikum Widerspruch regt, spricht Bände. Niemand verwies auf die Schlacht bei Plassey im Jahr 1757, die den Beginn der britischen Kolonialherrschaft über Indien markierte, oder darauf, dass solche „öffentlich-privaten Organisationen“ den indischen Subkontinent jahrhundertelang ausgeplündert und ausgehungert hatten, um das Vereinigte Königreich zu ernähren.
Die US-Regierung setzt also nicht auf eine Neuauflage des New Deal in der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre, um die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen; sie setzt auch nicht auf die Rückkehr des waffenstarrenden Staats aus der Zeit des Kalten Kriegs. Vielmehr errichtet sie ein Geschäftsmonopol, das für gut die Hälfte der Weltbevölkerung nichts als legalisierte Ausplünderung bedeutet.
Es scheint Kollitides entgangen zu sein, dass die entsprechenden Strukturen bereits existieren. Das Pentagon entwirft die Leitlinien, die Cloudgiganten verwalten die Lager, und ein kleines Konsortium von Investmentfonds stellt das Betriebskapital bereit. Palantir analysiert die Lage. Nvidia liefert die Chips. Und das Finanzministerium erledigt den Papierkram.
Im Britischen Weltreich war es vor allem der Gewürzhandel, der das Gesamtgefüge zusammenhielt. Diese Rolle kommt heute der KI-Entwicklung zu. Die Übergänge zwischen Technologie, Profitstreben und Herrschen sind fließend. Wer versucht, das eine vom anderen zu trennen, wird als Relikt eines vergangenen Zeitalters verhöhnt, in dem Regeln und Verfahren noch etwas galten.
Die Britische Ostindien-Kompanie sicherte sich ihre Profite durch den Zugriff auf Baumwolle, Opium und Tee. Ihr heutiges Pendant profitiert wegen seiner Monopolstruktur in erster Linie durch digitale Aktivitäten, also durch von KI erzeugte Token, verarbeitete Prompts sowie mit den Daten Dritter trainierte Sprachmodelle.
Aber Länder und Völker werden auch heute noch auf klassische Weise geschröpft. Sie bezahlen die KI-Token mit Kupfer und Kobalt aus der DR Kongo sowie mit sinkenden Grundwasserständen, weil die Rechenzentren Kühlwasser brauchen; zudem liefern sambische Kliniken Genomsequenzen im Austausch für möglicherweise nie eintreffende Tuberkulosemedikamente. All das kam auf der Konferenz des Milken Institute im Beverly Hilton nicht zur Sprache. Was wiederum an den Imperialismus des 18. Jahrhunderts erinnert: Auch im Hauptquartier der Britischen Ostindien-Kompanie war die Hungersnot in Bengalen 1770 kein Thema gewesen.
5 Siehe Éva Thiebault, „Atomkraft für Chatbots“, LMd, Januar 2026.
7 „What is Pax Silica?“, US-Außenministerium, www.state.gov/pax-silica.
9 Siehe „Europas Illusion von der souveränen KI“, LMd, November 2025.
Aus dem Französischen von Markus Greiß
Evgeny Morozov ist Direktor von The Syllabus, einer Plattform zur Auswahl und Aufwertung von Wissen. Sein neuestes Buch „Les Santiago Boys“ (Divergences, Quimperlé, 2024) basiert auf dem gleichnamigen Podcast.


