13.08.2026

Crystal Meth in Mitteleuropa

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Crystal Meth in Mitteleuropa

Eine Reise von Tschechien nach Deutschland, von Produzenten zu Konsumenten

von Prune Antoine

Ein Drogenlabor im tschechischen Kyjov (Bezirk Hodonín) wird ausgehoben, Juni 2021 VÁCLAV ŠÁLEK picture-alliance/dpa/ctk
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Es ist fünf Uhr morgens, als im Gewerbegebiet am Stadtrand von Ostrava im Dunkeln die Blaulichter flackern. Bewaffnete Drogenfahnder brechen eine Metalltür auf, hinter der sich Fässer mit chemischen Ausgangsstoffen bis an die Decke stapeln, Destillationsapparaturen auf den Tischen stehen und sich der stechende Geruch von kochendem Ephedrin ausbreitet. Wieder einmal wird in Tschechien ein Geheimlabor ausgehoben.

Die Polizeiaktion ist Teil des Dauerfeldzugs gegen Tschechiens „nationale Droge“, die hier nicht Crystal Meth, sondern Pervitin genannt wird. So hieß das Aufputschmittel, das im Zweiten Weltkrieg massenhaft an die Wehrmacht ausgegeben wurde. 80 Jahre später ist die Droge in den industriellen Randzonen Zentraleuropas nach wie vor stark verbreitet. Man spricht auch vom „Kokain für Arme“. Ein Gramm Kokain kostet in der Region um die 150 Euro, ein Gramm Methamphetamin 30 Euro.

Von böhmischen Schulhöfen bis zum Prager Hauptbahnhof ist Pervitin allgegenwärtig. In Světlá nad Sázavou steht mitten in einer Ferienkolonie aus kommunistischer Zeit das größte Frauengefängnis Tschechiens. Von den 950 Inhaftierten wurden 60 Prozent wegen Drogendelikten verurteilt. Mehr als die Hälfte hat Suchterfahrung mit Methamphetamin.

Die 33-jährige Gabriela1 trägt einen grauen Trainingsanzug, die übliche Anstaltskleidung. Mit 16 nahm sie zum ersten Mal Meth, auf dem Pausenhof. Wenig später schmiss sie die Schule, wurde von ihrem Dealer schwanger und fand einen Job als Altenpflegerin in einem Seniorenheim. Wenn ihre beiden Töchter an den Wochenenden bei den Großeltern waren, setzte sie sich die Spritze.

„Als würdest du mit einem Schalter das Licht ausknipsen“, sagt Gabriela über die Wirkung der Droge, die alle Probleme verschwinden lässt: die prekären Lebensverhältnisse, die Angst, die Zeit. Anders als in den USA, wo Crystal geraucht oder durch die Nase gezogen wird, spritzen sich in Tschechien nach wie vor neun von zehn Hochrisikokonsumenten die Droge.2

Als Gabriela keine Venen mehr und auch kein Geld mehr hatte, machte ihr jemand das Angebot, Meth auf kommerzieller Basis „zu kochen“, also synthetisch herzustellen. „Das Rezept kennt hier jeder“, sagt sie. Im Altenheim verdiente sie 25 000 Kronen (rund 1000 Euro) im Monat. Man bot ihr nun das Zehnfache.

In einem verlassenen Haus in den Karpaten nahe der Grenze zu Polen kochte sie die Droge anfangs „auf Bestellung“. Schon bald wurden die Bestellmengen größer und die „Kochzyklen“ länger: Aus den Arbeitsstunden in dem einsamen Waldgebiet wurden Tage. Ihr wurde klar, wie groß das Netzwerk war, sie hörte Englisch und manchmal Spanisch. Am Ende managte sie die Belieferung von 50 Meth-Laboren, die über den Norden des Landes verteilt waren. Dann wurde sie verhaftet. „Das Gefängnis war die einzige Entzugsmöglichkeit.“

Crystal Meth, Amphetamine und andere synthetische Stimulanzien wie Cathinone sind heute die Drogen, die sich in Europa am rasantesten ausbreiten. Von 2021 bis 2023 stieg die Menge der beschlagnahmten synthetischen Cathinone von 4,5 auf 37 Tonnen – also um das Achtfache in zwei Jahren.3

Wach bleiben für die Schichtarbeit

In einer unauffälligen Villa im Prager Botschaftsviertel residiert Jakub Frydrych, Leiter der tschechischen Zentralstelle für Drogenbekämpfung. Er berichtet von einem tiefgreifenden Wandel in der Szene. Vor 1990 verhinderte der Eiserne Vorhang, dass Cannabis oder Kokain in den Ostblock vordrangen. Drogen waren tabu, ihr Konsum wurde drakonisch bestraft. Bis zum Fall der Berliner Mauer wurden in Tschechien wie auch in Polen und Ungarn Pervitin oder „Brown“, das lokale Heroinäquivalent, in den eigenen vier Wänden produziert und konsumiert.

Dabei sei es noch eine geraume Zeit geblieben, erzählt Frydrych: „In den 1990ern blieb die synthetische Herstellung kleinteilig und lokal; der tschechische Crystalmarkt war autark.“ Heute kämpften seine 240 Mitarbeiter:innen gegen „kriminelle Netzwerke aus dem Ausland, die unter Einsatz neuer Technologien – verschlüsselter Kommunikation, Darknet, Bezahlung in Kryptowährungen – groß in die Produktion einsteigen“.

Seit der Coronapandemie hat die Produktion industrielle Ausmaße angenommen. Schon 2017 wurden innerhalb der Europäischen Union die weitaus meisten Meth-Labore in Tschechien ausgehoben. Das Vordringen krimineller Strukturen aus dem Ausland wurde auch durch den Krieg in der Ukraine begünstigt, als ukrainische Produzenten dazu übergingen, ihre synthetischen Cathinone im Westen loszuschlagen. Manche ließen sich direkt in Tschechien oder der Slowakei nieder, von wo aus sie ihre Ware über Telegram und das Darknet vertrieben.4

2023 befanden sich von den 250 in der EU ausgehobenen Laboren immer noch 189 in Tschechien. Die kleinen und oftmals mobilen Hauslabore werden nach und nach von sogenannten Kombilabs abgelöst, die sich auf die Massenproduktion von Amphetaminen, Metamphetaminen und Cathinonen spezialisiert haben.

Fast jede dritte Person, die eine Behandlung in einer der 250 bis 300 Suchthilfeeinrichtungen beginnt, die in Krankenhäusern, ambulanten Praxen oder Spezialzentren integriert sind, nennt Methamphetamin als Hauptdroge. Die Zahl der Hochrisikokonsumenten, die Crystal nehmen, wird auf 38 200 geschätzt – bei einer Gesamtbevölkerung von 10 Millionen Menschen.5

Die Verfügbarkeit synthetischer Stimulanzien, die zudem immer reiner, stärker und billiger werden, hat ein nie da gewesenes Niveau erreicht. Bei Raves in der Chemsexszene gelangen die Substanzen an eine immer jüngere Kundschaft. Zugleich wächst die Zahl der Menschen, die entweder unter einer erhöhten Arbeitsbelastung oder in prekären sozialen Verhältnisse mehr Drogen konsumieren.

Überall in Mladá Boleslav hört man um zwölf Uhr mittags die Sirenen, die den Schichtwechsel bei Škoda ankündigen. Auf dem 2,2 Quadratkilometer großen Werksgelände des tschechischen Vorzeigeunternehmens laufen jede Woche tausende Autos und Autobatterien vom Band. Direkt gegenüber den modernen, nagelneuen Werkshallen liegen die heruntergekommenen Wohnsiedlungen der Belegschaft. In einem der Reihenhäuser mit bröckelnder Fassade befindet sich das Adicentrum, eine lokale NGO für Suchtprävention.

Hier gibt Tereza Müllerová nicht nur kostenlos Spritzen, Meth-Pfeifen und steriles Material aus; sie berät auch und hat stets ein offenes Ohr; auf ihre Diskretion sei Verlass, sagt sie. Allerdings dürfen Tereza und ihre Kolleg:innen keine Infoblätter an den Werkstoren verteilen. „Das schadet dem Image der Stadt“, erklärt sie. Dabei arbeitet beziehungsweise arbeitete ein erheblicher Teil der 300 Kunden des Adicentrums für die Autoindustrie.

Einer von ihnen ist der 34-jährige Tomáš. Drei Jahre lang stand er im Dreischichtbetrieb am Fließband. Immer die gleichen Bewegungen, in Minuten getaktet. Er spritzte sich regelmäßig Methamphetamine auf der Werkstoilette. „Laut Betriebsordnung war das natürlich verboten“, sagt Tomáš, „aber ich war nicht der Einzige. Man kannte sich untereinander, wir nahmen unsere Pausen zur gleichen Zeit. Die Schicht ging dadurch rascher vorbei, ich fühlte mich schneller und effizienter.“ Die aktuelle Produktivität wird in den Werkshallen, die wie Kirchenschiffe einer Kathedrale anmuten, auf Bildschirmen in Echtzeit angezeigt.

In Mladá Boleslav und anderen Industriestädten in Böhmen ist Pervitin inzwischen die chemische Antwort auf eine wirtschaftliche Frage: Wie soll man weiterarbeiten und weiterleben in Regionen, in denen von den Verheißungen des postsozialistischen Wandels nur körperliche und geistige Erschöpfung geblieben sind? Methamphetamin als Betäubungsmittel in einem Kapitalismus, der keine Luft zum Atmen lässt: immer intensiver, immer schneller, durchhalten um jeden Preis.

Im Unterschied zu dem aus Lateinamerika importierten Kokain gedeihen die synthetischen Stimulanzien „made in Europe“ auf der Schattenseite des EU-Binnenmarkts. Nachdem Mitteleuropa sich für offene Märkte und Grenzen starkgemacht habe, sei es „zur Drehscheibe der Herstellung und des Handels“ geworden, erklärt Jean-Philippe Lecouffe, stellvertretender Exekutivdirektor von Europol.6

Laut Lecouffe reduziert die Laborproduktion die logistischen Risiken für die Drogenhändler und macht sie unabhängig von landwirtschaftlichen oder klimatischen Gegebenheiten, die den Opiumanbau in Afghanistan und den Kokaanbau in Kolumbien bedingen. Dass die EU-Instanzen die Bedrohung durch synthetische Drogen ernst nehmen, zeigt die Operation „Fabrika“ vom Januar 2026: Innerhalb von knapp drei Wochen wurden 85 Personen festgenommen, 24 industriemäßige Labore in Polen ausgehoben, 1000 Tonnen chemische Ausgangssubstanzen und mehr als 120 000 Liter giftige Abfälle beschlagnahmt.7

Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass die illegale Chemieindustrie eine groß angelegte und ausgeklügelte Logistik voraussetzt, deren Ausbau durch eine strukturelle Schwachstelle begünstigt wird: Die Substanzen für die Fabrikation synthetischer Drogen sind erstens überall zu haben und zweitens nicht zu kontrollieren. Die Fachleute sprechen von „dualer Nutzung“ (dual use) der chemischen Komponenten: Ephedrin und Pseudoephedrin sind als Wirkstoffe in Arzneimitteln enthalten und in der Apotheke erhältlich; Aceton und Toluol werden in der Kunststoff-, Kosmetik- und Agrarindustrie als gängige Lösungsmittel verwendet. All diese Substanzen sind legal und werden im Schengenraum frei gehandelt.

Alarmierende Abwasserwerte in Erfurt

Lange galten Drogenherstellung und -handel als Bedrohung von außen: Kokain aus Lateinamerika, Heroin aus Afghanistan. Doch inzwischen sei auch in den USA Kokain durch Fentanyl von Platz eins verdrängt worden, berichtet Jean-Philippe Lecouffe. Deshalb gebe es in Europa mehr Kokain, das zudem immer billiger werde: „Doch das Kokain lenkt vom Hauptproblem ab. Zum ersten Mal müssen wir vor einer Gefahr warnen, die wohl innerhalb unserer eigenen Grenzen angesiedelt ist.“

In 30 Jahren Binnenmarkt ist für die Drogenhändler eine ideale Infrastruktur entstanden: Sobald die Behörden ein Molekül verbieten, finden die Netzwerke ein Derivat oder importieren Zwischenprodukte aus China oder Indien. Ein vollständiges Verbot dieser Substanzen würde zugleich Europas industrielle Wirtschaft treffen.

Die synthetischen Drogen sind also nicht nur für die Strafverfolger ein Problem, sondern auch für die Wirtschaft. Kokain ist eine Begleiterscheinung der Globalisierung, Meth das Schattengewächs des integrierten Europas. Das europäische Gegenstück zur Opioidkrise in den USA8 ist eine epidemische Ausbreitung der Stimulanzien. Doch während sich die Menschen mit Opioiden betäuben, um die Welt zu vergessen, helfen ihnen die Stimulanzien, zwanghaft Schritt zu halten.

Das nordböhmische Ústí nad La­bem war lange Europas Crystal-Meth-Haupt­stadt. Von dem Stoff wurden in den Abwässern, die die 90 000 Einwohner:innen produzieren, im Tagesdurchschnitt 586 Milligramm gefunden, ist dem Jahresbericht der EU-Drogenagentur Euda zu entnehmen.9 Das ist der höchste Messwert in Tschechien und in ganz Europa.

Die Sudetenregion ist bis heute geprägt von den Vertreibungen nach 1945, von der Stilllegung der Kohlebergwerke und von dem Grundgefühl, abgehängt zu sein. Verrostende Hochofenanlagen zeugen von einer postindustriellen Landschaft. In einem Amtsgebäude, das wie eine Untertasse aussieht und noch aus Sowjetzeiten stammt, sind wir mit dem leitenden Ermittler der örtlichen Drogenfahndung verabredet. Milan Rychnovsky nimmt kein Blatt vor den Mund: „Pervitin ist nicht nur hier ein Problem. Es ist ein ganzes Ökosystem.“

Im Stadtteil Mojžíř berichten einige Bewohner von einer Parallelwirtschaft der Drogenherstellung: Die Ausgangsstoffe werden in Polen beschafft, gekocht wird in Garagen oder stillgelegten Fabriken, von denen es seit der Wende jede Menge gibt. Ausgeliefert wird in Amazon-Boxen.

Die Bosse des Gewerbes, vorwiegend Roma, tragen geradezu klischeehaft protzige Armbanduhren und Goldketten. „Wir sehen Sachen, die eindeutig illegal sind, können sie aber nicht beweisen“, klagt Rychnovsky. „Die Verbrecher sind uns immer zwei Schritte voraus, und unsere Rechtsordnung ist ein zahnloser Tiger.“

Im Zentrum von Ústí trifft man schon in den ersten fünf Minuten auf einen typischen Vertreter der lokalen Drogenszene: David entsteigt einer schwarzen Škoda-Limousine, das schwarze Haar pomadisiert, ein orthodoxes Kreuz als Tattoo am kleinen Finger und brandneue Nike-Sneaker. Der 52-Jährige konsumiert, dealt und kocht seit 20 Jahren; im Schnelldurchlauf erzählt er uns aus seinem Leben, von einer Hepatitiserkrankung, den Kindern, die er gezeugt hat, und vom Gefängnis, in dem er auch schon saß. David erklärt uns den lokalen Markt: Die Russen kontrollierten das Heroin, Roma und Vietnamesen teilten sich das Meth. „Kommt mit, ich zeig euch, dass die ganze Stadt Meth kocht – egal wo.“ Und er deutet in alle Richtungen – gen Himmel, zum Fluss, auf das Gebäude der Stadtverwaltung. Für seine Auskünfte verlangt er 10 Euro. Dafür wird er sich eine Dosis kaufen und in einer öffentlichen Grünanlage („niemals vor meinen Kindern“) ein paar winzige Crystal-Kügelchen spritzen, die er in seiner Brieftasche aufbewahrt.

Deutschland ist nur 20 Kilometer entfernt. Lange waren die Straßen, die zur Grenze führen, ein einziges Revier der Prostitution und des Drogenhandels. Aufgrund ihrer Lage in der Mitte Europas ist eine flächendeckende Kontrolle dieser Region nahezu unmöglich. Nach der Wende schossen hier Eroscenter wie Pilze aus dem Boden, im Grenzgebiet entstand ein Schwarzmarkt für Zigaretten, junge Frauen und Pervitin.

Dann wurden im Zuge der EU-Erweiterung eine Autobahn gebaut und gemeinsame tschechisch-deutsche Zollkontrollen eingeführt. Alles änderte sich – nur nicht die Meth-Routen.

40 Kilometer nördlich der Grenze liegt die sächsische Stadt Plauen. Sie gilt als Entstehungsort der Hitlerjugend und ist heute die Hochburg der Neonazipartei Der Dritte Weg. Mehr als die Hälfte der 18- bis 21-Jährigen, die in Plauen das Berufliche Trainingszentrum (BTZ) besuchen, eine „Spe­zial­einrichtung zur beruflichen Rehabilitation von jungen und erwachsenen Menschen mit psychischer Beeinträchtigung“, sind von Psychostimulanzien abhängig. Zwischen 2006 und 2018 hat sich der Konsum von Crystal Meth in Thüringen, Bayern und Sachsen verfünffacht.

Der 47-jährige Christof erzählt, wie der grenzüberschreitende Drogenhandel nach der Wiedervereinigung angefangen hat. Er habe Meth auf den Technoraves in den 1990er Jahren entdeckt, sei abhängig geworden, dann habe ihn seine Frau verlassen. Irgendwann sei er auf der Straße gelandet – bis ihn „jemand Wichtiges“ aufgegabelt und zum Zwischenhändler gemacht habe.

„Wir fuhren zu dritt oder viert im Auto los“, erzählt Christof. „Wir holten die Ware auf der tschechischen Seite ab und marschierten zu Fuß durch den Wald.“ Die Rucksäcke seien manchmal Dutzende Kilo schwer gewesen. „Die Polizei war natürlich im Bilde. Aber lange wollte niemand die Dimension des Geschäfts wirklich wahrhaben.“

Zehn Jahre lang verkaufte Christof die Droge in Plauen und anderswo. Die Kunden seien zu ihm gekommen, ihre Bestellungen über Codes mit speziellen Emojis erfolgt: eine Schneeflocke für Kokain, zwei Flocken für zwei Gramm. Den Stoff habe er nie in den eigenen vier Wänden aufbewahrt, sondern in Verstecken im Freien. Seine Miete sei „von oben“ bezahlt worden, der Kühlschrank stets gefüllt gewesen, er habe Kleidung, Bargeld nach Bedarf und vor allem „Schutz“ gehabt.

2020 habe Christof sich erwischen lassen, um auszusteigen, danach zwei Jahre im Knast gesessen. Heute bezeichnet er sich als „clean“. Die Akteure der Drogenszene sind inzwischen andere. Lange habe er mit Deutschen oder Tschechen zusammengearbeitet; jetzt aber sollen ausländische Netzwerke – „häufig Russen“ – das Geschäft übernommen haben, die laut Christof mit rechtsextremen Gruppierungen wie den Hells Angels verbandelt sind.

Die Zollbeamten bezeichneten die gesamte polnisch-deutsch-tschechische Grenzregion als „goldenes Dreieck“ des Methamphetamins, das die globalisierten Netzwerke längst für sich entdeckt hätten, berichtet Michal Zarsky, Koordinator der tschechischen Oberzolldirektion: „In den 2010er Jahren fingen die südamerikanischen Kartelle an, ihre Expertise weiterzugeben und sich mit europäischen Zwischenhändlern zusammenzutun, die häufig aus den Balkanländern stammten.“

Laut Zarsky zeigte sich bei den jüngsten Razzien auf tschechischem Staatsgebiet, dass „50 Prozent des Crystal aus Tschechien und 50 Prozent aus Mexiko stammen, wobei der Import häufig über die Niederlande und Belgien läuft“.

Diese Internationalisierung ist eine neuere Entwicklung. Im September 2025 wurde in Polen ein mexikanischer Drogenkoch verhaftet, der den lokalen Produzenten das mexikanische Herstellungsverfahren beibringen wollte.10 In einem gemeinsamen Bericht von Europol und der Drug Enforcement Administration (DEA) heißt es, die Konfiszierung von Meth, das mexikanische Straftäter produzieren, sei inzwischen ein „auffälliges Merkmal der europäischen Drogenlandschaft“.11

Die Tram gleitet fast geräuschlos durch das mittelalterliche Stadtbild von Erfurt. Die thüringische Landeshauptstadt zählt nach einer Abwasseranalyse zu den „europäischen Meth-Hauptstädten“, als erste in Deutschland. Im Krankenhaus St. Johann Nepomuk werden die Patientinnen und Patienten, die der Psychiater und Suchtmediziner Dr. Alexander Refisch betreut, immer jünger, sie sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Der Arzt verweist auf eine Ironie der Geschichte: Metamphetamine kamen in den 1930er Jahren – unter der Bezeichnung Panzerschokolade – als Arzneimittel gegen Hunger, Kälte und Erschöpfung auf den Markt. „Synthetische Drogen arbeiten perfekt“, erklärt Refisch. „Sie übernehmen sofort die Kontrolle über das Nervensystem: Nach nur ein bisschen Crystal schüttet der Körper tausendmal mehr Dopamin aus als nach einem Glas Alkohol.“

Dieser Kick ist der Grund, warum Meth so viel schneller abhängig macht als Schnaps oder Cannabis. Schon nach kurzer Zeit reicht die Dosis nicht mehr aus. Es kommt zu massiven Entzugserscheinungen (Cravings): unkontrolliertem Zähneknirschen, kaputten Zähnen, dissoziativen Episoden. „Fast alle entwickeln früher oder später Psychosen oder wahnhafte Störungen, sodass eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit entsteht.“

Anleitung für Drogenkuriere auf Facebook

Auch die Drogenbehörde der EU bewertet in ihrem Bericht für 2024 die chemischen Stimulanzien als „ernstes Gesundheitsrisiko“, weil sie so schnell abhängig machen und gravierende psychische Schäden verursachen. Bei den Therapien, die Alexander Refisch anbietet und die bis zu vier Monate dauern, werden die Patient:innen komplett von ihrem Umfeld und von allen auslösenden Faktoren isoliert: „Das Rückfallrisiko beträgt 95 Prozent.“

An der Jenaer Uniklinik wurde 2020 das Programm „clean4Us“ begonnen, das speziell auf metamphetaminabhängige Schwangere zugeschnitten ist. Der Gynäkologe Prof. Dr. Ekkehard Schleußner leitet die Entbindungsstation und hat ein Pilotprojekt in Dresden durchgesetzt. Er spricht von einer „Suchtepidemie, die sich quer durch alle Gesellschaftsschichten zieht“. Rund 50 Patientinnen pro Jahr kommen in seine Sprechstunde, darunter Studentinnen, Anwältinnen, Hausfrauen und Mütter.

„Meth ist auch eine zeittypische Droge, die den Leistungsdruck auszuhalten hilft“, erklärt Schleußner. Während LSD in den 1960er und 1970er Jahren für die Verheißung gestanden habe, in eine andere Welt entfliehen zu können, sei Metamphetamin die Antwort auf das genaue Gegenteil: den Zwang, sich an die Dysfunktionalitäten der realen Welt anzupassen: „Die Frauen, die zu uns kommen, versuchen mittels Alkohol, Medikamenten oder digitalen Medien ihre Traumata zu vergessen oder zu verdrängen.“

Zwischen der Kinderkrebsstation und der Entbindungsstation wartet die 32-jährige Nicole vor einem Sprechzimmer auf ihren Termin. Sie weiß noch genau, an welchem Tag sie ausgestiegen ist: am 22. Dezember 2025, kurz vor Weihnachten. Sie war im siebten Monat schwanger. Das Ultraschallbild zeigte eine Fehlbildung im Gehirn ihrer Tochter. Sie zog sofort einen Schlussstrich und fuhr von ihrer sächsischen Kleinstadt zum Bahnhof Jena Paradies.

Kindheit in einer Pflegefamilie, die Jugend durch Meth verpfuscht, das sie durch die Nase zog, rauchte oder sich spritzte; das nötige Geld beschaffte sie sich erst mit Diebstählen, dann mit Prostitution. Dann wurde sie „Muli“, Drogenkurierin.

Die Anleitung zum Einstieg fand Nicole auf Facebook. Dann setzte sie sich in den Zug. Nach einer zweistündigen Fahrt durch Rapsfelder und eine Hügellandschaft mit vielen Schlössern kam sie in Cheb an, wo sie mit ihrer Kontaktperson verabredet war. Treffpunkt war eine Toilette. Sie übernahm einige Dutzend Gramm Stoff, die sie, in verschiedenen Körperöffnungen versteckt, über die Grenze nach Deutschland schmuggelte.

Im Januar 2026 wurde ihre Tochter Sofia geboren. Die Fehlbildung stellte sich als harmlose Zyste heraus; das Kind war kerngesund. Wenige Stunden nach der Entbindung wurde Sofia in einer Pflegefamilie untergebracht. Das Jugendamt, mit dem das Krankenhaus zusammenarbeitet, hält Nicole noch nicht für stabil genug.

Keine Arbeit, keine Wohnung: Zurzeit sehe sie ihre Tochter nur eine Stunde pro Woche, in der sie ihr gerade mal ein Fläschchen geben könne. Dann gehe sie wieder. „Mir bleibt keine Wahl. Ich muss für sie durchhalten.“

1 Die Vornamen wurden geändert.

2 Report on Illicit Drugs in the Czech Republic (auf Tschechisch), 2023, drogy-info.cz.

3 „Synthetische Stimulanzien – die aktuelle Situation in Europa (Europäischer Drogenbericht 2025)“, European Union Drugs Agency (Euda), 5. Juni 2025, Link auf http://www.euda.europa.eu/.

4 „Drugs on the front line. The war in Ukraine is fuelling drug use among soldiers, particularly of synthetic substances“, Global Initiative Against Organized Crime (GI-TOC), 22. Januar 2024.

5 „Synthetische Stimulanzien – die aktuelle Situation in Europa (Europäischer Drogenbericht 2026)“, Euda, 9. Juni 2026.

6 „EU Serious and Organised Crime Threat Assessment (EU-SOCTA)“, Europol, 2025.

7 „24 industrial-scale labs dismantled in the largest-ever operation against synthetic drugs“, Europol, 21. Januar 2026.

8 Siehe Maxime Robin, „Wenn der Arzt zum Dealer wird“, LMd, Februar 2018.

9 „Wastewater analysis and drugs – a European multi-city Study“, Euda, 18. März 2026.

10 Siehe Szymon Opryszek, „Mexican Cartels Are Already Operating in Poland and Central Europe“, Balkan Insight, 29. April 2026.

11 „Complexities and conveniences of the interna­tional drug trade: the involvement of Mexican criminal actors in the EU drug market“, Europol, 14. Dezember 2022.

Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld

Prune Antoine ist Journalistin und Schriftstellerin. Siehe „Eine Frau in Deutschland. Der Fall der Christiane K.“, Berlin (Hanser Berlin) 2025.

Le Monde diplomatique vom 13.08.2026, von Prune Antoine