07.08.2025

Brief aus Porto Alegre

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Brief aus Porto Alegre

von Gerhard Dilger

Zentrum von Porto Alegre, Mitte Mai 2024 MARCELO OLIVEIRA/picture alliance/zumapress
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Ich bin mit dem Nachtbus aus Montevideo angekommen und möchte die Fußgängerbrücke in die Innenstadt von Porto Ale­gre nehmen – doch sie ist gesperrt, sie führt ins Leere. Langsam verstehe ich: Die Fluten haben wohl ein ganzes Stück abgerissen und weggeschwemmt.

Vor einem guten Jahr nämlich hat eine Jahrhundertflut große Teile von Rio Grande do Sul, dem südlichsten Bundesstaat Brasiliens, verwüstet. Mindestens 184 Menschen kamen ums Leben, 25 werden bis heute vermisst, Hunderttausende verloren ihr Hab und Gut. Zugleich erreichte eine Welle der Solidarität die Gaúchos, wie die Be­woh­ne­r:in­nen dieses Bundestaats im restlichen Land genannt werden. Viele von ihnen sind traditionsbewusst, kämpferisch und ziemlich konservativ, kulturell verbindet sie einiges mit den benachbarten Uruguayern und Argentinierinnen.

Wochenlang haben sich die Menschen bemüht, Leben zu retten, Sachschäden zu begrenzen und die Not der Betroffenen zu lindern. Es war eine Katastrophe mit Ansage, doch die re­gionale Politik, in der mehrheitlich Neoliberale und Klimaskeptiker das Sagen haben, hatte auf ganzer Linie versagt: Warnungen wurden ignoriert und Zivilschutzbehörden abgebaut, Schleusen und Dämme nicht instand gesetzt.

Auf Porto Alegres Flaniermeile Por-do-Sol erinnert jetzt eine eindrucksvolle Stahlskulptur an jene dramatischen Wochen im Mai und Juni 2024: In einem Boot mit dem Namen „Brüderlichkeit“ sitzen Menschen jeden Alters, sogar ein Hund ist dabei, rundherum sind Helfer aktiv.

Einen Steinwurf weiter erstrahlt das Kulturzentrum Gasómetro nach langjähriger Renovierung in neuem Glanz. Mit seinem riesigen Schornstein ist das Wahrzeichen der Skyline schon von Weitem zu sehen, beim Anflug auf die Landeshauptstadt von Norden, vom Guaíba-See im Westen oder von den Ufern weiter südlich.

Die diesjährige Mercosur-Kunst­bien­na­le hat dort eine ihrer hochklassigen Gratisausstellungen untergebracht, ein Vergnügen. Doch dann erklärt mir meine einheimische Freundin, dass der Bürgermeister das Bauwerk für 20 Jahre an eine private Firma verpachten will, Kommerzialisierung also auch hier.

Während der Weltsozialforen, die von 2001 bis 2005 hier stattfanden, diente das frühere Elektrizitätswerk als Pressezentrum. Porto Alegre wurde damals zum Mekka einer sehr dynamischen Weltbürger:innenbewegung, die sich gegen die neoliberale Offensive seit 1990 formiert hatte. Eines ihrer geflügelten Worte lautete: „Die Welt ist keine Ware.“ Das offizielle Motto: „Eine andere Welt ist möglich.“ Das war die Initialzündung für mich, deshalb bin ich 2002 hierhergezogen – und als taz- und WOZ-Korrespondent über zehn Jahre lang geblieben.

Der kürzlich verstorbene Bernard Cassen, Attac-Mitbegründer und langjähriger Redakteur von Le Monde di­plo­ma­tique, hatte zusammen mit dem Atomgegner Chico Whitaker und dem Unternehmer Oded Grajew aus Brasi­lien die Idee zu einem volksnahen „Anti-Davos“. Als Austragungsort, der natürlich im Globalen Süden liegen sollte, bot sich ebenjene Stadt an, wo in den 1990er Jahren Luiz Inácio Lula da Silvas Arbeiterpartei PT den ersten Bürgerhaushalt entwickelt hatte. Heute gibt es auf der ganzen Welt unzählige Varianten dieser kommunalen Bürgermitsprache, bei der ein Teil des Budgets an lokal entwickelte und ausgehandelte Projekte fließt.

So wurde der „Fröhliche Hafen“ zum Schauplatz einer horizontalen Großveranstaltung, eines interkulturellen Face-to-face-Austauschs und einer globalen Vernetzung gegen Kapitalismus und Krieg. Medienwirksamer als Demos, Workshops oder das internationale Jugendcamp waren die linken Ikonen, die sich in jenen Jahren im brasi­lia­ni­schen Hochsommer ein Stelldichein gaben.

Der französische Bauernrebell José Bové und einheimische Landlose zerstörten zusammen ein Versuchsareal für Gen-Soja, die indische Schriftstellerin Arundhati Roy hielt vor Tausenden Zuhörern eine feurige Rede gegen den drohenden Irak-Krieg. Auch deutschsprachige Aktivisten kamen, wie der undogmatische Marxist und Brasilien-Freund Elmar Altvater.

Unter dem Titel „The End of the End of History“ verfasste die Kanadierin Noami Klein ein begeistertes Fazit des ersten Forums, an dem 15.000 Menschen teilgenommmen hatten, vor allem aus Lateinamerika. Vier Jahre später drängten sich zehn Mal so viele in den drückend heißen Plastikzelten. Venezuelas Volkstribun Hugo Chávez bekannte sich erstmals zum Sozialismus, andere propagierten bereits das andine Buen Vivir als Alternative zum westlichen Wohlstandsbegriff.

Diese Aufbruchstimmung ist schon lange vorbei: Das Weltsozialforum ist sanft entschlummert, die lokale Arbeiterpartei und ihr Bürgerhaushalt nur noch ein Schatten ihrer selbst. Schlagzeilen machen jetzt nicht mehr wie damals linke Wahlsiege in einer rosaroten Welle in ganz Lateinamerika, sondern die Mileis und Bukeles. Die Kräfte links der Mitte sind ebenso uneinig und in der Defensive wie in Europa und in den USA.

Wenn sich an einem sonnigen Wochenende die Portoalegrenser am Ufer des Guaíba-Sees treffen, scheint die Welt jedoch in Ordnung. Vom Gasómetro laufe ich zum Harmonia-Park, der früher voller prächtiger Bäume war.

Große Flächen des Parks wurden seit seiner Privatisierung vor zwei Jahren zubetoniert, so auch das Areal vor der Bühne. Ähnliches droht einem riesigen Stück Land weiter südlich um das Por-do-Sol-Amphitheater, wo sich Lula auf dem Weltsozialforum 2003 als frischgebackener Präsident feiern ließ. 2005 traten dort Gilberto Gil und Manu Chao auf.

Weiter südlich kommt man am WM-Stadion Beira-Rio vorbei, das im Aussehen entfernt an eine Zitronenpresse erinnert. Ich besuche eine weitere Biennale-Ausstellung lateinamerikanischer Kunst im avantgardistischen Ibe­rê-­Camargo-Museum nebenan.

Auf die größte Überraschung meines Besuchs stoße ich gleich danach: Die schöne neue Welt, weitab der nachts sehr ungemütlichen und menschenleeren Innenstadt, heißt Pontal Shopping. Nach 20-jährigem Vorlauf und viel Streit hat sich ein Konsortium das Filetgrundstück am Ufer des Guaíba-Sees gesichert, malerisch gelegen an einem großzügigen Vorsprung des Küstenstreifens mit einem 270-Grad-Panoramablick auf den See.

Bei einem Referendum 2009 hatten vier Fünftel der Einheimischen gegen die ursprünglich geplanten Luxuswohntürme gestimmt – heute wird der futuristische Komplex aus Büros, einem „Gesundheitshub“, Veranstaltungsräumen und jeder Menge Geschäfte und Restaurants stattdessen vom blau glitzernden Turm des Hilton-Hotels gekrönt.

Während der Flutkatastrophe bekam das „Life Center“ (so die Eigenwerbung), das von den Fluten verschont blieb, plötzlich eine ganz neue Bedeutung: Es wurde zu einer Rettungsstation für die Gestrandeten vom gegenüberliegenden Guaíba-Ufer. Auch daran erinnert draußen ein Denkmal – eine Menschenkette aus Stahl. Obwohl viel dafür spricht, dass Bürgermeister Sebastião Melo im Vorfeld der Flut nachlässig gehandelt hat, wurde er letzten Oktober mit 62 Prozent der Stimmen wiedergewählt.

Matheus Gomes von der PSOL (Partei für Sozialismus und Freiheit) hatte bereits 2023 im Parlament des Bundesstaats einen gut begründeten Gesetzentwurf zum „Klimanotstand“ eingebracht – doch der hat es bis heute nicht einmal auf die Tagesordnung geschafft. Der 34-jährige Politiker empfängt mich in seinem Abgeordneten­büro mit hochgesteckten Dreadlocks, weißem Hemd und bunter Krawatte mit afrikanischem Muster. Im Landtag und auf Instagram prangert er unermüdlich die Versäumnisse der Behörden an, soeben hat er gegen die Einstellung eines Disziplinarverfahrens gegen den Bürgermeister Einspruch eingelegt.

Gomes ist auch der bekannteste Kritiker von Fraport. Das weltweit aktive Frankfurter Unternehmen betreibt seit 2017 auch den Flughafen von Porto Alegre. Nach der Flutkatastrophe stand er monatelang unter Wasser und konnte erst nach sieben Monaten den Betrieb wieder aufnehmen – was die Hilfslogistik massiv beeinträchtigte.

Fraport habe beim Umbau des Überschwemmungskontrollsystems Geld sparen wollen, sagt Gomes bestimmt, und bei der Stadt habe man beide Augen zugedrückt. Die Führungsriege des Betreibers, der auch auf den letzten beiden Aktionärsversammlungen unbequeme Fragen gestellt wurden, bestreitet jegliches Versäumnis, und schiebt den brasilianischen Behörden die Verantwortung zu.

Gomes erzählt, wie er während der Katastrophe Hilfsaktionen mitorganisierte, ähnlich wie die frühere kommunistische Bundesabgeordnete Manuela d’Ávila, die in ganz Brasilien bekannt ist. Gleich zu Beginn des Desasters ini­tiier­te die Feministin eine Zufluchtsstätte für Frauen und Kinder, die in einer Schule eingerichtet wurde. Bei der vorletzten Bürgermeisterwahl verlor sie mit 45 Prozent der Stimmen gegen Melo. In der Kommunistischen Partei hat sie kein Amt mehr inne. Falls sie der PSOL beitreten sollte, könnte die 43-Jährige zur Schlüsselfigur einer neuen Linken im Bundesstaat Rio Grande do Sul werden.

Schließlich fahre ich in den nördlichen Stadtbezirk Sarandí – eine ganz andere Welt nach so viel Gentrifizierung. Tiago Santos begleitet mich durch sein Viertel. Der ehemalige Baptistenpfarrer begeisterte sich während seines Studiums für die Befreiungstheologie und gründete vor zehn Jahren zusammen mit anderen die Menschenrechtsgruppe „Coletivo Abrigo“ (Schutzkollektiv), die er heute leitet.

Santos führt mich durch die „Graffiti-Gasse“, wo 30 Künstler ein von Coletivo Abrigo mitorganisiertes Projekt umgesetzt haben. An einer Wand um die Ecke kann man sehen, wie hoch das Wasser hier gestiegen war – fast 5 Meter, fast sämtliche Häuser standen unter Wasser. Der Damm, der das Viertel vor Überschwemmungen schützen sollte, war gebrochen.

Als die Familien Wochen später zurückkamen, hatten sie alles verloren. Die meisten mussten sich mit einer einmaligen Hilfszahlung von umgerechnet 900 Euro begnügen. Vor wenigen Wochen gab es wieder starke Regenfälle, und es kam zu einzelnen Überschwemmungen. Santos schätzt, dass im 90 000-Einwohner-Bezirk wieder hunderte Familien flüchten mussten, und erzählt von Traumatisierungen: „Viele Kinder fangen an zu weinen, wenn sie nur von Regen hören.“

Klimaforscher gehen davon aus, dass die zunehmenden Regenfälle im Süden Brasiliens mit den gestiegenen Temperaturen im Amazonasgebiet zusammenhängen. 2024 waren 60 Prozent aller amazonischen Landkreise von einer ganzjährigen Rekorddürre betroffen.

In Brasilien gehört das Agrobusiness zu den größten Klimasündern. Seine Vertreter haben im Parlament großen Einfluss und zwingen den Präsidenten Lula zu einem Spagat zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschutz. Auch in Südbrasilien sind illegale Brandrodungen – auch in Flussnähe – keine Seltenheit, anschließend werden dort oft neue Sojafelder angelegt.

Tiago Santos, Manuela d’Ávila und Matheus Gomes dagegen gehören zu den Erben des Weltsozialforums. Ebenso wie die vielen anonymen Ka­ta­stro­phen­hel­fe­r:in­nen machen sie deutlich: Jener „Geist von Porto Alegre“, er lebt.

Gerhard Dilger ist Journalist.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 07.08.2025, von Gerhard Dilger