Sündenbock Roboter

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Sündenbock Roboter

Hype und Hysterie um die Digitalisierung der Arbeitswelt

von Philipp Staab und Florian Butollo

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Seit John Maynard Keynes vor rund 90 Jahren über die „wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Enkelkinder“ nachdachte und von „Drei-Stunden-Schichten oder einer Fünfzehn-Stunden-Woche“ träumte, die es ermöglichen würden, „unsere weiteren Kräfte nichtwirtschaftlichen Zwecken zu widmen“,1 ist die Frage einer alle Arbeitsbereiche durchdringenden Automatisierung regelmäßig groß diskutiert worden. Unter dem Stichwort der „Digitalisierung der Arbeitswelt“ erleben wir seit einigen Jahren die neueste Runde dieser Debatte.

Ein Bündel unterschiedlicher Technologien soll der Automatisierung zahlreiche neue Felder erschließen: Leichtbauroboter sollen die letzten Automatisierungslücken in den Fabriken schließen, das Internet der Dinge die Abläufe in der Produktion und die Interaktionen mit den Kunden verschlanken, künstliche Intelligenz im Dienstleistungssektor massenhaft Arbeitskräfte ersetzen. Die Perspektive ist ein neues Heer von Arbeitslosen, oder wie schon Keynes prophezeite: „technologische Arbeitslosigkeit, die entsteht, weil unsere Entdeckung von Mitteln zur Einsparung von Arbeit schneller voranschreitet als unsere Fähigkeit, neue Verwendungen für Arbeit zu finden“.

Ein umfassender Blick auf den derzeitigen Stand der Digitalisierung der Arbeit zeigt allerdings: Die Erfolge neuerer Automatisierungstechnologien sind weiterhin begrenzt. Woher also rührt die Panik vor der vermeintlichen Roboterapokalypse?

Mit dem Automatisierungshype sind handfeste ökonomische Interessen verbunden. Das zeigt sich beispielhaft an den Diskussionen um die „vierte industrielle Revolution“2 , wie sie in vielen OECD-Ländern seit einigen Jahren geführt wird. Der größte Marke­ting­erfolg war dabei wohl die deutsche Strategie einer „Industrie 4.0“, die auf der Hannovermesse 2011 zum ersten Mal einem breiteren Publikum präsentiert wurde. Seither sind ganze Beraterarmeen damit befasst, die zugehörigen Formeln unters Volk zu bringen – sei es in Form strategischer Unternehmensberatung oder aufwendiger Aufklärungskampagnen. Während die einen beklagen, dass menschliche Arbeit durch Maschinen ersetzt wird, bejubeln McKinsey und Co die Effi­zienz­gewinne. „Schlecht für die Gesellschaft“ (Arbeitslosigkeit) ist in diesem Sinne gleichbedeutend mit „gut fürs Geschäft“ (­Profit).

Vergleicht man die Erzählung von der vierten industriellen Revolution mit derjenigen der ersten drei (Dampfmaschine, Elektrizität, Computer) scheint sich die Entwicklung rasant beschleunigt zu haben. Wird den ersten drei noch eine Dauer von mehreren Jahrzehnten zugestanden, jagt bei ihrer digitaler Nachfolgerin eine vermeintliche Neuerung die andere: Bei der Cebit 2017 trat Japan als Gastland bereits mit seiner Vision einer „Society 5.0“ auf.

Und nur zwei Jahre später nimmt sich dieser Auftritt geradezu bescheiden aus, wenn man sich vor Augen führt, was die Beratungsindustrie so treibt: Die Unternehmensberatung Ac­cen­ture, die in Deutschland zuletzt vor allem mit der Plünderung des chronisch klammen Bundeswehretats Schlagzeilen machte, rief Ende 2018 die „Industry X.0“ aus. In der Hoffnung auf üppige Beraterverträge treibt der Hype ständig neue Blüten, noch bevor die Slogans von gestern verblüht sind.

Womöglich ist das ständige Ausrufen neuer Revolutionen nichts anderes als eine panische Reaktion auf den tatsächlich eher schleppenden Fortschritt: Die deutschen Ingenieure vollbringen offenbar weit weniger umwälzende Innovationen, als die Beraterbranche hofft. Sieht man genauer hin, so zeigt sich recht schnell, dass auch die Industrie 4.0 nur einen seit 40 Jahren dominanten Rationalisierungstrend fortsetzt. Die Fertigung wird immer weiter automatisiert, der Individualisierungsgrad der Produkte immer höher. Der Fixpunkt dieser Fantasie ist die vollautomatisierte Produktion, die Unikate zu Preisen der Massenproduktion liefert.

Davon ist man allerdings noch weit entfernt. Tatsächlich sind sich die meisten deutschen Unternehmen darüber im Klaren, dass eine wirkliche Disruption eingespielter Fertigungsprozesse riskant und teuer ist. Es ist keineswegs sicher, dass sich ein solcher Aufwand durch höhere Einnahmen refinanzieren lässt. Besonders eindrücklich zeigt sich das am Beispiel der Munsch Chemie-Pumpen GmbH. Der Hersteller industrieller Pumpen aus dem Westerwald ist einer der berühmten deutschen hidden champions des Weltmarkts.

Das Unternehmen setzte alles auf eine Karte und griff tief in die Toolkiste der Industrie 4.0: Internet der Dinge, permanenter Informationsfluss, digitale Assistenzsysteme. Zwei Mil­lio­nen verschiedene Pumpenversionen können nun theoretisch gefertigt werden, in über 200 Farben. So konnte das Unternehmen seinen Kundenstamm diversifizieren. Mehr Geld brachte das unterm Strich allerdings nicht: „Die Kunden verlangen von uns zwar immer individuellere Produkte, sind aber nicht bereit, dafür auch entsprechend mehr zu bezahlen“, sagte Geschäftsführer Stefan Munsch der Wirtschaftswoche.

Dieses Beispiel zeigt ein allgemeines Problem in der Debatte über die Industrie 4.0. Nicht nur der mediale Hype, auch der technikfixierte Blick verliert leicht den konkreten ökonomischen Nutzen aus den Augen. Unternehmen neigen allerdings dazu, die Technik nicht um ihrer selbst willen einzuführen, sondern suchen nach dem geeigneten Business Case. In der Praxis setzt man eher auf Trial and Error im Kleinen als auf bahnbrechende Veränderungen. Unternehmen bedienen sich eher einzelner Maßnahmen aus einem Strauß von Anwendungen, als dass sie konsequent eine Unternehmensstrategie à la 4.0 verfolgen. Neben erfolgreichen Projekten gibt es viele Fälle, in denen der konkrete Nutzen ausbleibt – und die experimentell eingeführten Anwendungen wieder abgeschafft werden.

Speedfactories und bunte Chemiepumpen

Ein prominentes Beispiel ist die Speedfactory von Adidas, einem Vorzeigeprojekt der Industrie 4.0, deren Eröffnung 2017 für großen medialen Trubel sorgte. Erstmals siedelte das Unternehmen die Produktion von Turnschuhen wieder in Deutschland an, im fränkischen Ansbach. Eine zweite Speedfactory entstand in Atlanta. Das Geschäftsmodell basierte auf einer weitgehend automatisierten Fabrik und zielte darauf ab, den deutschen Markt schnell mit Spezialausführungen beliefern zu können. „Als ich 1987 bei Adidas angefangen habe, wurde die Produktion gerade nach Asien verlagert“, erklärte der Ex-Adidas-Vorstandsvorsitzende Herbert Hainer. „Jetzt schließt sich der Kreis, und die Fertigung kommt zurück.“3

Tatsächlich kam jedoch nur die Herstellung von circa 500 000 Paar Schuhen pro Jahr zurück, was ungefähr 0,5 Prozent des weltweiten Produk­tions­volumens von Adidas entspricht. Aber ein wirkliches „Reshoring“, die Rückverlagerung von Produktionskapazitäten, hatte die Firma auch gar nicht im Sinn. Der Verkaufspreis eines Paar Schuhe aus der Speedfactory lag zwischen 250 und 350 Euro – billiger ist die hochautomatisierte Fertigung von kleinen Stückzahlen immer noch nicht zu haben. Sie rentiert sich also höchstens bei Nischenprodukten für eine solvente Käuferschicht. Die Speedfactory ist deshalb vor allem als Marketingvehikel zu verstehen, um Konsumtrends schnell aufzugreifen oder sie selbst zu prägen.

Im November 2019 verkündete Adidas nun die Schließung ihrer beiden Speedfactories in Ansbach und Atlanta, da die Vollautomatisierung auch in diesem bescheideneren Rahmen noch nicht die erhofften Erträge brachte. Die erprobten Technologien sollen zukünftig in zwei Zulieferbetrieben in Asien zum Einsatz kommen.

Obschon Automatisierung häufig als ökonomische Notwendigkeit oder gar historische Zwangsläufigkeit dargestellt wird, liegt ihr vor allem ein politisches Paradigma zugrunde: das der Globalisierung, die selbst seit den 1990er Jahren auf digitalen Technologien basiert. Statt die herrschende Wirtschaftsordnung infrage zu stellen, müssen Roboter als Sündenbock für die zunehmende soziale Ungleichheit herhalten. Dabei wird die technologische Arbeitslosigkeit, wie sie Keynes beschreibt, weit überschätzt und dient lediglich als Strohmann für die Verwüstungen des real existierenden Kapitalismus.

Studien, die nicht nur die theoretische Substitutierbarkeit von Arbeit, sondern auch die Veränderung von Arbeitsinhalten und die Entstehung neuer Jobs berücksichtigen, widersprechen der medial aufgebauschten Erwartung, Menschen würden bald durch Roboter ersetzt. Im Gegenteil gehen sie sogar davon aus, dass die Beschäftigungsmöglichkeiten zunehmen werden.4

Wie sich in den USA bereits seit einigen Jahren beobachten lässt, sind es vor allem frühere Apologeten von Finanzkapitalismus und neoliberaler Globalisierung wie Bill Gates oder der ehemalige Chefökonom der Weltbank Larry Summers, die heute vor der Robotisierung warnen. Sie prophezeien, dass die Hauptleidtragenden der neuen technologischen Imperative die prekär, unterbezahlt oder gar nicht Beschäftigten sein werden. Wer jedoch heute auf Kollege Roboter zeigt, will womöglich einfach nur von der fatalen Bilanz der eigenen Entscheidungen ablenken.

1 John Maynard Keynes, „Wirtschaftlichen Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“ (1930), in: ders., „Politik und Wirtschaft. Männer und Probleme. Ausgewählte Abhandlungen“, Tübingen 1956.

2 Der Begriff wurde zuerst von Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums in Davos, geprägt. Vgl. Klaus Schwab, „Die Vierte Industrielle Revolution“, München (Pantheon Verlag) 2016.

3 Zitiert nach: Roland Berger, Think:Act. COO Insights, Heft 1 (2016).

4 Vgl. zum Beispiel Katharina Dengler und Britta Matthes, „Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt“, IAB Forschungsbericht, Nürnberg, November 2015; oder den Beitrag von Alexander Herzog-Stein in: „Digitalisierung der Arbeitswelt!?“, Mitbestimmungs-Report, Nr. 24, Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf, September 2016.

Philipp Staab und Florian Butollo sind Soziologen. Von Staab erschien zuletzt „Digitaler Kapitalismus – Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Un­knapp­heit“, Berlin (Suhrkamp) 2019. Butollo ist zusammen mit Sabine Nuss Herausgeber von „Marx und die Roboter“, Berlin (Dietz) 2019.

Le Monde diplomatique vom 13.02.2020, von Philipp Staab und Florian Butollo