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Die reichen Cholos von La Paz

Die reichen Cholos von La Paz

Eine neue indigene Mittelschicht bildet das Rückgrat der bolivianischen Binnenwirtschaft. Bei den im Oktober anstehenden Wahlen kann sich Präsident Evo Morales ihrer Zustimmung nicht mehr sicher sein.

von Maëlle Mariette

Hinter dem Tresen ihrer offenen Küche stellen Juan Pablo Reyes Aguilar und Diego Lionel Rodas Zurita das Tagesmenü zusammen: Lawa de chuño, eine Suppe aus getrockneten Kartoffeln, und Charque frito, getrocknetes und gepökeltes Lamafleisch. Diese Gerichte sind von der Alltagskost des Andenhochlands inspiriert, schon die Inkas nutzten die gleichen Zutaten. Unter großzügiger Verwendung von Quinoa und Kräutern wollen die beiden Köche alte Traditionen wiederbeleben und jede Speise gebührend inszenieren.

Ihr Restaurant Popular Cocina Boliviana (Volkstümliche bolivianische Küche) befindet sich im ersten Stock eines Hauses mit Patio in der Calle Murillo, einer belebten Straße, die zu den Märkten von Boliviens Hauptstadt La Paz führt. Früher beherbergte das Gebäude einfache Wohnungen, jetzt gibt es hier eine Rösterei für bolivianischen Kaffee und ein Geschäft für Textil-Kunsthandwerk. Das Restaurant ist seit seiner Eröffnung 2018 mit seiner Fusionsküche extrem erfolgreich. Es gibt nur ein Tagesgericht (jeweils mit vegetarischer Variante), das Personal serviert in schwarzen T-Shirts und dem Aguayo, einem traditionellen Überwurf aus den Anden.

Jeden Tag steht eine lange Schlange vor dem Eingang, und wer nicht schon lange im Voraus reserviert hat, hat kaum Chancen, einen Platz zu ergattern. Das Menü kostet 65 Bolivianos (fast 10 Euro, das durchschnittliche Monatsgehalt liegt bei 450 Euro) und zieht damit eine deutlich weniger volkstümliche Klientel an, als der Name suggeriert: leitende Angestellte im Anzug, junge Anwälte, Mitarbeiter der umliegenden Ministe­rien, dazu Touristen, die Empfehlungen im Internet gelesen haben.

Das Popular steht für eine Entwicklung, die man in der gesamten Region seit etwa 15 Jahren beobachten kann: Selbst in Bolivien, dem ärmsten Land Südamerikas, entstand eine neue Mittelklasse, die die Wahlaussichten der Parteien auf den Kopf stellt. Obwohl sich diese Klasse erst dank der Umverteilungspolitik progressiver Regierungen herausbilden konnte, profitiert davon nicht unbedingt die Linke. „Nach einer gewissen Zeit setzen die neuen Mittelschichten eher auf Marktwirtschaft statt auf eine staatlich gelenkte, protektionistische Politik“, freute sich 2010 der leitende Lateinamerika-Redakteur der Wochenzeitung The Economist.1

Raúl García Linera, Bruder und Berater des amtierenden Vizepräsidenten Álvaro Linera, diagnostiziert denn auch einen „gesellschaftlichen Trend zum Konservatismus“. Mit wachsendem Lebensstandard mache sich das Gefühl breit, man brauche die herrschende Ordnung nicht mehr zu verändern. Ist es das Schicksal linker Regierungen, dass sie ausgerechnet von den Menschen, die von ihrer Politik am meisten profitiert haben, schließlich aus dem Amt gejagt werden? Bringt diese Politik zwangsläufig ihre eigenen Totengräber hervor? Diese Fragen erweisen sich in Bolivien als umso dringlicher, als dort im Oktober gewählt wird und der seit 2006 amtierende Präsident Evo Morales eine vierte Amtszeit anstrebt.

„Das Wichtigste ist die Produktivität“, erklärt Wirtschaftsminister Luis Alberto Arce Catacora, als er auf die unerwünschten Auswirkungen seiner Wirtschaftspolitik angesprochen wird. „Das Wort ‚produktiv‘ ist so wichtig, dass wir es auch in das neue Bildungsgesetz geschrieben haben: Bildung muss produktiv sein. Wir wollen diese Idee schon in den Köpfen der Kleinsten verankern.“ Nach Meinung von Arce Catacora und Vizepräsident Álvaro García Linera muss jeder Umverteilung eine hochproduktive Phase vorausgehen. Dafür ist ein Mindestmaß an sozialem Frieden ebenso erforderlich wie ein dynamischer Binnenmarkt.

Doch der soziale Frieden ist längst nicht gesichert. Schon während Morales’ erster Amtszeit versuchten die Großgrundbesitzer des östlichen Tieflands, vor allem im Departamento Santa Cruz, einen Staatsstreich gegen ihn anzuzetteln.2 Die Regierung muss ständig mit einer Opposition rechnen, die sich nicht übermäßig um demokratische Grundsätze schert, und sie muss Wege finden, um ihre Ziele zu erreichen, ohne jemandem direkt auf die Füße zu treten.

Anstatt sich der mächtigen Agrarindustrie frontal entgegenzustellen, gründete man zum Beispiel 2007 ein staatliches Unternehmen zur Unterstützung der Nahrungsmittelproduktion (Emapa), um kleinen Landwirten zu helfen. Die Emapa kauft den Kleinbauern Reis, Weizen, Soja oder Mais zu Preisen ab, die über denen des Markts liegen, sollten Letztere sich gerade im Keller befinden. Daraufhin sahen sich die großen Agrarkonzerne gezwungen, ihre Preise an denen der Emapa auszurichten oder diese sogar noch zu überbieten. „Der Markt beruht nicht auf reiner Spekulation“, sagt Jorge Guillen, Leiter der Emapa im Departamento Santa Cruz. „Die Emapa sorgt dafür, dass die Agrarindustrie nicht allein die Preise bestimmen kann“, ergänzt Vizepräsident Álvaro García Linera. „Damit wird die Position der Kleinbauern gestärkt. Der Staat greift hier in einen unfairen Kampf zwischen zwei wirtschaftlich sehr ungleichen Wettbewerbern regulierend ein.“

Eine Win-win-Logik, die sich auch in den Maßnahmen zur Stimulation des Binnenkonsums wiederfindet. In den Innenstädten sind neuerdings kleine Schilder mit der Aufschrift „Esfuerzo por Bolivia“ (Einsatz für Bolivien) zu sehen. Sie bezeichnen Unternehmen, die an einem 2018 gestarteten Programm zur Förderung der lokalen Produktion teilnehmen (das entsprechende Gesetz stammt bereits aus dem Jahr 2013): Sollte das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) mehr als 4,5 Prozent betragen, müssen Arbeitgeber ihren Beschäftigten ein doppeltes 13. Monatsgehalt (doble aguinaldo) zahlen, sofern deren Einkommen unter einer gesetzlich festgesetzten Schwelle liegt (2018 waren es 15 000 Bolivianos pro Monat, etwa 2000 Euro, das ist mehr als das Siebenfache des Mindestlohns). In diesem Jahr erhielten Staatsbedienstete erstmals 15 Prozent dieses Zusatzgehalts auf eine Smartphone-App, mit der sie nur in Bolivien hergestellte Produkte bei vorab registrierten lokalen Händlern kaufen können.

Obwohl diese Regelung bei den Gewerbetreibenden zunächst auf Widerstand stieß, weil sie ihren Angestellten das zusätzliche Monatsgehalt zahlen mussten, sind sie inzwischen von ihr überzeugt: „Ob Schuh- oder Ponchohändler oder Eisverkäufer, alle haben sich registrieren lassen“, erzählt uns eine Kundin an einem Stand in der ­Calle Max Paredes, einer der Haupteinkaufsstraßen von La Paz. „Die App ist gut gemacht: Du gibst ein, welches Produkt du suchst, und Google Maps zeigt dir an, wo du es kaufen kannst. Dann gibst du dem Verkäufer einen Code und zahlst mit der App. Dieses System ist wirklich erfolgreich, die kleinen Geschäftsleute berichten, sie hätten noch nie so viel verdient.“

„Umverteilen bedeutet soziale Gerechtigkeit, aber es dient auch als Treibstoff für die Binnennachfrage“, erläutert Vizepräsident García Linera. Umverteilung, Konsum, Produktion, Wachstum: Dieser dynamische Wirtschaftskreislauf scheint in Bolivien zu funktionieren. Doch wenn man die Nachfrage ankurbelt, führt das auch zu einem Konsumverhalten, das unerwünschte politische (und ökologische) Folgen haben kann.

Das MegaCenter im wohlhabenden Wohnviertel Irpavi ist seit seiner Eröffnung 2010 an Feierabenden und Wochenenden gut besucht: Es bietet 18 Kinosäle, in denen die neuesten Hollywood-Blockbuster laufen, manche sogar in 3D, dazu viele internationale Franchise-Restaurants wie Burger King oder Hard Rock Café, Boutiquen, ein Irish Pub, eine Bowlingbahn, eine Sporthalle, VIP-Lounges, eine Paintball-Arena, eine Eislaufbahn und ein dreistöckiges Parkhaus. Solche Einkaufszentren schießen in allen großen Städten des Landes aus dem Boden und belegen, dass die US-amerikanische Kultur der Shoppingmalls jetzt auch Bo­li­vien erobert hat, wo es bis vor wenigen Jahren noch nichts dergleichen gab.

Diese Entwicklung ging nicht problemlos vonstatten. Nachdem im Dezember 2014 das Seilbahnnetz zwischen Irpavi und La Paz’ armer Schwesterstadt El Alto eröffnet worden war, gelangten immer mehr indigene Familien aus einfachen Verhältnissen, mit ihren Hüten, Ponchos und polleras, den traditionellen Röcken der Frauen, ins MegaCenter. Da sie mit der Etikette einer Shoppingmall nicht vertraut waren, ließen sie sich einfach auf den Boden nieder, um Süßigkeiten und eine Flasche Limo miteinander zu teilen, oder legten sich in den Ziergärten schlafen. Das neue Publikum zog wiederum zahlreiche Straßenhändler an, die billiges Essen verkauften. „Diese Indianer verdrecken das MegaCenter“, ereiferten sich daraufhin Anwohner und Kunden in den sozialen Netzwerken: „Seit sie herkommen, liegt überall der Müll herum.“

Andere, kaum weniger ignorant, versuchten die indigenen Besucher zu verteidigen: „Das ist ihre Kultur. Sie setzen sich auf den Boden, um in Kontakt mit Mutter Erde zu sein.“3 Schließlich hängte man Schilder mit der Aufschrift „Picknick verboten“ auf, und der Konsumtempel wurde wieder zu jenem komfortablen Ort, an dem man mit der Popcorntüte in der Hand einen amerikanischen Film gucken und Hochzeitsfotos machen kann. Natürlich gibt es im MegaCenter auch „Superschnäppchen“ und „Verrückte Preise“, wie beim Black Friday im November, der aus den USA für den Weihnachtseinkauf importiert wurde.

„Die Leute, die hier reingehen, kommen eher selten als Kommunisten raus“, seufzt Kommunikationsminister Manuel Canelas, der die Stimmen der Mittelklasse für die Wahl im Oktober gewinnen soll. Er meint, die Regierung habe einen Fehler gemacht, als sie den Konsum zum Wert an sich erhob, denn damit liefe sie Gefahr, die politische Dimension ihres Vorhabens aus dem Blick zu verlieren. „In den vergangenen Jahren entstanden zum Beispiel in Bolivien immer mehr Sportstudios und Fitnessklubs, vor allem in La Paz. Daran kann man gut erkennen, wie sich die Gesellschaft verändert hat: Dank der besseren Lebensverhältnisse hat man mehr Zeit, sich um seinen Körper und sein Äußeres zu kümmern.“

Canelas, der offen homosexuell lebt, zeichnet für uns den typischen Lebenslauf eines 25-jährigen Bolivianers: Der ist nicht mehr in dem armen Vorort aufgewachsen, aus dem seine Eltern stammen, und „hat sich in anderen Räumen sozialisiert“, seine Identität an Orten ausgebildet, „wo kollektive Normen nicht im Vordergrund stehen“. So ein junger Mann sei nicht egoistischer als sein Vater oder seine Mutter, aber er habe weniger Anlass, „sein ganzes Leben in einer Gewerkschaft zu kämpfen“: Er habe „einen anderen Bezug zum Allgemeinwohl“ – und damit auch andere politische Präferenzen.

Er sieht die Lösung darin, das Angebot öffentlicher Dienstleistungen und deren Qualität zu verbessern, damit man nicht länger Wohlbefinden und Lebensqualität allein mit Individualismus und Privateigentum verbinde. „Das ist die einzige Möglichkeit, bei jungen Menschen ein politisches Bewusstsein zu entwickeln, das mit den Ideen unserer Revolution übereinstimmt“, meint Canelas. Deshalb empfiehlt er, „Parks und öffentliche Räume zu schaffen, wo man Sport treiben oder mit der Familie hingehen kann, wo man die Nachbarn trifft und miteinander spricht, wo sich eine Gemeinschaft bilden kann. Wenn man solche Orte aufsucht, gewinnt man eine andere Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Bürger zu sein, als wenn man in einem privaten Sportklub seine äußere Erscheinung pflegt.“

Raquel Lara, Beamtin im Außenministerium, sieht noch ein anderes Problem: „Meine 24-jährige Tochter weiß nichts von den Errungenschaften der Vergangenheit, zum Beispiel vom sogenannten Gaskrieg.4 Die heutige Jugend ist unpolitisch: Sie ist weder informiert noch entsprechend ausgebildet. Es gibt keine Diktatur mehr, gegen die man kämpfen muss, politische Auseinandersetzungen sind nicht mehr spannend.“

Diese Argumentation überzeugt die Medienwissenschaftlerin Jazmín Valdivieso, die selbst noch keine 30 Jahre alt ist, nicht: „Man muss den Jungen auch etwas bieten. Es reicht nicht, immer nur zu sagen, ‚es geht uns besser als damals während der Diktatur‘.“ Sie seien schon engagiert, aber auf anderen Gebieten: „Die städtische Jugend der Mittelschicht“ bestimme heute die Themen, was Valdiviesos Meinung nach viel mit der demografischen Entwicklung zu tun hat: „Es gibt viel weniger junge Menschen auf dem Land. Sie bleiben dort nur bis zum Alter von 14 oder 15 Jahren und ziehen dann zum Studieren oder Arbeiten fort. So werden sie Stadtbewohner.“

Valdivieso fügt hinzu, dass sich die Jungen für Frauenrechte, LGBT-Rechte, für Tiere und die Umwelt einsetzen würden – aber eben außerhalb der Parteien. „Die jungen Leute sind keine Parteigänger mehr, sondern Aktivisten. Viele sind überzeugt, dass die Politik durch Korruption verdorben ist, dieses Gefühl ist in der Mittelschicht ziemlich verbreitet.“

Aber kann man in einem Land wie Bolivien überhaupt von „der“ Mittelschicht sprechen? Zu dieser Kategorie zählen die Gebildeten in den besseren Vierteln von La Paz wie San Miguel und Sopocachi ebenso wie die Beschäftigten des um neue Staatsbetriebe erweiterten öffentlichen Dienstes; dazu gehören die Jungen, deren Ansprüche durch die verbesserten Bildungsmöglichkeiten gewachsen sind, während der Arbeitsmarkt noch nicht genügend Stellen für höher Qualifizierte bereithält; und auch die Händler, Handwerker und Kleinunternehmer, Leute aus armen Verhältnissen mit dunkler Hautfarbe, deren Lebens- und Arbeitsbedingungen deutlich besser geworden sind.

Cholos werden die Indigenen der Städte genannt. Sie sind gewöhnlich in Gewerben aktiv, die kaum Bildung voraussetzen, und vertreten weniger die auf dem Land noch maßgeblichen traditionellen Werte als vielmehr die Vorstellungen einer aktiven Handelsgemeinschaft.5 Nichts deutet darauf hin, dass die Strategie von Leuten wie Kommunikationsminister Canelas, die das politische Bewusstsein dieser Schicht fördern wollen, nachdem die Regierung bislang eher ihre Neigung zum Konsumismus gefördert hat, Früchte trägt.

Der rassistische Hass der Oberschicht bricht wieder hervor

Ursprünglich hatten die Cholos Evo Morales unterstützt, zunächst wegen seiner ethnischen Herkunft: „Hier hat sich etwas verändert, hier hat es eine Revolution gegeben“, erklärte ein Einwohner der Indigenenstadt El Alto vor fünf Jahren gegenüber der Financial Times.6 „Mit der Wahl unseres Präsidenten Evo Morales ist unsere Kultur jetzt ans Licht getreten.“

Die Begeisterung der Cholos wurde auch durch die Entschlossenheit des Staats geweckt, dessen Maßnahmen dieser Schicht sehr genützt haben: Mittlerweile beherrscht diese einen großen Teil des Binnenhandels und ist zu einem wichtigen wirtschaftlichen Akteur aufgestiegen.

Die Revolution, von der der Mann aus El Alto sprach, hatte noch weitere Folgen: „Jetzt kann ich sagen: ‚Ich habe Geld, und ich mache damit, was ich will.‘ “ Zum Beispiel ein Cholet bauen, ein „Cholo-Chalet“, in Anspielung auf die Ferienhäuser in der Schweiz, die als Symbol wirtschaftlichen Erfolgs gelten. In El Alto sind die markanten Gebäude nicht zu übersehen. Die wohlhabendsten Händler stellen gern ihren Reichtum durch den Bau eines prunkvollen Cholets zur Schau, das möglichst das des Nachbarn übertrumpfen soll: mit fünf, sechs, manchmal sogar sieben Etagen und riesigen Fensterfronten, auf einer Grundfläche von zuweilen mehr als 500 Quadratmetern, in leuchtenden Farben gestrichen und mit einer Architektur zwischen Kitsch und Protz.

Doch zwischen Regierung und Cholos ist es zum Bruch gekommen, behauptet der An­thro­po­lo­ge Nico Tassi, ein Spezialist für indigene Ökonomie: „Der erste Konflikt entstand in dem Moment, als die Regierung der informellen Wirtschaft den Kampf ansagte.“ Das war zu Beginn der 2010er Jahre. Der informelle Sektor erwirtschaftet 60 Prozent des BIPs, in ihm sind 70 Prozent der Erwerbstätigen beschäftigt.7 Als der Staat die Kontrollen verstärkte, interpretierten die Betroffenen dieses Vorgehen als Ausdruck des Misstrauens ihnen gegenüber. Abgesehen von dem üblichen Unwillen, Steuern abzuführen, kam Unerwartetes hinzu: Die Verbesserung der Daseinsvorsorge durch eine staatliche Sozialversicherung war den Bürgern nicht wichtig. Erst unter Präsident Morales kamen sie in den Genuss solcher Dienste; bis dahin waren sie mit den vorhandenen Möglichkeiten sehr zufrieden.

Oberste Priorität hat für die Cholos die lokale Gemeinschaft, die mit dem Wohlstand noch an Bedeutung gewonnen hat, denn der wirtschaftliche Erfolg wird auf die eigene starke kulturelle Identität zurückgeführt. Tassi zufolge bildeten die Cholos ursprünglich eine Unterschicht, die nicht von äußeren zivilisatorischen Institutionen wie Staat, Kapital, Schule oder anderen Organisationen abhängig war. Morales’ „plurinationale Revolution“, die auf dem Respekt kultureller Differenz beruht, war für sie eine Einladung, sich eigenständig weiterzuentwickeln, ihre eigenen Einrichtungen und ihre eigene Kultur zu stärken, die vorher unterdrückt worden waren. So bedeutete der Aufstieg in die Mittelschicht für sie keinen Bruch mit der vorigen Lebensweise, sondern eher deren Verstärkung. Man zeigt seinen Reichtum nicht durch europäischen Lebensstil und Konsum, sondern auf die Art der Cholos.

Deshalb spielen beispielsweise die Prestes, die äußerst ausschweifenden Feste der Aymará, eine entscheidende Rolle in der neuen Cholo-Mittelschicht. Die zu diesem Anlass getragene Kleidung und der Schmuck, der manchmal so kostspielig ist, dass ein Sicherheitsdienst bestellt werden muss, demonstrieren wirtschaftlichen Erfolg und den eigenen sozialen Status. Angesichts des Stolzes der „neureichen Indios“ (Indios con plata) bricht der rassistische Hass der Oligarchie und der weißen Mittelschicht, die ihre Privilegien gefährdet sehen, wieder hervor.

Für die Cholos bedeutet ihre Verwurzelung in der Gemeinschaft keineswegs, sich von der Welt abzuschotten. Ganz im Gegenteil: Der etwa 60-jährige Landwirt Paulino Santos erzählt mit einem zahnlosen Lächeln im wettergegerbten Gesicht und voller Selbstbewusstsein, dass er viel Geld verdient. Er bestellt nicht nur seine Felder, sondern führt auch zusammen mit seiner Tochter ein Schneideratelier und will jetzt nach China reisen, um dort neue Abnehmer zu finden.

Die Verbindungen der Cholo-Händler nach China sind inzwischen so gut, dass sich der erste von Morales nach Peking entsandte Botschafter zunächst ganz selbstverständlich an diese Gemeinschaft wandte, um sich kundig zu machen. Wenn es um Verhandlungen mit multinationalen Konzernen geht, kommen die Händler von La Paz gut ohne den Staat aus. So gelang es ihnen, Samsung dazu zu verpflichten, seine Produkte nur in unabhängigen einheimischen Geschäften anzubieten. Der südkoreanische Konzern betreibt zwar einen offiziellen Showroom in der Calle Eloy Salmon in La Paz, darf dort aber nichts verkaufen.

„Es ist ein Glück für Bolivien, diese indigene Mittelschicht zu haben, mit ihrer ganz eigenen Gemeinschaftlichkeit und ihren Netzwerken“, erklärt uns Vizepräsident García Linera. „Mit ihr kann man sich eine Fortsetzung des gesellschaftlichen Veränderungsprozesses, der mit Morales begann, vorstellen.“ Auch wenn, so fügt er hinzu, diese Klasse nun konsumorientierter und individualistischer sei als die Bevölkerungsgruppe, aus der sie ursprünglich stammt. Die aufstrebende Cholo-Mittelschicht bilde das Rückgrat der Wirtschaft des Landes. In einer Mischung aus Effi­zienz und Gemeinschaftsethik stelle sie, so García Linera optimistisch, „neue Instrumente bereit, um den politischen Wandel zu denken und weiterzuführen“.

Falls Morales und sein Team wiedergewählt werden, müssen sie jedenfalls sehr viel taktisches Geschick und strategische Flexibilität aufbringen, um diese Gruppe, die sich am Rande der „demokratischen und kulturellen Revolution“ Boliviens herausgebildet hat, in ihr Zukunftsprogramm einzubinden.

1 „Democracy, Latino-style“, The Economist, London, 11. September 2010.

2 Siehe Maurice Lemoine, „Die Würde der Armen und die Wut der Reichen. In Bolivien rebelliert das weiße Establishment“, LMd, September 2009 .

3 Siehe Maëlle Mariette, „Barfuß in Ecuador“, LMd, März 2018.

4 Dieser Volksaufstand, bei dem es um Erdgasexporte in die USA ging und Evo Morales sich seine ersten Meriten erwarb, führte im Oktober 2003 zum Sturz von Präsident Sánchez de Lozada.

5 Die Bezeichnung wurde im Lauf der Zeit auf alle Menschen mit indigenen Wurzeln ausgedehnt, die nicht die Berufe und den Lebensstil der weißen Oberschicht übernehmen, sondern an der Entwicklung einer lokalen Ökonomie mitwirken, die durch informelle Beziehungen und Netzwerke in der unmittelbaren Umgebung gekennzeichnet ist.

6 Andres Schipani, „Bolivia’s indigenous people flaunt their new-found wealth“, Financial Times, London, 4. Dezember 2014.

7 „Women and men in the informal economy: A statistical picture“, Internationale Arbeitsorganisation (ILO), Genf, 2018; Leandro Medina und Friedrich Schneider, „Shadow economies around the world: What did we learn over the last 20 years?“, Internationaler Währungsfonds (IWF), Washington, D. C., 2018.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Maëlle Mariette ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 12.09.2019, Maëlle Mariette