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Dreck am Ball

Die Geschäfte der Fifa von David Garcia

Die Fußballweltmeisterschaft 2010 soll ganz Afrika zugutekommen: „Unsere Devise ‚Gewinnen in Afrika für Afrika‘ macht diese Absicht deutlich. Bis 2010 werden wir für jeden afrikanischen Verband einen Kunstrasenplatz bauen“, versprach Joseph Blatter, Präsident des Weltfußballverbands Fifa (Fédération Internationale de Football Association) am 11. Juni 2009, exakt ein Jahr vor Beginn der Weltmeisterschaft in Südafrika.1 Angesichts der Probleme im Austragungsland, das am Erbe der Apartheid und den krassen sozialen Gegensätzen immer noch schwer zu tragen hat, wirkt diese Großzügigkeit etwas lächerlich. Richtig ist allerdings, dass das Unternehmen Fifa eine satte Bilanz vorweisen kann. Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise scheint am reichsten Sportverband der Welt spurlos vorüberzugehen.

Die 1904 gegründete Fifa hat für das Geschäftsjahr 2009 einen Gewinn von 147 Millionen Euro verbucht; das Verbandsvermögen hat sich mittlerweile auf stattliche 795 Millionen Euro erhöht. „Und genau so erfreulich sieht es für die Zukunft aus“, verkündet Julio Grondona, der Vorsitzende der Fifa-Finanzkommission. Die Weltmeisterschaft 2014, die in Brasilien stattfindet, sei bereits jetzt äußerst populär, schreibt Grondona, der seit 1979 Präsident des argentinischen Fußballverbands ist, in seinem Jahresbericht 2009: „Neben den bereits bestehenden Vereinbarungen mit den sechs Fifa-Partnern2 haben wir die ersten nationalen wie internationalen Sponsorenverträge unterzeichnen können. In diesen Zeiten der wirtschaftlichen Instabilität erweist sich unser Leuchtturm-Event als sicherer Wert, der eine Kombination von Spannung, Unterhaltung und Spitzensport darstellt und damit eine hervorragende Plattform für die großen Marken bietet.“3

Aus kommerzieller Sicht ist die Weltmeisterschaft 2010 ein „exzellentes Sprungbrett für die Expansion in den afrikanischen Markt, genau wie sie es 1994 für den amerikanischen und 2002 für die asiatischen Märkte war“, konstatiert des Soziologen Patrick Vassort, ein Experte für die Beziehungen zwischen Fußball und Politik.4

Das innige Verhältnis zwischen den großen Marken und der Fifa besteht bereits seit 36 Jahren. Der Ehebund wurde am 11. Juni 1974 in Frankfurt am Main, während der Fußball-WM in Deutschland vollzogen. An diesem Tag gewann der Brasilianer João Havelange die Wahl zum Präsidenten des Weltverbands gegen den scheidenden Briten Stanley Rous. Als Königsmacher im Hintergrund agierte diskret und effizient ein Mann namens Horst Dassler. Der damalige Chef des Sportausstatters Adidas France beschränkte sich darauf, wie der Journalist Andrew Jennings beschreibt, „Geldbündel an die Delegierten zu verteilen, die noch unentschieden waren oder die geeignet schienen, andere Stimmberechtigte zu ködern und zur Unterstützung von Havelange zu bewegen“.5

Tags darauf begannen die Flitterwochen zwischen dem Fußballweltverband und seinen Geschäftspartnern mit der Unterzeichnung immer neuer und lukrativerer Verträge. In seliger Erwartung des künftigen Geldsegens schuf die Fifa-Zentrale drei neue Abteilungen für Kommunikation, für Entwicklung und für Marketing.

Der umtriebige Horst Dassler überzeugte Coca-Cola, die Kampagnen des João Havelange zu finanzieren: Programme zur Trainerausbildung, neue Turniere, Schiedsrichterlehrgänge. Dafür erhielt das Unternehmen das Recht, „sein Logo der gesamten Weltmeisterschaft aufzudrücken. Als Coca-Cola unterzeichnet hatte, wollten alle anderen auch dabeisein.“6 Damit hatte der Weltverband einen „faustischen Pakt mit den multinationalen Unternehmen“ geschlossen, konstatiert der Fußballhistoriker Paul Dietschy.7

Der Visionär Dassler hatte vor allen Konkurrenten das riesige wirtschaftliche Potenzial des Fernsehens erkannt. Mit der 1983 erfolgten Gründung der Marketingfirma International Sport and Leisure (ISL) stieg der Adidas-Chef8 zum wichtigsten Partner der Fifa auf und verhalf ihr zu üppigen Einnahmen. Das Geschäft funktionierte nach einem bewährten Mechanismus: Die ISL kaufte die Fernsehrechte von der Fifa und gab sie teurer an die Sender weiter. Eine Win-win-Situation für die Aktionäre von Adidas und einige Herren des Verbandes. Für ihre Treue zur Marke mit den drei Streifen bezogen mehrere hohe Fußballfunktionäre hohe Schmiergelder – bis zum unrühmlichen Bankrott der ISL im Dezember 2001.

Gegen den ehemaligen ISL-Vizepräsidenten Jean-Marie Weber, einen langjährigen Freund Blatters, und fünf weitere Manager des Unternehmens wurde wegen Betrugs ermittelt. Im März 2008 begann der Prozess vor dem Schweizer Kantonsgericht in Zug; laut Anklage sollen die Beschuldigten 70 Millionen Euro veruntreut haben. Das Geld kam von den Fernsehstationen Globo (Brasilien) und Dentsu (Japan), die sich die Übertragungsrechte für die Weltmeisterschaften 2002 und 2006 sichern wollten. Zwar weigerte sich Weber, der in der Anklageschrift als zentrale Figur eines „Korruptionssystems“ bezeichnet wurde, wie auch die anderen Beschuldigten, die Empfänger dieser „Vermittlungsgebühr“ zu nennen.

Doch zumindest zwei Fifa-Granden sind mittlerweile identifiziert: Nicolas Leoz, Präsident des Südamerika-Verbands (Conmebol), der im Januar und Mai 2000 insgesamt 211 625 Schweizer Franken (147 518 Euro) erhalten haben soll, und Muhidin Ndolanga, ehemaliger Präsident des tansanischen Fußballverbands, an den im Dezember 1999 umgerechnet 11 138 Euro geflossen sein sollen.9

Im Grunde sind die Chefs der Fifa wie große verwöhnte Kinder. Die 24 Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees und die sieben Vizepräsidenten dürften „mächtiger und besser bezahlt sein als ihre Kollegen in jedem multinationalen Privatunternehmen vergleichbarer Art“. Und Blatters Salär, das geheim gehalten wird, soll knapp 4 Millionen Euro pro Jahr betragen.10

Während des ISL-Prozesses gestanden die sechs Angeklagten am Ende, in den 10 Jahren vor der Pleite der ISL über ein Liechtensteiner Konto insgesamt 96,2 Millionen Euro an Schmiergeldern gezahlt zu haben. Da in der Schweiz zum Tatzeitpunkt die Zahlung von Provisionen noch nicht unter Strafe stand, wurden drei der früheren ISL-Bosse freigesprochen. Und ihre „Partner“ bei der Fifa, deren Verantwortlichkeit der Prozess erwiesen hat, konnten überhaupt nicht belangt werden.11

Joseph Blatter, der 1998 als Nachfolger Havelanges gewählt wurde, hat seit dem Zusammenbruch der ISL einen anderen Geschäftspartner: seinen Neffen Philippe Blatter, Präsident der Infront Media & Sports AG, die auch die Senderechte für die Fifa-Weltmeisterschaften vermarktet. Die Gesellschaft sitzt in Zug, ganz in der Nähe der ehemaligen ISL und anderer multinationaler Unternehmen. Bevor Philippe Blatter die Infront 2006, nach dem Tod des Gründers Robert-Louis Dreyfus, übernahm, hatte der steinreiche Geschäftsmann – dem unter anderem der Fußballklub Olympique Marseille gehört – für die bekannte Unternehmensberatung McKinsey gearbeitet. „Zwischen 2000 und 2006 zahlte die Fifa an McKinsey mehr als 7 Millionen Euro an Honoraren für die Herkulesarbeit, die Philippe Blatter als Edelberater bei der Umorganisation des Verbands geleistet hat.“12

Mehr Mitglieder als die Vereinten Nationen

Ob mit oder ohne die ISL, die Einnahmen aus den Fernsehrechten sprudeln unvermindert weiter. Blatters Verband bezog 2009 von dem generösen Neffen 487 Millionen Euro für Übertragungsrechte, allein 469 Millionen für die WM 2010 – das sind 60 Prozent der Jahreseinnahmen.13

Die gravierenden Fälle von Bestechung in der Welt der Fifa ermöglicht nicht zuletzt der Wahlmodus des Präsidenten, der für die Methoden der Entscheidungsfindung innerhalb der Organisation exemplarisch ist. Jedes Land hat eine Stimme, unabhängig von seiner Bevölkerungszahl. Das läuft auf eine Überrepräsentation kleiner – und oft armer – Staaten hinaus, was wiederum die schon seit Jahrzehnten endemische Korruption begünstigt.

Der Weltfußballverband hat 207 Mitglieder, mehr als die Vereinten Nationen. Das macht es bei Wahlen den Kandidaten leichter, Unterstützung einzukaufen. Inzwischen kritisieren auch einige Funktionäre, dass Blatter und seine Kumpane es zu weit getrieben haben. „Die Funktionsweise der Fifa ist nicht angemessen,“ grummelt zum Beispiel Jean-Pierre Karaquillo, der Direktor der Hochschule Centre de Droit et d’Economie du Sport (CDES), der Einfluss auf die Führungsgremien des französischen Fußballverbands hat.

Es gibt einen Mann, der auf geradezu karikatureske Weise das System Blatter repräsentiert. Jack Warner ist Berater des nationalen Fußballverbands von Trinidad und Tobago, vor allem aber der gefürchtete Präsident der Concacaf, der Fußballkonföderation für Nord- und Mittelamerika und die Karibik. Dass er Blatters wichtigster Gehilfe ist, hat einen sehr präzisen Grund: Die karibischen Inseln sind so zahlreich, dass sie trotz ihrer kleinen Bevölkerungszahl im Fifa-Exekutivkomitee über drei Sitze verfügen.

Mister Warner lässt sich seine Unterstützung in bar bezahlen, sein Vermögen wird auf 15 bis 30 Millionen Euro geschätzt. 1999 verzichtete die Fifa gegenüber der Concacaf auf eine Schuldforderung von fast 9,5 Millionen Euro. Und als Chet Greene, der Präsident des Verbands von Antigua und Barbuda, bei der Zentrale in Zürich 2002 einen finanziellen Zuschuss zum Bau eines Fußballentwicklungszentrums erbat, ließ man ihm alsbald einen Scheck in Höhe von 121 000 Euro zukommen. Als Andrew Jennings ein Jahr später das angebliche Fußballzentrum besichtigen wollte, fand er nur „grasende Pferde neben dem Wrack eines Bierlasters“.14

Wann immer Blatter attackiert wird, steht Jack Warner, der Spezialist für Geschäfte auf Gegenseitigkeit, seinem Präsidenten zur Seite. So auch bei der Wahl Blatters 1998 und 2002, als von Unregelmäßigkeiten gemunkelt wurde. Warners bedingungslose Solidarität bekamen alle Widersacher Blatters zu spüren. Zum Beispiel Farah Addo, der Vizepräsident des afrikanischen Verbands, als er öffentlich behauptete, 1998 hätten ihm Blatter-Getreue 75 000 Euro für seine Stimme geboten und insgesamt 18 afrikanische Funktionäre hätten ihre Stimme verkauft. Addo konnte seine Anschuldigungen allerdings nicht belegen und wurde von der Fifa-Disziplinarkommission für zwei Jahre suspendiert. Alle internen Untersuchungen über die umstrittenen Wahlgänge wurden ohne Ergebnis eingestellt.

Sepp Blatter ist hart im Nehmen. 2011 wird er wahrscheinlich für eine vierte Amtszeit kandidieren. „Meine Mission ist noch nicht zu Ende“, gab er auf einer Pressekonferenz in der Fifa-Zentrale lächelnd zu Protokoll.15 Allerdings muss er dieses Mal wohl einen Rivalen auf dem Feld schlagen: Mohammed Ben Hammam, den Präsidenten der Asiatischen Fußball-Konföderation.

Das amüsiert den Fifa-Kritiker Patrick Mendelewitsch: „Jetzt, wo Ben Hammam seine Zeit gekommen sieht, wendet er sich gegen seinen alten Herrn und Meister.“ Der Vertraute des Emirs von Qatar war zusammen mit Jack Warner einer der treuesten Gefolgsleute Blatters. Das hindert ihn neuerdings nicht daran, für eine Begrenzung der Fifa-Präsidentschaft auf zwei Amtszeiten einzutreten. Sind es mehr, argumentiert Ben Hamman, wird sich der Fifa-Boss „mit allem Möglichen beschäftigen, nur nicht mit Fußball“.

Egal wer gewinnt, für Patrick Mendelewitsch steht schon heute fest: „Auch der Nachfolger von Blatter wird sich an den Verhaltenskodex der großen Fußballfamilie gebunden fühlen. Er wird hier und da ein bisschen saubermachen, aber das System grundsätzlich ändern wird er nicht.“

Fußnoten: 1 Le Figaro, Paris, 11. Juni 2009. 2 Diese Hauptsponsoren der Fußball-WM 2010 sind die Unternehmen Adidas, Coca-Cola, Hyundai, Sony, Visa und die Fluggesellschaft Emirates. 3 Finanzbericht der Fifa, 2009. 4 Siehe Ronan David, Fabien Lebrun und Patrick Vassort, „Footafric, coupe du monde, capitalisme et néocolonialisme“, Montreuil (L’Echappée) 2010. 5 Andrew Jennings, „Carton rouge! Les dessous troublants de la Fifa“, Paris (Presses de la cité) 2006. 6 Jennings, siehe Anmerkung 5. 7 Paul Dietschy, „Histoire du football“, Paris (Librairie académique Perrin) 2010. 8 Horst Dassler wurde 1978 nach dem Tod seines Vaters Adi zum Chef des Adidas-Konzerns, dem er mit Adidas France noch Konkurrenz gemacht hatte. 9 Jennings, siehe Anmerkung 5. 10 Jérôme Jessel und Patrick Mendelevitch, „La face cachée du foot business“, Paris (Flammarion) 2007. 11 Siehe Carlos Hanimann, „Bar und ohne Quittung“, WOZ, Zürich, 22. Januar 2009. 12 Bakchich hebdo, Paris, 10. April 2010. 13 Siehe Finanzbericht der Fifa, 2009. 14 Jennings, siehe Anmerkung 5. 15 AFP, 18. Februar 2010. 16 Jennings, siehe Anmerkung 5.

Aus dem Französischen von Jakob Horst

David Garcia ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 11.06.2010,