11.09.2009

Arm, ärmer, Rezekne

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Arm, ärmer, Rezekne

Seit seiner Unabhängigkeit hat Lettland drei schwere Wirtschaftskrisen durchgemacht. Eine Ortsbesichtigung im traurigsten Landkreis der Europäischen Union von Ieva Rucevska und Philippe Rekacewicz

Es ist eigentlich egal, aus welcher Richtung man anreist. Die Landschaft rund um Rezekne sieht überall gleich aus: Schrebergärten mit kleinen Baracken aus verschiedenfarbigem Holz wechseln sich mit Feldern und Brachflächen ab. Dann tauchen die ersten Silhouetten von Industrieanlagen auf: riesige Fabrikhallen, Schornsteine, Tanks, Brennöfen, dazwischen ein Netz von Schienen, die sich in alle Richtungen verlieren.

Was von Weitem wie ein Komplex zusammenhängender Arbeitsabläufe aussieht, erweist sich beim Näherkommen als eine gigantische Ansammlung von sich selbst überlassenen, verrosteten und mehr oder weniger kaputten Einzelelementen. Diese verwüstete, für die Länder der ehemaligen UdSSR typische Industrielandschaft legt noch Zeugnis davon ab, wie wichtig dieser Sektor für die Stadt während der Sowjetzeit gewesen ist. Schließlich geraten die ersten Wohnhäuser in den Blick; sie säumen die breiten, für die großen sozialistischen Paraden angelegten Alleen mit den gewaltigen Kreuzungen.

Die ostlettische Kreisstadt Rezekne, 250 Kilometer von der Hauptstadt Riga und 60 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, zählt heute ungefähr 36 000 Einwohner. Der sowjetische Stil ist immer noch unverkennbar. Ein wahres Patchwork aus den typischen weißen Backsteinhäuschen mit Wellblechdächern, den alten Holzhäusern aus der Zeit der ersten Unabhängigkeit (1918–1939), den Arbeiterpalästen aus der Stalin-Ära, den funktionalen Wohnblocks aus graurotem Backstein, die unter Chruschtschow gebaut wurden und deshalb khrouchtchovka heißen und die auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion noch überall anzutreffen sind, und den vier- oder fünfgeschossigen Häusern aus den 1980er-Jahren, die aussehen, als seien sie aus übrig gebliebenem Baumaterial zusammengeschustert. Und dann schließlich die gesichtslosen Gebäude neueren Datums, die im Eiltempo hochgezogen wurden und meist gewerblich genutzt werden.

Ein kleiner Fluss schlängelt sich zwischen den sieben Hügeln entlang, über die sich die Stadt erstreckt. Auf einem stehen noch die Reste einer alten Festung, errichtet von den deutschen Rittern des Livländischen Ordens, die seit dem 12. Jahrhundert die baltischen Völker unterjocht hatten. Zu Füßen eben dieser Ruinen bricht die junge Lehrerin Inga Balodis in schallendes Gelächter aus, als wir ihr die erste Frage stellen: „Welche aktuelle Krise? Wir sind doch seit 20 Jahren in der Krise! Nach dem Zusammenbruch der UdSSR haben nach und nach alle Industrien und Betriebe hier dichtgemacht. Und als wäre es mit dieser Katastrophe nicht genug gewesen, kam dann auch noch die Krise von 1998 dazu.“

Die Stadt hat sich nach dem Ende der Sowjetunion und der abrupten Stilllegung der wichtigsten Industriezweige nie wieder richtig erholt. Der Landkreis Rezekne ist einer der ärmsten Lettlands – und der Europäischen Union. Das Jahreseinkommen pro Einwohner beträgt 860 Latu (1 220 Euro), in der gleichnamigen Kreisstadt sind es 4 474 Latu (6 351 Euro) – ein Beleg für die gewaltige Schere zwischen den städtischen Zentren und dem Land. Seit der Unabhängigkeit Anfang der 1990er-Jahre lag die Arbeitslosigkeit im Landkreis Rezekne immer erheblich über dem Durchschnitt. Die Asienkrise 1997/98, die über Russland hereinbrach, erfasste auch Rezekne mit voller Wucht, weil seine Produktion und der Großteil des Handels damals schwerpunktmäßig nach Moskau ausgerichtet war.

Als wir an einem alten Krankenhaus vorbeigehen, berichtet Gunta Berzina, die in einer kleinen Apotheke im Zentrum arbeitet, über das lettische Gesundheitssystem, in dem Verwaltung und Bürokratie doppelt so viel Raum einnehmen wie die eigentliche medizinische Versorgung. Ein Stück weiter verfällt ein Rohbau; hier sollte 1991 eine Krippe für über hundert Kinder entstehen. Eine andere, etwas jüngere Ruine besteht aus den Fundamenten eines Supermarkts, dessen zwei Besitzer sich nach finanziellen Unstimmigkeiten gegenseitig umgebracht haben.

Zurück am Busbahnhof: Hier hat der Direktor der öffentlichen Verkehrsbetriebe in einem ziemlich geglückten Stilmix ein Büro für seine Möbelfirma eingerichtet. Nimmt das Bürgermeisteramt daran keinen Anstoß? Statt einer Antwort wiegt Gunta Berzina nur den Kopf hin und her und schmunzelt über eine so naive Frage. Janis Tutins, Abgeordneter für die Provinz Latgale in Lettlands Parlament, der Saeima, erklärt, dass dem „neuen“ Lettland einfach die politischen und betriebswirtschaftlichen Erfahrungen fehlten: „Solange der Staat kein wirksames Kontrollsystem eingeführt hat, wird es immer ein Durcheinander zwischen öffentlichen Mitteln und privaten Interessen geben.“

Doch bietet die Krise auch die Chance, Dinge zu verändern. Ministerpräsident Vladis Dombrovskis1 wird eine Menge politischen Mut brauchen, um im Rahmen des vom Internationalen Währungsfonds (IWF) auferlegten Sparprogramms von 500 Millionen Latu (715 Millionen Euro) die Verwaltungsposten in sämtlichen Staatsunternehmen abzuschaffen – für manch einflussreichen Politiker ein wohlgehütetes Revier, um Amtsbrüder, Cousins, Neffen, Freunde, Chauffeure und deren Söhne zu versorgen, die für ihre bloße Anwesenheit mehrere zehntausend Latu im Jahr kassieren konnten.2

Umschalten auf Überlebensmodus

Um die lettische Wirtschaft „zu stabilisieren“, hat der IWF zugestimmt, dem Land einen Hilfskredit von insgesamt 7,5 Milliarden Euro zu gewähren. Finanziert wird er auch durch die Europäische Union, Schweden sowie Tschechien und Estland. Die Bedingungen, an die er geknüpft ist, erinnern fatal an die Strukturanpassungsprogramme des IWF. Sie verlangen Lettland Anstrengungen ab, die die Gesellschaft spalten.

Seit Beginn der aktuellen Krise scheinen die internationalen Medien und die Finanzanalysten das Land aufgegeben zu haben. „In Lettland sind die Würfel gefallen“, schrieb der schwedische Finanzdienstleister Nordea im September 2008 auf seinem Firmenportal Economic Outlook, und die Danske Bank überschrieb ihre Analyse vom Mai 2009 mit dem Titel „Das schlimmste Szenario hat sich bewahrheitet“.3

Doch wer in Rezekne nach sichtbaren Zeichen der Krise sucht, bemüht sich vergebens. Im Sommer 2009 weht noch kein Hauch von Panik durch die Stadt. Alle Läden, Restaurants und Bars haben geöffnet. Allerdings haben die Geschäftsleute seit ein paar Monaten vom Gewinn- auf den Überlebensmodus umgeschaltet. Das Wichtigste ist, koste es, was es wolle, durchzuhalten, bis wieder bessere Tage kommen: So hat die Geschäftsführung des Supermarkts Mego die Verträge aller Mitarbeiter „überprüft“ und die Gehälter um 50 bis 75 Prozent gekürzt. Nur im universalveikals (dem Universalkaufhaus), einem Relikt aus Sowjetzeiten, wird eine Abteilung nach der anderen geschlossen.

Der Verkehr ist weniger dicht als früher, aber nach wie vor lebhaft, und immer noch sieht man auf den Straßen blitzblanke Edelkarossen mit Vierradantrieb und offenem Verdeck vorbeifahren, Sinnbilder für den Konsumrausch, der das Land Anfang der 2000er-Jahre und erst recht nach dem EU-Beitritt im Mai 2004 erfasst hatte. „Schauen Sie sich den Zustand der Straßen in diesem Land an“, scherzt Zenon Narbuts, Chirurg in einem großen Krankenhaus in Riga. „Wir haben gar keine andere Wahl, hier braucht jeder einen Geländewagen für 50 000 Euro.“ Wer die Leasingrate nicht zahlen kann, muss sein Fahrzeug den Banken überlassen, die inzwischen wahrscheinlich den weltweit größten Fuhrpark mit nutzlosen und unverkäuflichen Autos besitzen. „Man sieht heute überall Transporter mit diesen Monstern auf der Ladefläche durchs Land fahren. Es ist wie bei der Post. Wenn sich kein Adressat findet, heißt es: ‚Zurück an den Absender‘.“

Und die Apothekerin Gunta Berzina erzählt von den arbeitslosen Kunden, die sich, bevor sie auswandern, noch mit Medikamenten eindecken: „Mein Gehalt ist seit anderthalb Jahren nicht gestiegen, aber es ist auch nicht gekürzt worden, so dass ich noch zurechtkomme. Mir graust es nur davor, wenn die Kosten für die medizinische Versorgung und die Medikamente nicht mehr erstattet werden.“

Die Nachrichten, die nach den Pressekonferenzen der Regierung die Öffentlichkeit erreichen, sind tatsächlich beängstigend. Gesundheitsministerin Baiba Rozentale erklärte am 21. Juli dieses Jahres, alle Krankenhäuser Lettlands säßen „im Herbst auf dem Trockenen“. Sie kündigte an, dass ihr Haushalt im Zuge des neuen Sparprogramms um 30 Prozent gekürzt werde. Einige Gesundheitszentren im Landkreis Rezekne wurden bereits geschlossen, und von den paar Ärzten, die früher Hausbesuche auf dem Land gemacht haben, ist kaum noch einer da.

Lange vor der gegenwärtigen Krise hatten die Leute bereits informelle Tauschstrukturen aufgebaut, die der staatlichen Kontrolle sowie allen Statistiken und Finanzämtern entzogen sind. Sich selbst zu helfen steht mehr denn je an erster Stelle. Das Geschäft „von Tür zu Tür“, wie man hier sagt, breitete sich in Windeseile aus. Und der direkte Handel zwischen Land und Stadt blüht. Denn Obst, Gemüse, Milchprodukte, aber auch andere Güter sind auf diese Weise viel billiger als im Supermarkt um die Ecke. „In den kleinen ländlichen Gemeinden des Bezirks merkt man von der Krise fast nichts“, sagt der Abgeordnete Tutins. „Die Lebensbedingungen waren hier auch schon vorher katastrophal.“

Den Leuten ist bei den Gesprächen eine leichte Scham anzumerken. Wenn sie ihre schier aussichtslose Lage beschreiben, versuchen sie gleichzeitig die Dramatik herunterzuspielen. Sie wollen so gern optimistisch sein. Nachdem Lettland durch künstliche Einwirkung in diesen Schlamassel geraten ist, muss es doch auch eine künstliche Einwirkung geben, die es da wieder herauszieht.

Tatsächlich ist jeder von der Krise betroffen, mehr oder weniger hart, mehr oder weniger direkt. Wer nicht selbst seine Arbeit verloren hat, hat zumindest einen Angehörigen oder einen engen Freund, der jetzt ohne Beschäftigung ist. „Ich bin traurig“, sagt Inta Rimsaneze, im Landkreis zuständig für internationale Kontakte, „denn ich sehe für meine Kinder keine Perspektive mehr. Mein Gehalt wurde gekürzt, und mein Mann hat Ende 2008 seine Arbeit verloren. Er hat für die schwedische Autofirma Volvo gearbeitet. Früher verdiente er 200 Latu (290 Euro) im Monat. Jetzt bekommt er ungefähr 70 Latu Arbeitslosengeld. In ein paar Wochen soll die Unterstützung auf 30 Latu (43 Euro) gekürzt werden.“

Tania, rote Haare, raue Stimme und ein offenes Gesicht, wurde im Dezember 2008 nach 31 Jahren in der Buchhaltung von Larta, einem Unternehmen, das Ausrüstung für Molkereibetriebe herstellt, gekündigt. Einige Jahre vor der Rente bleibt ihr nun nichts anderes übrig, als kleine, schlecht bezahlte Jobs anzunehmen. „In einer der Firmen, für die ich arbeite“, erzählt sie empört, „sollte ich sogar einen Entlassungsplan aufstellen! Ich komme noch zurecht, weil ich zum Glück keinen Kredit aufgenommen habe und sparsam lebe. Außerdem hat meine Mutter 20 Kilometer von hier ein paar Hühner, eine Kuh und einen großen Gemüsegarten. Ich mache mir nicht allzu viel Sorgen.“

Die Mehrzahl der Rentner kommt nur dank der Unterstützung durch ihre Familie oder Freunde über die Runden. Sie sind neben den Lehrern am schwersten von den Einsparungen bei den Staatsausgaben betroffen, die der Internationale Währungsfonds von Lettland verlangt. Der Pensionär Oldis Vitols, der früher an einer staatlichen Schule beschäftigt war, lebt heute unter ärmlichsten Verhältnissen in einer winzigen Zweizimmerwohnung im Stadtzentrum. Ende Juli erfuhr er aus dem Fernsehen von den jüngsten IWF-Auflagen: Die lettische Regierung soll – was sie allerdings abgelehnt hat – die Renten noch weiter senken.4 „Die Rentner sind ausgeblutet“, sagt Vitols mit sanfter Stimme. „Wenn ich von meiner Pension ausgehe – weniger als 80 Latu (115 Euro) im Monat5 –, dann ist der IWF offenbar der Meinung, dass Rentner in der vierten Woche des Monats nichts zu essen brauchen. Vielleicht hoffen sie ja auch, uns auszuhungern, damit wir früher sterben.“

Auf dem Arbeitsamt sind die Auswirkungen der Krise besonders hart zu spüren. Die Behörde befindet sich in einem großen, eingeschossigen, ehemals weiß-grünen Altbau in der Nähe des Zentrums. Ein solcher Andrang war hier offenbar nicht vorgesehen: Man muss stundenlang warten, bevor man sich überhaupt anmelden kann. Viele geben entmutigt auf und beschließen, sich am nächsten Morgen früher in die Schlange einzureihen. An den Wänden werben Anzeigen dafür, nach Großbritannien oder nach Irland auszuwandern, wo es „Arbeit im Überfluss“ gebe. Aber echte Stellenangebote gibt es kaum.

Der Schuldirektor ist schon eingespart

„Es ist das schlimmste Jahr seit 1991“, sagt die Leiterin des Arbeitsamts, Inara Sindarjova. „Normalerweise können wir uns mit den Leuten unterhalten, um gemeinsam herauszufinden, welche Richtung sie einschlagen könnten. Wir haben sogar eine Abteilung zur Evaluierung der jeweiligen Kompetenzen, ein EU-Programm, aber im Moment kann man die Jobangebote an einer Hand abzählen, und bei diesem Andrang können wir sowieso nur das Notwendigste machen. Auch unsere Gehälter und die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, wurden stark gekürzt. Wie sollen wir unter diesen Bedingungen unsere Aufgabe erfüllen?“

Um sich beim Arbeitsamt registrieren zu lassen, muss der Arbeitssuchende ein Schreiben des vorherigen Arbeitgebers vorlegen, in dem die Kündigung bestätigt und die Höhe des letzten Gehalts angegeben wird. „Das ist zwar das Gesetz“, erklärt Frau Sindarjova, „aber die Unterstützung von diesem Dokument abhängig zu machen, schafft nur noch weitere Hürden.“ Weder die Höhe des Arbeitslosengeldes (zwischen 30 und 70 Latu) noch die Bezugsdauer sind besonders großzügig veranschlagt: Ein Arbeitsloser, der zwischen 9 und 12 Jahre beschäftigt war, bekommt vier Monate Arbeitslosengeld; eine sechsmonatige Leistung erhalten Leute, die 12 bis 20 Jahre gearbeitet haben; neun Monate lang wird gezahlt, wenn der Arbeitslose zuvor mehr als 20 Jahre in Lohn und Brot stand.

Anlass zur Sorge geben auch die Kürzungen im Bildungshaushalt. Lilija Zukovska, im Landkreis Rezekne zuständig für die Verwaltung von 33 Schulen, musste im Schuljahr 2008/2009 wegen der strengen Sparmaßnahmen mit deutlich weniger Geld auskommen. Seit Ende 2008 setzt sie für die 3 800 Schülerinnen und Schüler die neue Maßnahme „Das Geld nur für die Kinder“ um, mit der Korruption und Unterschlagung im staatlichen Bildungswesen bekämpft werden sollen.

Das Programm enthält auch einen Absatz zum Thema „Optimierung“: Im Klartext geht es um die Schließung von 100 der 1 000 Schulen im Landkreis Rezekne. „Es ist ein Jammer“, seufzt Lilija Zukovska, „und natürlich ist es eine sehr unpopuläre Entscheidung. Die Regionalregierungen haben gegen das Ministerium in Riga Front gemacht, aber ohne großen Erfolg. Für die betroffenen Dörfer ist es der Anfang vom Ende, denn wenn die Schule im Ort verschwindet, heißt das, dass die Familien wegziehen, die Geschäfte ihre Kundschaft verlieren und irgendwann schließen müssen. Vor allem bleiben dann die ärmsten Kinder außen vor, bei denen das Geld nicht für den Bus zur nächstgelegenen Schule reicht.“

Früher gab es ein Budget für Schulpsychologen, Ärzte, Psychomotoriker, Krankenpfleger oder Assistenten. „Dieses Jahr gibt es das alles nicht mehr. Wir können gerade mal die wichtigsten Unterrichtsfächer abdecken. Jede Stelle, die vielleicht nützlich, aber nicht absolut unerlässlich ist, mussten wir opfern.“ Der Abbau im öffentlichen Dienst wird sich langfristig auf die Qualität der schulischen Erziehung auswirken.

Liga Kalnina ist Lehrerin an der kleinen Schule von Rikava, einer ehemaligen Kolchose mit 960 Einwohnern, 20 Kilometer östlich von Rezekne. Sie lebt mit ihren beiden Töchtern in dem Dorf. Die eine besucht die Schule im Nachbarort Viliani, die andere eines der großen Gymnasien in Rezekne. Aber die Schule in Viliani hat inzwischen kein Geld mehr: Zum neuen Schuljahr 2009 werden nur noch 6 der 19 Lehrer beschäftigt, und die Schule nimmt lediglich ein Drittel der angemeldeten Schüler auf.

Die Schule in Rikava selbst hat gerade ihren Direktor verloren – die Stelle wurde eingespart. Die Schulleitung wird jetzt von dem kleinen Nachbarort Gaigalava mit übernommen. Obwohl die Schülerzahl die gleiche geblieben ist, sind nur noch halb so viele Lehrer beschäftigt – folglich sitzen doppelt so viele Kinder in jeder Klasse.

Die Schule hat sich darauf eingestellt, dass 50 Prozent der Einwohner russischsprachig sind: Zum Missfallen der Bürokraten im Bildungsministerium in Riga lernen die russofonen Kinder Lettisch als Fremdsprache. Das fördert die Integration und gleicht mögliche Niveauunterschiede aus. Ansonsten findet der gesamte Unterricht – vor allem Literatur und Grammatik – auf Lettisch statt. Die Kinder lernen schnell und beherrschen schon nach kurzer Zeit Lettisch genauso gut wie ihre Muttersprache.

Armut, durch Auswanderung zerrissene Familien, Alkoholismus und Perspektivlosigkeit belasten den Alltag der Dorfkinder. Selbst wenn sie auf eine weiterführende Schule gehen oder eine Ausbildung anfangen wollten, ihre Eltern können weder die Kosten für den Unterricht noch für die Unterkunft oder den Bus zur 10 oder 30 Kilometer entfernten Schule aufbringen. Die meisten gehen schon mit 16 Jahren ab – und finden infolge der Wirtschaftskrise keinerlei Anstellung oder Beschäftigung. „Auch wenn die Schulen nicht schließen müssen, diese Jugendlichen haben schlicht kein Geld, um sie zu besuchen“, sagt Liga Kalnina.

Verglichen mit ihren Nachbarn kam sich die Lehrerin bislang eher privilegiert vor. Mit ihrem Gehalt von 530 Latu (760 Euro) konnte sie sich das Schulgeld für ihre beiden Töchter leisten und auch noch die Kredite für ihr kleines Auto und eine Frankreichreise abzahlen. Im Juni aber wurde ihr Gehalt um 30 Prozent gekürzt, seit Juli bekommt sie nicht einmal mehr die Hälfte ausbezahlt. Sie stellt sich darauf ein, Opfer zu bringen. Aber an der Ausbildung ihrer Mädchen will sie als Allerletztes sparen. „Ich werde mich genauso wie bisher für meine Schüler einsetzen“, verspricht sie. „Im Budget für meine Schule gab es auch schon deutliche Einschnitte (15 Prozent im ersten Drittel 2009, dann 35 Prozent zum neuen Schuljahr) – wir werden eben jonglieren müssen.“ Sie wird nicht darum herumkommen, ihr Auto zu verkaufen und für den Weg zur Schule oder zum Supermarkt in der benachbarten Kleinstadt in Zukunft den Bus zu nehmen – der infolge der Sparmaßnahmen sehr viel seltener verkehrt.

Seit die Verarmung solche Ausmaße angenommen hat, verstärkt sich eine weitere Entwicklung: In der Hoffnung auf weniger düstere Aussichten verlassen große Teile der Bevölkerung Rezekne. In beinahe jeder Familie gibt es jemanden, der in Riga oder im Ausland arbeitet: in Skandinavien, Irland, Großbritannien, Deutschland, Italien oder in Frankreich. Auch die Kinder von Lilija Zukovska sind schon weg: „Mein Sohn lebt in Großbritannien und meine Tochter in Norwegen, in Skien. Sie ist bei der Stadt angestellt, im Sozialamt.“

Die Abwesenheit von Müttern und Vätern schwächt und zerstört die Familien. „Als ich einmal mit Schülern auf einem Ausflug war“, erinnert sich Liga Kalnina, „haben wir eine Kirche besichtigt, und der Pfarrer hat die Kinder gefragt, was sie sich für die Zukunft wünschen. Ein kleines Mädchen war untröstlich und hat weinend geantwortet, sie wolle, dass ihre Mama in Irland viel Geld verdiene und schnell wieder nach Hause zurückkomme.“

Auch die beiden Töchter der Grundschullehrerin träumen vom Ausland, von Frankreich oder Großbritannien, wo ihnen „alles viel leichter“ zu sein scheint. Aber sie wollen nach ihrem Studium in die Heimat zurückkehren, „nach Latgale, um in einem kleinen Holzhaus am See zu leben“.

Wie viele Letten schon fortgegangen sind, weiß niemand ganz genau. Die Schätzungen schwanken zwischen 50 000 und 200 000, das heißt zwischen 5 und 13 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Lettland verliert seine qualifizierten Kräfte. „Vielleicht lässt sich dem Phänomen ja auch etwas Positives abgewinnen“, sagt Vija Dikale, Gewerkschafterin für Erziehung und Wissenschaften. „Vielleicht besteht Hoffnung, dass unsere Landsleute mit Geld, Bildung und Erfahrung zurückkommen und Lettland davon eines Tages profitieren wird.“

„Damals in den 1970er-Jahren“, bemerkt Arbeitsamtsleiterin Inara Sindarjova, „als lettische Arbeiter fortgegangen sind, um als Freiwillige beim Bau der Eisenbahnlinie BAM6 mitzuhelfen, haben alle applaudiert. Am Tag ihrer Abreise hatten wir alle frei. Es wurde gefeiert, und alle waren überzeugt davon, am Aufbau des Sozialismus mitzuwirken. Wenn heute unsere Landsleute gezwungen sind, nach Irland oder sonst wohin zu gehen, um ihre Familien zu ernähren, werden sie verachtet und ausgepfiffen. So werden wir kein gemeinsames Europa errichten.“

Fußnoten: 1 Siehe das Interview mit Vladis Dombrovskis auf www.monde-diplomatique.fr/2009/09/REKACEWICZ/18051. 2 Sest Diena, Riga, 17.–23. Januar 2009. 3 Danske Research, Flash Comments, Kopenhagen, 13. Mai 2009, und Nordea, Economic Outlook, September 2008. 4 Eugene Eteris, „International lenders warn about delayed aid to Latvia“, The Baltic Course, Riga, 14. Juli 2009. 5 Das sind 90 Latu (128 Euro) weniger als das von der lettischen Statistikbehörde definierte Existenzminimum von 170 Latu (243 Euro). 6 Die Baikal-Amur-Magistrale ist eine Eisenbahnlinie, die den Baikalsee mit dem Fluss Amur verbindet. Sie wurde zwischen 1972 und 1984 gebaut.

Aus dem Französischen von Uta Rüenauver Philippe Rekacewicz ist Kartograf und Redaktionsmitglied von Le Monde diplomatique, Ieva Rucevska ist Umweltwissenschaftlerin und Projektleiterin im Umweltprogramm der UN (Unep).

Le Monde diplomatique vom 11.09.2009, von Ieva Rucevska und Philippe Rekacewicz