09.10.2009

Wessen Krieg und wessen Ehre?

zurück

Wessen Krieg und wessen Ehre?

Was Europa vergisst: In den beiden Weltkriegen kämpften viele Untertanen der Kolonialmächte von Charlotte Wiedemann

Es war die Nachricht des Tages unter den Jungs in einem staubigen Nest im Norden Nigerias. Kingi Joji von Ingila kämpft in einem Land namens Boma, „und er braucht unsere Hilfe“! Der Zweite Weltkrieg aus Kindersicht. Die Worte in Haussa, der Sprache der Region, wirken grotesk, und gerade deshalb sind sie präzise. Denn was konnte diese barfüßigen jungen Afrikaner mit den Interessen des britischen Königs verbinden, für den sie nun in die Hölle von Birma ziehen würden?

Der nigerianische Schriftsteller Biyi Bandele lässt in seinem Roman „Burma Boy“ das kurze Soldatenleben seines Protagonisten heiter beginnen. Ali Banana, kaum vierzehn Jahre alt, verlässt seine Heimat Nigeria, eine britische Kolonie, um in Birma, einer anderen britischen Kolonie, gegen die Japaner zu kämpfen. Es ist der bizarre Stellvertreterkrieg eines Kindersoldaten; im Albtraum des Dschungelkampfs verliert der fröhliche kleine Banana bald den Verstand. Und für einen Moment scheint es, als sei dies die einzig angemessene Reaktion.

Biyi Bandele widmete „Burma Boy“ seinem Vater, mit dessen Erinnerungen an den Krieg er aufwuchs. Das Buch erschien erst 2007. Es hat Jahrzehnte gedauert, es bedurfte Literatur und Film, bis solche Stimmen aus dem Süden uns endlich dazu bringen, das vollständige politische und menschliche Panorama des Zweiten Weltkriegs zu erahnen. Der schwarze Soldat im Dschungel von Birma wirkt irreal, weil er sich nicht einfügt in unser Bild von einem weitgehend europäischen, einem weißen Krieg.

Glauben nicht gerade wir Deutschen, dass wir alles wüssten über den Zweiten Weltkrieg – nach diesen wiederum anderen Jahrzehnten, die es dauerte, die Beschönigung der Wehrmacht beiseitezuräumen und allen „vergessenen“ Opfergruppen Anerkennung zu verschaffen? Und nun taucht am Horizont unseres Wissens ein ganz anderes Vergessen auf, ein Verschweigen, ein routiniertes Nicht-zur-Kenntnisnehmen von gewaltigem Ausmaß. In diesen Monaten zieht eine Ausstellung durch Deutschland1 , die bewusst macht: Der Zweite Weltkrieg war im Wortsinn ein globales Ereignis, er riss vom Maghreb bis nach Polynesien viele Millionen Menschen in sein Geschehen hinein, und die sogenannte Dritte Welt bezahlte dafür einen nie gemessenen und nie gewürdigten Preis.

Beim Kampf um Manila, der Hauptstadt der Philippinen, starben viel mehr Einwohner als bei der Bombardierung Dresdens. In Indonesien fanden vermutlich eine Million Zwangsarbeiter unter der japanischen Besatzung den Tod. China hatte geschätzte 21 Millionen Opfer zu beklagen, mehr als Deutschland, Italien und Japan zusammen. Und auf den Salomon-Inseln heißt diese Ära bis heute „The Big Death“.

Als der Krieg begann, umfasste das britische Empire ein Viertel der Welt. Frankreichs Kolonialgebiete waren zwanzigmal größer als das Mutterland. Die Armeen beider Mächte stützten sich entscheidend auf dieses Reservoir.

In Zahlen: Auf britischer Seite stammte jeder zweite Soldat aus den Kolonien, insgesamt 6 Millionen Menschen. Allein 2,5 Millionen von ihnen waren Inder. 500 000 wurden in West- und Ostafrika rekrutiert, manchmal regelrecht verschleppt. Etwa eine weitere Million Afrikaner standen unter französischem Kommando. Als die Wehrmacht in Nordfrankreich einfiel, gehörten bereits 500 000 Afrikaner zu den französischen Truppen. Mehr als 100 000 von ihnen starben in den ersten Kriegsmonaten. 1943 rekrutierte General Charles de Gaulle weitere 400 000 Soldaten in Nord- und Westafrika für die Truppen des Freien Frankreich.

Wie war es möglich, dass die Nachwelt dies alles übersah? „Die Forscher aus den wohlhabenden Staaten unterliegen bewusst oder unbewusst einem stillen Rassismus, der sie dazu führt, Geschehnisse außerhalb ihres eigenen Wohlstandszentrums als wenig relevant für ihre Arbeit zu betrachten“, schreibt der kamerunische Historiker und Politologe Kum’a Ndumbe, der sich seit langem mit der Kriegsgeschichte befasst. Japan und Deutschland würden trotz ihrer militärischen Niederlage in der Geschichtsschreibung zu den Siegern gehören, wahrgenommen „als Menschen gleichen Ranges“. Die eigentlichen Verlierer seien jene, deren Taten spurlos aus der Geschichte herausfielen – als hätten sie als Kriegsbeteiligte nie existiert.

Die Rolle der afrikanischen Soldaten erscheint aus heutiger Sicht besonders tragisch. Gegenüber anderen Kolonisierten wurden sie beim Sold, beim Essen, sogar bei der Kleidung noch zusätzlich diskriminiert. Die Uniformen der King’s African Rifles hatten keine Hosenschlitze; die Männer mussten beim Urinieren stets die Hosen herunterlassen.

Der Beitrag der Afrikaner wirft aber auch die meisten Fragen auf, Fragen nach den Konsequenzen für ihr heutiges Selbstverständnis. Die asiatischen Schauplätze des Kriegs haben sich seit 1945 zumeist dramatisch verändert; viele Länder fanden ihren eigenen Weg. Indien, das einst die größte Kolonialarmee stellte, ist heute Atommacht. Weite Teile Afrikas blieben hingegen in alten Abhängigkeiten gefangen, nicht nur materiellen, auch psychologischen. Der schwarze Stolz auf schwarze Tote: Ist er berechtigt? Oder war die Kriegsbeteiligung ein sinnloses Opfer – und nur ein weiterer Beweis, dass sich Kolonisierte in falsche Loyalitäten, in falsche Identitäten zwingen lassen? Die Geschichte dieser Verstrickungen reicht weit zurück, wie das Beispiel der französischen Kolonialsoldaten zeigt.

Napoleon III. hatte bereits 1857 Soldaten aus Westafrika als Tirailleurs Sénégalais zu einer Truppe zusammengefasst; Senegalschützen, diesen Namen trugen alle westafrikanischen Soldaten noch im Zweiten Weltkrieg, ungeachtet ihrer tatsächlichen Herkunft. Während die Briten stets zögerten, die Rekrutierten ihrer eigenen Kolonien gegen Europäer einzusetzen (es hätte die Untertanen auf falsche Ideen bringen können, wenn sie die Waffe gegen Weiße erheben), kämpften die Senegalschützen bereits im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 in Europa.

Die Soldaten sollten sich aus einem naheliegenden Grund mit den Interessen des Kolonialherrn identifizieren: Die Tirailleurs dienten eben auch dazu, das französische Kolonialreich in Afrika überhaupt auf seine spätere Größe auszudehnen, sie waren ein Werkzeug der Unterwerfung ihrer eigenen Brüder und Schwestern. „Den Einheimischen in den Hintern zu treten, wurde damals von ihnen als rechtmäßiges Privileg angesehen“, schreibt der Malier Amadou Hampaté Ba, ein brillanter Chronist jener Epoche. Er war als junger Mann in den Dienst der Kolonialverwaltung getreten. Über den Februar 1922 notierte er: „Die Hilfstruppen der Eroberer (führten) sich selbst wie Eroberer auf und schätzten sich höher ein als die Besiegten. Für manche Afrikaner der damaligen Zeit wurde dies sozusagen zur Tradition – wie ein jeder weiß, stehen die alten Sklaven immer über den neuen!“2

Der Glanz der geliehenen Macht

Leib und Leben für den Kolonialherrn zu riskieren und dadurch Gleichberechtigung zu erlangen, diese trügerische Hoffnung verbindet sich im Ersten Weltkrieg mit dem Namen Blaise Diagne. Der Intellektuelle aus Saint-Louis war 1914 der erste schwarze Abgeordnete in der französischen Nationalversammlung; er vertrat dort eine Minderheit von Senegalesen mit französischer Staatsbürgerschaft, gründete später die erste politische Partei in Französisch-Afrika. Nachdem Zwangsrekrutierungen zu Beginn des Kriegs vielerorts Revolten ausgelöst hatten und 50 000 Wehrfähige sogar in die britischen Nachbarkolonien flohen, reiste Diagne monatelang durch West- und Zentralafrika, um Soldaten durch Versprechungen anzuwerben. Mit seinen pompösen, umjubelten Auftritten erscheint Blaise Diagne wie eine frühe Verkörperung jenes Politikertypus, an dem Afrika bis heute krankt: Er glänzte mit einer von außen geliehenen Macht.

Ausgestattet mit dem Titel eines „Generalkommissars für die Rekrutierung“, reist Diagne mit großem Gefolge, ihn begleiten hohe weiße Kolonialbeamte und medaillenbehängte schwarze Unteroffiziere. Penibel achtet er darauf, überall mit protokollarischen Ehren empfangen zu werden. In seinen Reden verschmelzen die Träume von einer besseren Zukunft mit dem Patriotismus fürs französische „Mutterland“ und dem Stolz auf die kriegerischen Traditionen der vorkolonialen westafrikanischen Reiche. Die Zuhörer kämpfen mit den Tränen.

Der Erfolg der Kampagne, auch „schwarzer Kreuzzug“ genannt, übertrifft alle Erwartungen. Unter den Freiwilligen sind viele Söhne von Notabeln, die sich eine Stabilisierung oder Verbesserung ihrer Position erhoffen. Bevor überhaupt alle Soldaten verschifft werden können, geht der Erste Weltkrieg zu Ende. Doch die Psychologie des schwarzen Kreuzzugs wird noch Jahrzehnte nachwirken, und sie verbindet aus Sicht der Kolonisierten den Ersten mit dem Zweiten Weltkrieg. 1939 ruft der algerische Apotheker und Nationalist Ferhat Abbas mit folgenden Worten zur französischen Fahne: „Indem ihr freiwillig dem bedrohten Frankreich zu Hilfe eilt, zeigt ihr, dass ihr auf derselben Stufe steht wie die besten Söhne Europas.“

Im heutigen Saint-Louis, nicht weit von der Grenze zu Mauretanien, trägt die Hauptstraße der Altstadt noch immer den Namen von Blaise Diagne. Im vorletzten Haus vor der Moschee sitzt Mansour Wade mit seinen Freunden im Salon. Vier alte Männer, alle um die 80, in weit fallenden, glänzenden Gewändern, hellblau die Bubus, weiß die Unterbubus. Zu jung, um selbst Soldat gewesen zu sein, sprechen sie gleichwohl in Wir-Form, wenn sie vom Einsatz der Brüder, Väter, und Onkel erzählen. Ein Onkel war in Vietnam, ein Vater in deutscher Gefangenschaft, für die Alten fällt das zusammen, der Krieg zur Unterdrückung und der Krieg zur Befreiung, beides verschwimmt in einem Satz von wehmütigem Stolz: „Wir haben den Krieg angenommen wie die Franzosen.“

In Dakar, der Hauptstadt, sind die Bäumchen auf der Place de l’Indépendance artig beschnitten; ein Monument der Unabhängigkeit sucht man indes vergeblich. Stattdessen ziert die Stirnseite des Platzes eine lange Mauer mit einer Inschrift zum Gedenken an die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. „Unseren Toten die Anerkennung des Vaterlands.“

Das ist die Handschrift von Léopold Sédar Senghor, dem Dichter-Präsidenten: die Verbundenheit mit Frankreich, mit Europa als Gründungsmythos des unabhängigen Senegal. Senghor, allem Deutschen zugetan, verbrachte zwanzig Monate in deutscher Kriegsgefangenschaft; in seinen späteren Schriften berichtete er über das Schicksal eines schwarzen Soldaten in einem Wehrmachtslager fast nur Gutes. Angst, Scham und Qual schrieb er sich stattdessen in den „Schwarzen Hostien“ von der Seele, seinen Gedichten aus den Kriegsjahren. „Die Wahrheit des Dichters ist eine andere als die des Theoretikers der Négritude und späteren Staatsmanns“, schreibt sein Biograf János Riesz.3

Dem deutschen Bildungsbürgertum gilt die erdige, emotionale Afrikanität der Négritude immer noch als Inbegriff schwarzer Selbstbesinnung. Senghor wiederum brachte aus Krieg und Nationalsozialismus die Erkenntnis heim, alle großen Zivilisationen seien das Ergebnis einer Symbiose, einer biologischen wie kulturellen métissage. Auch die deutsche Kultur sei in ihren Glanzzeiten eine „Mischkultur“ gewesen.

Frantz Fanon, später Psychiater und Algerienkämpfer, zieht aus seiner Kriegserfahrung ganz andere Konsequenzen. Auf Martinique hat er sich als Siebzehnjähriger freiwillig gemeldet, er schifft sich 1942 ein, um mit dem Freien Frankreich gegen den Faschismus zu kämpfen. Schon in Marokko erlebt er, wie der Rassismus die Kombattanten des Fortschritts unterteilt. Die schwarzafrikanischen Soldaten müssen in Zelten schlafen, tragen ein Fez-ähnliches rotes Käppi statt der Feldmütze. Soldaten von den Antillen wie er selbst dürfen ins Quartier der Franzosen.

Später, aus dem Elsass, schreibt Fanon zutiefst desillusioniert an seine Mutter: „Ich habe mich geirrt.“ Er sei einem Ideal von Freiheit gefolgt, aber „nichts“ rechtfertige, sich zum Verteidiger der Interessen des Kolonialherrn zu machen. Wenn er falle, so beschwört er die Mutter, „sagt niemals: Er ist für die gute Sache gestorben.“4

Anders als viele nach ihm erkennt Fanon, wie ähnlich die Strukturen von Antisemitismus und Rassismus sind. In „Schwarze Haut, weiße Masken“ (1952) entwickelte der junge Arzt seine universalistische Vision von Emanzipation, ein Kontrastprogramm zur Négritude: „Es gibt keine schwarze Mission; es gibt keine weiße Bürde.“ Die Kolonialherrschaft abzuwerfen, das verlange „die Entkolonisierung des Individuums“, die Überwindung einer entfremdeten Selbstwahrnehmung.

Auch Ousmane Sembène, der senegalesische Schriftsteller und Regisseur, erlebte als Soldat des Zweiten Weltkriegs eine entscheidende Politisierung. Nach dem Krieg schließt er sich den französischen Kommunisten an, umkreist in seinen späteren Werken immer wieder die Zusammenhänge von Rassismus und Klassenkampf. Aber erst 1989 macht sein Film „Camp de Thiaroye“ ein Ereignis aus dem Dezember 1944 bekannt, das wie ein Symbol für den großen Betrug an den afrikanischen Soldaten steht.

In das Lager von Thiaroye nahe Dakar werden 1 300 Kriegsheimkehrer eingewiesen; vor der Rückkehr in ihre jeweiligen Länder warten sie auf ausstehenden Sold für die Kriegsjahre in Europa, auf versprochene Prämien. Hingehalten und getäuscht von französischen Kolonialoffizieren, rebellieren sie schließlich, erzwingen Verhandlungen, feiern schon den Sieg. Da umstellen nachts französische Panzer das Lager, schießen die Afrikaner zusammen. Die Verantwortlichen für mehrere hundert Tote werden nie zur Rechenschaft gezogen; Überlebende des Massakers kommen hingegen vor ein Kriegsgericht.

Zwei Mahnmale in Bamako

Thiaroye ist heute eine gesichtslose Vorstadt am Meer, nahezu eingeholt von der wuchernden Metropole Dakar. Ein Ort, von dem aus junge Männer in schütteren Pirogen die Reise nach Europa antreten. Eine örtliche Initiative von Frauen, von Müttern, stemmt sich gegen den verhängnisvollen Trend zur Migration.

Der Opfer von 1944 wird nicht in Thiaroye gedacht, sondern 1 000 Kilometer weiter östlich, in Malis Hauptstadt Bamako. In der Nähe des zentralen Markts steht dort ein modernes Mahnmal, es wurde erst vor einem Jahrzehnt von Malis demokratischer Regierung errichtet. Von drei Seiten richten sich Kanonen auf eine Säule mit den Halbreliefs gefangener und sterbender Soldaten; die Säule erinnert an einen Marterpfahl.

Nur ein paar Schritte entfernt steht in einem Palmenhain ein älteres Denkmal, ein Kolonialdenkmal von 1924, gewidmet „den Helden der schwarzen Armee“. Hier stehen die Helden nicht vor, sondern hinter den Kanonen, eine Soldatengruppe aus geschwärzter Bronze in Angriffshaltung. Auf dem Sockel sind die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs eingraviert: Marne, Reims, Verdun, Chemin des Dames. Auf der Rückseite die Widmung: „In Anerkennung den Adoptivkindern Frankreichs, gestorben im Kampf für Freiheit und Zivilisation.“

Zwei Denkmäler in einem stummen Dialog. Drumherum ärmlicher Kleinhandel und die blauen Abgaswolken überfüllter Busse.

Individualität, gar Intimität vor der Kulisse des Kriegshorrors, von diesem Sujet leben viele Filme, es sind Filme aus amerikanischer oder europäischer Sicht, und das Individuum in Uniform, mit dem der Zuschauer leidet, ist weiß und heißt zum Beispiel James Ryan. Nun heißt er plötzlich Abdelkader. Der Film „Indigènes“ des algerischstämmigen Regisseurs Rachid Bouchareb (deutsch: „Tage des Ruhms“, 2006) konfrontiert den Zuschauer mit einer jähen, banalen Erkenntnis: Die filmische Darstellung eines Protagonisten, der vor der Kulisse des äußeren Kampfs seinen inneren Kampf führt, ist in der Regel für Angehörige unseres eigenen Kulturkreises reserviert – inklusive der oft bemühten Figur des mit sich ringenden Wehrmachtsoffiziers.

Der Obergefreite Abdelkader, ein algerischer Berber, glaubt an Frankreich, er ist gebildet und ehrgeizig, er will Offizier werden; er kämpft um soldatischen Ruhm in einer Armee, die für ihn keinen Ruhm vorgesehen hat. Als es auf dem Kriegsschiff Tomaten nur für weiße Franzosen geben soll, steigt er in die Kiste und zerstampft sie mit seinen Stiefeln. Er greift sogar seinen Vorgesetzten tätlich an, als dieser sagt: Berber können keine Einheit führen.

Vom Gemetzel am Monte Cassino bis in die winterkalten Vogesen zieht sich die endlose Spur seiner toten maghrebinischen Kameraden. Abdelkader wird zum einzigen Überlebenden seiner Einheit; die letzten Gefährten sterben, als sie ein winziges Dorf gegen die deutsche Übermacht halten, bis Nachschub kommt. Abdelkader muss dann zusehen, wie die weißen Franzosen mit den Dorfbewohnern für die Fotos der Kriegsberichterstatter posieren, als „Befreier der Vogesen“. Aber gerade weil die Armee den Kolonialsoldaten Anerkennung und Ruhm verweigert, hat Abdelkader auch Schuld auf sich geladen: Als seine Kameraden längst zweifelten und nur noch nach Hause wollten, trieb er sie mit seinem Ehrgeiz und seinem illusionären Glauben an Frankreich voran in den todbringenden Einsatz.

Wessen Krieg? Wessen Ehre? „Ich muss wissen, wer ich bin. Ich muss mein Gedächtnis wiederfinden“, sagt ein junger Migrant im Hiphop-Musical „À nos morts“. Modernes Tanztheater als Hommage an die vergessenen Gefallenen zweier Weltkriege, das ist eine antirassistische Kriegsgräberfürsorge neuer Art. Künstler, Historiker, Choreografen mit unterschiedlichen Wurzeln haben in der Straßburger „Companie Mémoires Vives“ zusammengearbeitet. Sie bringen verdrängte Geschichte so auf die Bühne, dass sie Jugendliche aus den Vorstädten begeistert.

Junge Migranten kennen oft nur ein Bild von sich selbst, in welchem sie Eindringlinge, Nutzlose, Ungewollte in Europa sind. Für die Nachfahren aus all jenen Ländern, die gegen Deutschland im Krieg standen, kann es eine identitätsstiftende Erkenntnis sein, dass die Generation ihrer Großeltern geholfen hat, Europa zu befreien. Und gibt es eine schmerzlichere Vorstellung als jene: Dass die Enkel der vergessenen Befreier heute vor Europas Küsten nicht einmal aus Seenot gerettet werden, wenn ihre Boote kentern?

Doch Vorsicht! Das komplexe Geschehen des globalen Kriegs nach heutigen moralischen Erfordernissen zu sortieren, das kann leicht in eine intellektuelle Sackgasse führen. In Berlin wurde das Vorhaben, den Beitrag der Dritten Welt zu würdigen, von einer Kontroverse begleitet. Darf eine Ausstellung über die vergessenen Opfer und die vergessenen Befreier zugleich auf den Umstand hinweisen, dass es im Nahen Osten und in Asien auch Kollaboration mit NS-Deutschland und mit Japan gab? Natürlich muss dies gesagt und dargestellt werden. Wobei unstrittig ist: Es haben mehr Menschen der Dritten Welt gegen die Achsenmächte und den Faschismus gekämpft als an deren Seite.

Kollaboration mit den Kolonisatoren

Aber ist es angemessen, Sukarno, den späteren ersten Präsidenten Indonesiens, oder Aung San, Birmas Nationalheld, „Sympathisanten des Faschismus“ zu nennen, wie es die Ausstellung tut? Aung San, der Vater der heutigen Oppositionspolitikern Aung San Suu Kyi, paktierte in der Tat mit seiner „Burmese Independence Army“ zunächst mit der japanischen Besatzung gegen die Briten. Später wechselte er allerdings die Front, erklärte den Japanern den Krieg und genoss die Unterstützung von Lord Mountbatten, des obersten Kommandeurs der Alliierten in Südostasien.

Wer weiß, mit welcher Verachtung die Holländer ihr sogenanntes Ostindien regierten, kann verstehen, dass die japanische Parole „Asien den Asiaten“ bei den indonesischen Freiheitskämpfern Anklang fand. Immerhin hatten die Holländer Sukarno, bevor die Japaner einmarschierten, schon zweimal in den Kerker geworfen. Verblendung hat es auf vielen Schauplätzen des aufstrebenden Nationalismus gegeben. Aber sind all jene automatisch die Guten, die von den historischen Umständen auf die Seite der Alliierten geworfen wurden? Auch wenn sie, in einer wiederum anderen Verblendung, zu Kollaborateuren ihrer jeweiligen Kolonialmacht wurden?

In Kamerun diskutieren demokratische Aktivisten gerade, ob ein Denkmal für General Leclerc abgerissen werden soll; es steht im Herzen von Douala, Kameruns größter Stadt, vor der Hauptpost.

Jacques-Philippe Leclerc (ursprünglich ein Tarnname) wurde 1940 von General de Gaulle als Gouverneur von Französisch-Kamerun nach Zentralafrika entsandt, um die Kolonien ins Lager des Freien Frankreich zu holen. Mit Kamerun und dem Tschad gewann Leclerc schnell strategischen Rückhalt; von dort aus durchquerten seine Truppen die Sahara, eroberten die italienischen Stellungen am Mittelmeer. Später war Leclerc bei der Landung in der Normandie dabei, nahm die deutsche Kapitulation in Paris entgegen, setzte seinen Siegeszug bis zu Hitlers Domizil am Obersalzberg fort.

Ja und?, erwidert der kamerunische Rebell Mboua Massok, ein radikaler Freiheitskämpfer, der sich oft mit dem repressiven und frankreichfreundlichen Regime seines Landes angelegt hat. „Es sollte kein französisches Denkmal in Kamerun geben, solange es kein kamerunisches Denkmal in Frankreich gibt.“ Vor der Hauptpost von Douala solle statt des französischen Kriegshelden einer jener kamerunischen Nationalisten geehrt werden, die von den deutschen beziehungsweise später den französischen Kolonialherren hingerichtet wurden. Der Historiker Kum’a Ndumbe pflichtet ihm bei: „Das Drama unseres Volkes ist, dass man uns seit der kolonialen Eroberung zwingt, mit einem ausgelöschten Gedächtnis zu leben.“ Und wie solle ein Mensch ohne Gedächtnis den Weg nach Hause, den Weg zu sich selbst finden?

Der Beitrag Leclercs zur Befreiung der Welt vom Faschismus einerseits und das Gewicht des französischen Kolonialismus in Kamerun andererseits – beides wiegt einander nicht auf. Wie könnte es auch? Die Afrikaner haben viel weniger von der Befreiung profitiert als wir Europäer, wir Deutschen zuerst. Im Kalten Krieg wurde Afrika schon wieder zum taktischen Gefechtsfeld der Interessen anderer; selbst die Geburt der Entwicklungshilfe gehört in diesen Kontext.

Ein anderes Beispiel: Wie lange wurde in der westdeutschen Bundesrepublik gestritten über den Charakter des 8. Mai – Befreiung oder Niederlage? Niemand dachte dabei daran, was der 8. Mai 1945 in Algerien bedeutete: ein Massaker, dem tausende Algerier zum Opfer fielen – nur weil die algerische Fahne gezeigt wurde. Das Datum markierte aus späterer Sicht den Beginn des Algerienkriegs. Sollten wir nun die Algerier an diesem Tag zum Feiern überreden?

Ein drittes Beispiel: Auf einer malaysischen Insel erzählen junge Chinesen, wie ihre Großväter von Japanern gefoltert wurden. Der Schrecken des Zweiten Weltkriegs kristallisiert sich für sie in dieser familiären Erzählung. Dass es einen Holocaust gab, haben sie gehört, aber das bleibt für sie eine vage Information, sie hat wenig Gewicht und keine Verbindung zum Schicksal der Großväter. Menschen neigen dazu, die Leidensgeschichte ihrer eigenen Gruppe, Region oder Kultur in den Vordergrund zu stellen und sich Geschichte von diesem Punkt aus zu erklären. Es dürfen sich eben nur nicht Täter zu Opfern stilisieren.

Der deutsche Blick: Manche möchten nun aus der Kollaboration arabischer Faschisten mit den Nazis den vermeintlich judenfeindlichen Charakter des Islams ableiten und gleich den Nahostkonflikt neu deuten. Es sollte sich eigentlich verbieten, auf den Gräbern der Kriegstoten die Scharmützel der deutschen Linken zwischen proisraelischen und propalästinensischen Positionen auszutragen.

Den eurozentrischen Blick vermeiden, ohne den Holocaust zu relativieren – das ist eine ebenso richtige wie schwierige Aufgabe. Kommen wir ihr näher, wenn nun gerade Deutsche mit dem Lineal das globale Geschehen von damals sortieren? Hier Befreier, dort Kollaborateure, hier Helden, dort Schurken, hier gute Märtyrer, dort tote Verräter? Wäre es nicht wichtiger, die vielfältigen Verstrickungen zu verstehen und was sie heute bedeuten?

„Der Krieg der Deutschen“, titelte der Spiegel zum Jahrestag im vergangenen September. Das klang nicht nur nach Schuld, sondern auch nach Stolz, Besitzerstolz. Unser Krieg! Kann es stattdessen, passend zu einer multipolaren Welt, ein multipolares Geschichtsverständnis geben? Es scheint: Die Arbeit daran hat gerade erst begonnen.

Fußnoten: 1 Die Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ basiert auf dem Buch „Unsere Opfer zählen nicht“, Hg. Rheinisches JournalistInnenbüro/Recherche International e. V., Hamburg/Berlin (Verlag Assoziation A) 2005 (siehe Abbildungen S. 15). Das Journalistenkollektiv um Karl Rössel hat durch jahrelange Recherchen in 30 Ländern immens viel Material zusammengetragen. Ein zweiter Band (2008) präsentiert das Thema als „Unterrichtsmaterialien zu einem vergessenen Kapitel der Geschichte“. Auch als Download unter: www.3www2.de. 2 Amadou Hampaté Bâ, „Oui, mon commandant! In kolonialen Diensten“, Zweiter Band der Lebenserinnerungen, Wuppertal (Peter Hammer Verlag) 1997, S. 107. 3 János Riesz , „Léopold Sédar Senghor und der afrikanische Aufbruch im 20. Jahrhundert“, Wuppertal (Peter Hammer Verlag) 2006. 4 Laut seiner Biografin und Mitstreiterin Alice Cherki. Siehe auch: Alice Cherki, „Frantz Fanon. Ein Portrait“, Hamburg (Nautilus) 2002.

Charlotte Wiedemann ist Journalistin und Autorin. Zuletzt erschien: „Ihr wisst nichts über uns! Meine Reisen durch einen unbekannten Islam“, Freiburg (Herder) 2008. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.10.2009, von Charlotte Wiedemann