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Demonetarisiert euch!

Ein Plädoyer für das Gratisprinzip als Alternative zum Kapitalismus

von Paul Ariès

Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) sei gerecht und großzügig, sagen seine Anhänger, weil ein immer größerer Teil der Bevölkerung keine Beschäftigung mehr finde. Stimmt das? Seit Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich das globale Wirtschaftswachstum noch nie auf einem so niedrigen Stand wie heute. Ein Ende der Arbeitsgesellschaft ist nicht in Sicht, und der Kapitalismus, der alles zur Ware macht, wird sein zerstörerisches Werk fortsetzen.

Nicht der Mangel an Arbeit ist das Problem, sondern die fortschreitende Kommerzialisierung beziehungsweise Kommodifizierung, sprich Privatisierung öffentlicher Güter. Statt den Leuten Geld in die Hand zu geben, sollte man lieber kostenlose Dienstleistungen einführen. Das ist nicht nur gerechter als das klassische BGE, sondern erstaunlicherweise sogar kostengünstiger, wie eine Studie des University College London (UCL) gezeigt hat.1

Laut den Berechnungen des am UCL angesiedelten Institute for Global Prosperity würde ein BGE in Großbritannien 250 Milliarden Pfund (284 Milliarden Euro) pro Jahr verschlingen, während man bei einer kostenlosen Grundversorgung (Wohnen, Ernährung, Gesundheit, Bildung, öffentlicher Nahverkehr, IT-Dienstleistungen und so weiter) auf 42 Milliarden Pfund (etwa 48 Mil­liar­den Euro) käme (2,2 Prozent des britischen BIPs).

Neben den hohen Kosten birgt das BGE ein weiteres Problem: die Vorstellung, das Äquivalenzprinzip durch die Zahlung eines bestimmten Geldbetrags nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern womöglich auf sämtliche Lebensbereiche auszuweiten. Denn trägt es nicht letztlich zur Vertiefung der Warenlogik bei, wenn Eltern für die Erziehung ihrer Kinder, Studierende für ihre Bücher oder Landwirte für eine umweltschonende Produktion Geld bekommen? Der Sozialphilosoph ­André Gorz hat sich genau aus diesem Grund für das Gratisprinzip und gegen das BGE ausgesprochen – das zuvor für ihn noch das beste Mittel darstellte, „sowohl die bezahlte Arbeit als auch die unbezahlten Aktivitäten umzuverteilen“.2

Selbst die besten Grundeinkommensprojekte sind unvollständig: Zum einen ist keineswegs sichergestellt, dass die ausgezahlten Gelder für ökologische, soziale oder demokratische Zwecke verwendet werden; zum anderen bleiben Gesellschaften auch mit einem BGE in einer individuellen Bedürfnislogik verhaftet – sie bleiben letztlich Konsumgesellschaften.

Abgesehen davon, dass das Gratis­prinzip auf soziale und ökologische Dringlichkeiten reagieren kann, lassen sich mit ihm auch die vier Geißeln des modernen Kapitalismus – Kom­mer­zia­li­sie­rung, Monetarisierung, Utilitarismus und Ökonomismus – besiegen. Das Gratisprinzip umfasst zwei Dimensionen. Zunächst eine ökonomische: Dass zum Beispiel öffentliche Schulen kostenlos sind, liegt daran, dass sie aus Steuereinnahmen finanziert werden.

Wasser ist nicht gleich Wasser

Das Gratisprinzip befreit Dienstleistungen von ihrem Preis, jedoch nicht von ihren Kosten. Die zweite Di­men­sion ist kulturell: Es geht nicht um einen unbeschränkten Zugang zu Gütern und Dienstleistungen, sondern darum, diesen Zugang an Regeln zu binden.

Die erste Regel besagt, dass das Gratisprinzip sich nicht auf existenzielle Güter wie Wasser oder Nahrungsmittel beschränkt. Es umfasst alle Lebensbereiche wie das Recht auf Nutzung öffentlicher Grünanlagen, Wohnen, Gesundheit, Kultur und politische Partizipation.

Zweitens müssen bestimmte Kosten steigen, wenn alles gratis sein soll. Das leuchtet ein. Aber es stimmt nicht. Denn das Gratisprinzip verlangt Genügsamkeit. Ein Beispiel: Die kostenfreie Bereitstellung eines Gutes wie Wasser ist nicht nur ein gesellschaftliches Anliegen, sondern eine ökologische Notwendigkeit. Durch kleinere Versorgungsnetze ließe sich etwa die Wasserverschwendung, die auf ein Drittel des Gesamtverbrauchs geschätzt wird, verringern. Anders als im Waren produzierenden System vorgesehen, könnte Wasser mehrfach genutzt werden; in den USA, Japan oder Australien wird zum Beispiel Grauwasser (fäkalienfreies, gering verschmutztes Abwasser) aus Privathaushalten recycelt.

Außerdem sollte auch die Frage erlaubt sein, ob Wasser immer den gleichen Preis haben muss, unabhängig davon, ob man es trinkt oder damit sein Schwimmbad füllt. Es gibt keine wissenschaftliche und erst recht keine moralische Definition einer guten oder schlechten Nutzung von Allgemein­gütern. Daher obliegt es den Bürgern – und somit politischen Prozessen –, darüber zu entscheiden, was kostenlos, was teuer und was verboten sein soll. Das Gratisprinzip kann deshalb auch zu einem verantwortungsbewussteren Umgang mit der Umwelt beitragen.

Drittens würden beim Übergang zur Gratiskultur bereits existierende Produkte und Dienstleistungen anders genutzt. In Schulkantinen würde etwa mehr lokale und saisonale Kost angeboten; vor Ort zubereitet und häufig vegetarisch.

Viele Städte experimentieren heute schon mit kostenlosen öffentlichen Nahverkehrsangeboten wie etwa die estnische Hauptstadt Tallinn oder – zumindest zu bestimmten Tageszeiten – die chinesische 14-Millionen-Einwohner-Metropole Chengdu. Für den Ballungsraum Paris gab Valérie Pécresse, Präsidentin des Regionalrats der Region Île-de-France, im Frühjahr dieses Jahres eine Studie in Auftrag. Der Bericht kommt zwar zu dem Schluss, dass ein kostenloser Nahverkehr in finanzieller Hinsicht kein Problem darstellen würde, jedoch zu einer Überlastung des Netzes führen könnte. Mit diesem Bericht liefern die Autoren einen weiteren Beleg dafür, dass das warenproduzierende System das Recht auf Stadt untergräbt und keine Antworten auf die ökologische Krise hat. Aus demselben Grund plädieren die Autoren des Berichts auch für „saubere“ Autos – ein Ding der Unmöglichkeit.

Negawatt statt Megawatt

Entgegen der Behauptung, man müsse sich zwischen dem Gratisprinzip und guter Qualität entscheiden, wirken sich kostenlose Angebote nicht negativ auf die Qualität von Produkten und Dienstleistungen aus. Wie die Erfahrung gezeigt hat, fördert das Gratisprinzip weder unsoziales Verhalten noch Vandalismus, ganz im Gegenteil.

Dennoch vertreten einige die Meinung, natürliche Ressourcen könnten allein durch ihre Kommodifizierung geschützt werden: So steige etwa durch Verknappung von Erdöl auch sein Preis, was zu einer sparsameren Nutzung führe. Kostenlose Angebote betrachten die Verfechter dieser Sichtweise folglich als organisierte Verschwendung. Was für ein Unsinn! Es geht weder darum, sämtliche Energie kostenlos zur Verfügung zu stellen, noch darum, unsere Produktionskapazitäten komplett auszuschöpfen. Denn wie inzwischen allgemein bekannt sein dürfte, müssen wir einen Großteil des noch verfügbaren Erdöls unter der Erde lassen, wenn wir die Klimaerwärmung wirksam bekämpfen wollen.

Die Vorstellung von kostenloser Energie bedingt einen schnellen und sanften Übergang von einer energieintensiven zu einer genügsamen Lebensweise. Eine solche Energiepolitik passt perfekt zum Negawatt-Szenario, das von unterschiedlichen Verwendungsarten ausgeht und auf einer radikalen Reduzierung unseres Energiebedarfs basiert: Ein Negawatt ist die Einheit für eingesparte Energie – „nega“ steht für negativ.3

Am 1. Oktober 2018 veröffentlichte die französische Tageszeitung L’Humanité den Aufruf des Observatoire international pour la gratuité (OIG): Das Manifest „Vers une civilisation de la gratuité“ (Auf zu einer Gratiszivilisation), das von zahlreichen Prominenten und Organisationen aus dem linksgrünen Spektrum unterstützt wird, spricht sich gegen eine systemstabilisierende Gratiskultur aus, die den „Abgehängten“ nur Sozialhilfe anbietet und mit paternalistischen Beileidsbekundungen und Überwachung einhergeht, und fordert stattdessen eine emanzipatorische Gratiskultur.

Diese emanzipatorische Gratiskultur plädiert jedoch nicht für Askese und Verzicht, sondern für „Mehr Genuss!“. Man mag der Konsumgesellschaft vorhalten, was man will – sie schafft es, uns zu verlocken, indem sie uns dazu einlädt, immer mehr zu konsumieren. Will man den „Genuss des Habens“ jedoch überwinden, muss man ihm einen anderen Genuss entgegensetzen: den des Seins.

1 Jonathan Portes, Howard Reed und Andrew Percy, „Universal Basic Services“, Social Prosperity Network, Institute for Global Prosperity, London, Oktober 2017.

2 André Gorz, „Arbeit zwischen Misere und Utopie“, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1999.

3 Siehe Razmig Keucheyan, „Was brauchen wir?“, LMd, Februar 2017.

Aus dem Französischen von Richard Siegert

Paul Ariès leitet das Observatoire international de la gratuité und ist Autor von „Gratuité versus capitalisme. Des propositions concrètes pour une nouvelle économie du bonheur“, Paris (Larousse) 2018.

Le Monde diplomatique vom 08.11.2018, Paul Ariès