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Das große Uran-Komplott

Der französische Konzern Areva und seine dunklen Geschäfte in Afrika

von Juan Branco

Wie ein blutroter Strich zieht sich die Straße aus glutheißem Lateritstein durch die grüne Landschaft. 134 Kilometer Piste, vergessen von der Zeit und von der Welt, verbinden die Stadt Bangassou mit dem Dörfchen Bakouma.

Die Straße wurde vor fünf Jahren mithilfe riesiger Maschinen im Rekordtempo gebaut. Damals verhieß sie der Zentralafrikanischen Republik, einem der ärmsten Länder der Welt, einen ökonomischen Entwicklungsschub, den Straßenarbeitern ein Stück Wohlstand und Frankreich eine Energiequelle für hundert Jahre.

Ersonnen und geplant wurde diese Lebensader einer neuen Welt irgendwo zwischen Südafrika, Toronto, Paris und den Jungferninseln. Heute wird die Piste an vielen Stellen von der wuchernden Vegetation verschlungen, sie ist mit unzähligen Rissen durchzogen und von Schmetterlingen und roten Ameisen bevölkert. Von der Größe der ersten Tage ist nichts mehr übrig. Zurück bleibt die Stille – und einer der größten Industrieskandale des 21. Jahrhunderts.

Zwei Tage dauert die Autofahrt von der Hauptstadt Bangui nach Bakouma. Für die letzten Stunden steigen wir auf ein Motorrad um, das ständig den Geist aufzugeben droht. Wo die Piste vollends unpassierbar wird, geht es zu Fuß unter sengender Sonne weiter, hinweg über die letzten Wasserläufe, die den unberührten Wald der Präfektur Bangassou durchziehen.

Endlich taucht Bakouma auf: ein paar Hütten aus dem Lehm, der hier der Mutterboden ist, die Dächer mit trockenen Ästen gedeckt, im Inneren nackte Bettroste, ohne Matratzen. Ein Ort ohne besondere Gerüche und Farben, auf den das ganze Jahr die Sonne brennt, von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Ein Ort der Selbstgenügsamkeit, die immer wieder von seltsamen Pilgern aufgestört wurde. Von Leuten, denen die Geldgier aus den Augen leuchtete und die stets wieder ernüchtert abzogen – ohne das goldene Gift, das sie gesucht hatten. Das goldene Gift heißt Uran.

Es lagert in riesigen Mengen in der Erde um Bakouma. Einst hatte dieses Mineral dem Westen die Ewigkeit versprochen. Für die Einheimischen ist es mittlerweile ein Fluch, der Tag für Tag bedrohlicher wird. Bakouma ist aber auch der Ort, wo die Geheimnisse des Zusammenbruchs Arevas, des größten Nukleartechnikkonzerns der Welt, verborgen liegen.

2007 hatte der französische Konzern das Unternehmen UraMin gekauft, das seit 2006 die Schürfrechte für Bakouma besaß (siehe Chronologie rechts). Die „Entdeckung“ riesiger Uranvorkommen im Osten der Zentralafrikanischen Republik hatte so große Hoffnungen geweckt, dass der damalige Staatspräsident, General François Bozizé, von Areva ein Atomkraftwerk verlangte. Das sollte direkt neben dem Dorf entstehen, das bis dahin weder mit Trinkwasser noch mit Strom oder Telefonanschlüssen versorgt war. Die Konzernleitung hätte lieber Schulen, Sportstätten und Krankenhäuser errichtet, wofür sie eine Milliarde Euro ausgeben wollte.

Der Giftmüll bleibt in der Zentralafrikanischen Republik

Am 10. August 2008 wurde ein Vertrag unterzeichnet, der mit finanziellen Anreizen für die afrikanischen Vertragspartner gespickt war. Kurz darauf flossen 8 Millionen Dollar aus Sonderfonds von Areva an das Finanzministerium in Bangui. Bald darauf erstickte die vormals verkehrsträge Hauptstadt in neuen Autos und riesigen Baumaschinen. Mehr als hundert einheimische Arbeitskräfte wurden eingestellt, an der Universität von Bangui sollten Geologen und Topografen ausgebildet werden. Im März 2011 tauchte Präsident Bozizé persönlich in Bakouma auf, um den Beginn eines glorreichen Zeitalters zu verkünden.

Doch der große Traum verwandelte sich bald in den üblichen Albtraum der Globalisierung. Einen Monatslohn von 70 Euro zahlte Areva seinen Arbeitern in Bakouma, bei einer Siebentagewoche und 13 Stunden pro Tag – „ohne Mittagspause“, wie sich ein ehemaliger Minenarbeiter erinnert; „alle zwei Wochen hatten wir einen freien Tag“, erzählt Sylvain Ngueké, „aber den mussten wir bei extremer Hitze und ständiger radioaktiver Strahlung auf dem Minengelände verbringen“. Der stellvertretende Minendirektor habe als höchstbezahlter einheimischer Manager 700 000 CFA-Franc (etwa 1500 Euro) im Monat bekommen, berichtet ein anderer Arbeiter, der seit drei Jahren um eine Abfindung kämpft.

Acht Jahre und einen Bürgerkrieg später ist Bozizé im Exil und die Mine in Bakouma stillgelegt. In der Zentralafrikanischen Republik liegt die Lebenserwartung immer noch bei 50 Jahren, das BIP pro Kopf bei 350 Dollar. Die versprochenen Straßen, Krankenhäuser und Schulen wurden nie gebaut. Kinder mit Hungerbäuchen stromern zwischen den Lehmhütten von Bakouma, wo es früher keinen Hunger gab. Der letzte Arzt wurde gerade abgezogen, die Trinkwasserversorgung, die kurze Zeit funktioniert hatte, ist zusammengebrochen, ebenso das Strom- und das Telefonnetz.

Der Niedergang begann im Mai 2012, kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen. Wie an jedem ersten Sonntag des Monats war Gianfranco Tantardini, der Direktor der Uranmine, mit einem kleinen Flieger von Bangui nach Bakouma geflogen, um zusammen mit den Arbeitern in der Dorfkirche die Messe zu besuchen. Der italienische Exmarineoffizier mit französischem Pass, ein 50-jähriger Koloss mit rasiertem Schädel, hatte zwischen 2002 und 2004 ein Atom-U-Boot kommandiert. Nun saß er zwischen seinen Arbeitern auf einer Holzbank und lauschte dem Priester.

Eugénie Damaris Nakité Voukoulé, die Bürgermeisterin von Bakouma, erinnert sich genau an den weißen Mann, denn sie „den Riesen“ nannten. Die Mine beschäftigte 133 Arbeiter, von denen 127 einheimisch waren. Nie wird Eugénie den Tag vergessen, an dem Tantardini nach der Messe das gesamte Personal versammelte, um zu verkünden, dass Bakouma „ruhen“ werde. Kurz nach der Übernahme von UraMin durch Areva hatte man den Beschäftigten 50 Jahre Arbeit versprochen; in ihren Arbeitsverträgen waren regelmäßige Lohnerhöhungen und Prämien festgeschrieben.

Beim Gang durch das hohe Gras ist das Hemd sofort durchgeschwitzt, das Atmen fällt schwer bei 35, 36, 37, 40 Grad. Ständig piept der Geigerzähler. Das Minengelände von Bakouma sieht aus wie das no-man’s land in Tar­kow­skis „Stalker“: ein verfluchter Ort, wo Vegetation, Ruinen und Rost ineinander übergehen. In diesem radioaktiven Kessel sind 40 Jahre französisch-afrikanischer Beziehungen konzentriert, Jahre voller gescheiterter Großprojekte.

Eine dicke Schicht aus Schlamm und Laub überzieht die vor vier Jahren verlassenen Gerätschaften. Überall liegen Plastikdosen herum, die zur Aufbewahrung der Mineralproben dienten, nicht weit davon hermetisch verschließbare Aluminiumsäcke, in denen radioaktive Mineralien transportiert wurden. Das Unternehmen hat sie nie entsorgt, jetzt sind sie alle aufgerissen. Wahrscheinlich hätten die Leute gedacht, das seien Behältnisse für Lebensmittelbeutel, meint ein früherer Areva-Angestellter.

Schwierige und unerlässliche Arbeiten wie das Vergraben radioaktiver Abfälle und die Dekontaminierung der Infrastruktur wurden nie durchgeführt. Und bei der Sicherung des Standorts, der eine große Gefährdung für die Bevölkerung in der Umgebung darstellt, wurden elementare Regeln missachtet. Es gibt nicht einmal Warnschilder oder Zäune, die den Zugang verwehren. Das gesamte Minengelände ist strahlenbelastet. Zwischen einem kleinen Maisfeld und einer Zebuherde liegen radioaktive Abfälle herum. Hier übersteigt die Strahlung den natürlichen Wert um das 40-Fache.1 Damit liegt sie 17-mal höher als die Maximaldosis, die in Frankreich für Angestellte von Atom­anlagen zulässig ist. Die sanitäre In­frastruktur wurde mit der Abreise der letzten Ausländer vollständig zerstört, die medizinischen Akten der lokalen Mitarbeiter sind verschwunden. Es gibt keinerlei Nachsorge.

Die Pariser Zentrale von Areva, dessen Hauptaktionär das staatliche Commissariat à l’énergie atomique ist, hat im März 2015 Verluste in Höhe von 4,8 Milliarden Euro bekannt gegeben und eine Umstrukturierung angekündigt, die 6000 Arbeitsplätze einsparen soll. Ein Großteil der erforderlichen Rekapitalisierungssumme von 5 Milliarden Euro wird vom französischen Staat garantiert. Bis 2017 soll die Reaktorsparte vollständig vom ebenfalls staatlich dominierten Unternehmen Éléctricité de France übernommen werden.

Bei dem Putsch verschwanden die Beweise

Der Industrieskandal des Jahrhunderts und die astronomischen Summen, um die es geht, scheinen Lichtjahre entfernt von dem kleinen zentralafrikanischen Dorf. Wie ist zu erklären, dass Areva mehrere Milliarden Euro für den Kauf von drei Minen in Namibia (Trekkopje), Südafrika (Ryst Kuil) und Zen­tralafrika (Bakouma) bezahlt hat, um sie dann Hals über Kopf zu schließen, ohne ein einziges Gramm Uran abgebaut zu haben? 4,8 Milliarden Euro Verlust – auf diese Summe kommt man, wenn man die Haushaltsvolumen der Zentralafrikanischen Republik über die letzten 20 Jahre addiert.

Als wir das alles Bürgermeisterin Voukoulé erläutern, die mit über 70 noch jeden Tag auf dem Feld arbeitet, lässt sie uns die Zahlen, um die es geht, dreimal wiederholen. Sie erinnert sich genau, dass sie zwei Jahre brauchte, um Areva 100 000 CFA-Franc (200 Euro) als einzige Investition abzuringen, die der Konzern dem Dorf spendiert hat: für die Renovierung ihres Amtsgebäudes. Von den zugesagten 400 000 Euro für Sozial- und Gesundheitsausgaben – weniger als 0,5 Prozent der geplanten Investi­tions­summe für die Mine und 0,01 Prozent der Gesamtinvesti­tions­summe – ist nichts zu sehen. „Die einzige soziale Aktivität, die Areva organisierte, war der monatliche Grillabend des Chefs für seine Expat-Freunde“, schimpft ein Dorfbewohner.

Für den Rückzug aus Bakouma präsentiert Areva auf seiner Homepage folgende lapidare Begründung: „Wegen des niedrigen Uranpreises nach Fukushima und der seit mehreren Monaten im Lande herrschenden Unsicherheit hat Areva im September 2011 die Einstellung der Urangewinnung in Ba­kou­ma, Zentralafrikanische Republik, bekannt gegeben.“ Tatsächlich wurde der Standort übernommen, als die Nachfrage nach Uran hoch war. Damals hatte der Kurs auf dem Spotmarkt – also der Preis bei direktem Kauf – seinen Gipfelpunkt erreicht. Das entsprach jedoch nicht der Realität eines Marktes, auf dem vor allem die langfristigen Verträge zählen und der damals relativ geringe Kursschwankungen aufwies.

Tatsache ist, dass die Abwicklung der Mine in Bakouma schon vor dem AKW-Unfall von Fukushima (März 2011) begonnen hatte – und kurz nachdem Areva in andere Vorkommen investierte, vor allem in der Mongolei und in Kanada, wo der Konzern eine Beteiligung an der riesigen Uranmine von Cigar Lake erwarb. „In Wirklichkeit wurde niemals Abbaugerät nach Ba­kou­ma gebracht“, verrät ein Areva-Manager, der damals vor Ort war. „Wir ahnten seit 2009, dass es hier keine Urangewinnung geben würde.“ Das war zwei Jahre vor Fukushima.

Das Sicherheitsargument steht auf noch schwächeren Beinen. Tatsächlich hat sich die politische Lage erst anderthalb Jahre später deutlich verschlechtert. In einer Mitteilung erwähnt Areva einen Rebellenangriff vom 24. Juni 2012. An jenem Tag haben Bewohner von Bakouma allerdings beobachtet, wie Tantardini selbst einige Rebellen zur Mine führte. „Er sagte ihnen, sie könnten ‚plündern‘, was sie wollten“, erzählt ein Geologe, der anonym bleiben möchte, „und die Männer der Sicherheitsfirma wies er an, nicht zu schießen.“ An denselben Vorfall erinnert sich ein Franzose, der von Areva als Unterauftragnehmer angeheuert war: „Wenn wir mit den Männern von Areva über den Angriff gesprochen haben, dann immer mit einem halben Grinsen.“ Kurz vor dem „Überfall“ hatte Tantardini alle vertraulichen Dokumente und die meisten Spezialisten in die Hauptstadt geschickt.

Das Schicksal der Mine von Ba­kou­ma hat nichts mit Industrie- oder Energiepolitik zu tun. Es handelt sich vielmehr um einen politisch-juristischen Riesenskandal: die sogenannte ­UraMin-Affäre, die Frankreich schon seit drei Jahren beschäftigt.

Die Firma UraMin wurde Anfang 2005 von Stephen Dattels und Jim Mellon mit einem Startkapital von 100 000 Dollar (91 000 Euro) gegründet.2 UraMin investierte in drei Vorkommen in Südafrika, Namibia und Zentralafrika, wo es zahlreiche Probebohrungen veranlasste, um den Wert der Minen zu erhöhen und so seine Bilanz aufzubessern. Anfang 2007 verfügte die Firma über Aktiva in Höhe von 150 Millionen Dollar, wovon weniger als 50 Millionen im Bergbau angelegt waren. Als Areva kurz darauf, im Juni 2007, das junge Unternehmen kaufte, zahlte der Konzern den stolzen Preis von 2,5 Milliarden Dollar (1,86 Milliarden Euro).

Der Ablauf erinnert verdächtig an die Geschichte dreier anderer Dattels-Unternehmen, die für ebenso absurde Summen von großen Staatskonzernen übernommen wurden und anschließend rasch vom Radar und aus den Bilanzen verschwanden. Das gilt etwa für das Unternehmen Oriel Ressources PLC, dessen Wert in den Monaten vor der Übernahme durch den russischen Mechel-Konzern um 60 Prozent gestiegen war und das in den Panama Papers als Teilhaber an drei Firmen auftaucht, die auf den Britischen Jungferninseln registriert waren.3

2010 verlor Areva weitere Hunderte Millionen Euro beim Kauf von Dattels’ Anteilen des Unternehmens Marenica Energy, das eine nie genutzte Mine in Namibia besitzt, und durch die Übernahme der Nickelmine Weda Bay in Indonesien, die für 198 Millionen Euro an die damalige Areva-Tochter Eramet ging. Auch diese Mine „ruht“ und wurde nie ausgebeutet.

Wie lässt sich eine solche Aneinanderreihung ruinöser Operationen erklären? Nach einem Bericht der Johannesburger Zeitung Mail & Guardian wurde UraMin von Areva zu einem weit überhöhten Preis gekauft, um über diesen Umweg mehrere Hundert Mil­lio­nen Euro an den Clan des damaligen südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki abzuzweigen, der zu den Hauptaktionären von UraMin gehörte.4 Im Gegenzug hoffte Areva, eine Ausschreibung Pretorias über den Bau mehrerer Atomkraftwerke und eine Fabrik zur Urananreicherung zu gewinnen.

Ähnliches vermutet ein ehemaliger Bergbauminister der Zentralafrikanischen Republik: „Wir dachten gleich, dass Areva UraMin als Deckmantel benutzt. Auf jeden Fall wussten alle, dass UraMin für das große Atomunternehmen nur als Türöffner dienen sollte.“ Der Exminister fährt heute in einem Geländewagen mit Chauffeur und besitzt mehrere Grundstücke in Frankreich, finanziert mit den „Boni“ der Bergbauunternehmen. Er empfängt uns im einzigen Fünfsternehotel der Hauptstadt, wo eine Übernachtung so viel kostet, wie seine Landsleute durchschnittlich im ganzen Jahr verdienen. „Diese Geschäfte wurden direkt im Präsidentenpalast verhandelt, aber es zirkulierten darüber Informationen. Als wir die Schürfrechte für Bakouma öffentlich auslobten, boten die Areva-Leute eine derart lächerliche Summe, dass wir gezwungen waren, das Angebot von UraMin anzunehmen. Anschließend nutzten sie die Chance, die Lizenz von UraMin zu einem überhöhten Preis zu kaufen, was einer Verschleuderung öffentlicher Gelder gleichkommt.“

Dem Staatskonzern Areva werden Korruption und schwere Versäumnisse mit gesundheits- und umweltschädlichen Folgen vorgeworfen, unter anderem in China, Südafrika, Niger, Deutschland, Namibia und Gabun. Seine Rolle für Frankreichs zivile und militärische Nuklearindustrie, die zum Teil der militärischen Geheimhaltung unterliegt, wurde Anfang der 2000er Jahre zügig umorganisiert. Treibende Kraft war dabei die neue Konzern­chefin ­Anne Lauvergeon, die in allen politischen Lagern gut vernetzt ist.

Lauvergeon bekam einen ungewöhnlich großen Handlungsspielraum gewährt, sodass sie sich den staatlichen Kontrollbehörden entziehen und pharaonische Projekte in Angriff nehmen konnte, die das Unternehmen an den Rand des Abgrunds führten. Die Übernahme und alsbaldige Schließung der Lagerstätten von UraMin erfolgte unter direkter Aufsicht des damaligen Wirtschaftsministers Thierry Breton und später von Patrick Balkany, einem engen Vertrauten von Präsident Nicolas Sarkozy.

Balkany gelang es 2008, den Zorn des zentralafrikanischen Präsidenten zu besänftigen: „Bozizé hatte den Braten gerochen“, erzählt uns ein damaliger hoher Staatsbeamter. „Als er ahnte, was sich da zusammenbraute, hat er die Schürfrechte für Bakouma blockiert und gedroht, die Lizenzen zu annullieren und die Ausschreibung zu wiederholen.“ Wie aus einer Klage der Zen­tralafrikanischen Republik hervorgeht, kassierte Balkany für seine Schlichterdienste eine Kommission von 5 Mil­lio­nen Euro.

Die entscheidende Frage lautet: Warum war der Areva-Konzern bereit, für das Uranvorkommen, das er wohl besser kannte als alle anderen, das 30-Fache seines Wertes zu zahlen? Und am Ende, nachdem er angeblich knapp 100 Millionen Euro investiert und an allen politischen Strippen gezogen hatte, die ganze Anlage dem Verfall zu überlassen? Da der Konzern außerstande ist, für diesen Ablauf eine klare Erklärung zu geben, präsentieren Experten wie der Schriftsteller und Afrikakenner Vincent Crouzet, der Untersuchungsrichter Marc Eichinger und der ehemalige zentralafrikanische Vizeaußenminister Saïf Durbaar folgende Interpretation: Die Übernahme von UraMin könnte einzig dem Zweck gedient haben, ein gigantisches System von Kick-back-Zahlungen zu arrangieren, das letztlich französischen Interessen dienen sollte.5

Durbaar wurde am 2. Juli 2015 von einem französischen Untersuchungsrichter befragt. Er war in Frankreich verhaftet und wegen Betrugs zu drei Jahren Haft verurteilt worden, seltsamerweise aber nach drei Monaten freigelassen, was er selbst einer Einigung mit dem Geheimdienst zuschreibt.6 Obwohl der Name Durbaar in zahllosen Artikeln über die UraMin-Affäre auftaucht, versicherte uns ­Éliane Houlette, die Leiterin der französischen Finanzstaatsanwaltschaft, zweimal, sie habe „nie von ihm gehört“. Nach monatelanger Untätigkeit sah sich ihre Behörde im März 2015 gezwungen, zwei Ermittlungsverfahren wegen Betrugs, Bestechung ausländischer Amtsträger und Vorlage falscher Bilanzen zu eröffnen.

Die Spur führt nach Südafrika

Als Antwort auf unsere Anfrage übersandte Areva lediglich eine Presseerklärung mit der Behauptung, das Unternehmen sei durch die Zentralafrikanischen Republik „entlastet“ worden. Von Wikileaks veröffentlichte Dokumente und unsere eigenen Ermittlungen zeigen jedoch das Gegenteil.7 Étienne Huver und Boris Heger vom Journalistenkollektiv Slug News, die seit Jahren über den Fall recherchieren, wurden sogar von Vertretern des Verteidigungsministeriums bedroht.8

In Zentralafrika wiederum sind alle Akten zu UraMin und den Aktivitäten von Areva auf geheimnisvolle Weise verschwunden, nachdem die Seleka-Miliz im März 2013 mit stillschweigender Zustimmung Frankreichs den Präsidenten Bozizé aus dem Amt gejagt hatte. Am Tag der Machtübernahme durch die Milizen wurde das Haus des Generaldirektors für Bergbau durchsucht und geplündert.

Vor dem überstürzten Rückzug von Areva – als bereits eine staatliche Untersuchungskommission nach Bakouma unterwegs war – hat Tantardini nach Aussage eines Geologen, der dabei war, seine Mitarbeiter angewiesen, „ihre Papierkörbe gründlich zu leeren“. Dann formatierte er alle Festplatten neu, sicherte den Server mit einem Passwort und nahm sämtliche Akten des Unternehmens im Flugzeug mit nach Frankreich. Später wurde Tantardini an die Spitze der Schifffahrtsgesellschaft So­cié­té nationale maritime Corse Méditerranée (SNCM) befördert, wo er derzeit das Insolvenzverfahren des Unternehmens beaufsichtigt.

Die Zentralafrikanische Republik besitzt nur noch eine Kopie eines einzigen Dokuments über den „Vorgang Areva“. Damit ist eine Strafverfolgung des französischen Konzerns in Bangui quasi ausgeschlossen. Der heutige Bergbauminister Joseph Agbo muss deshalb seine „absolute Ohnmacht“ eingestehen. Er hat mehrfach versucht, etwas zu unternehmen, aber der einzige Kontakt zu Areva läuft über einen Notar, der den Konzern in Zentralafrika vertritt und sich sehr wortkarg gibt. Die Arbeiter in Bakouma versuchen dennoch, einen Prozess gegen Areva anzustrengen, und erklärten uns, dass die Sache noch am Laufen sei. Doch der Generalstaatsanwalt in Bangui, Ghislain Grésenguet, will davon „nie gehört“ haben.

Kein französischer Protagonist dieser Affäre war bereit, unsere Fragen zu beantworten. Und Anne Lauvergeon hat seit dem Beginn ihres Verfahrens nur zwei Interviews gegeben. Im Parisien versicherte sie Ende März, der Kauf von UraMin habe „grünes Licht von allen Aufsichtsbehörden und vom Staat“ gehabt; im Übrigen habe die Abwertung der Aktiva allen buchhalterischen Normen „peinlich genau“ entsprochen. Gegenüber France 3 hat sie ihre Absetzung bei Areva als Folge ihres Widerstands gegen zwei Projekte von Sarkozy dargestellt: gegen die Privatisierung des Bergbaus zugunsten Qatars und den Verkauf eines Atomkraftwerk an Gaddafis Libyen.9

Lauvergeon will auch nie mit ihrem Mann Olivier Fric über den Zukauf von UraMin gesprochen haben. Fric war in die Übernahmeoperation verwickelt und steht wegen Insiderhandels vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, kurz vor der Übernahme durch Areva über eine Reihe von Mittelsmännern UraMin-Aktien gekauft und damit einen Gewinn von 300 000 Euro gemacht zu haben.

Nach der Übernahme durch Areva hatte der UraMin-Direktor des Bergwerks in Bakouma, ein Südafrikaner, die Angestellten im Camp zusammengerufen und ihnen mit einer Mischung aus Frust und unternehmerischer Großspurigkeit erklärt: „Mit UraMin ist es aus. Wir waren ein Hund, der bellt, aber nicht frisst. Morgen kommt vielleicht ein Hund, der bellt und frisst.“

1 Sie beträgt bis zu 3 Mikrosievert pro Stunde, während sie außerhalb des Dorfes nur bei 0,08 liegt.

2 Interview mit Jim Mellon, Spears WMS Magazine, Nr. 13.

3 Siehe: offshoreleaks.icij.org/nodes/12030181.

4 „French Nuclear Frontrunner’s Toxic Political Dealings in SA“, Mail & Guardian, 3. August 2012.

5 Diese Theorie wird inzwischen auch von Wikileaks-­Veröffentlichungen gestützt; siehe „La nouvelle guerre sale pour l’uranium et les minerais d’Afrique“, Dos­sier von Wikileaks, 5. Mai 2016; siehe auch den Spionageroman von Vincent Crouzet, „Radioactif“, Paris (Belfond) 2014.

6 Siehe: „Pièces à conviction : ‚Areva, 3 milliards en fumée‘“, France 3, 10. Dezember 2014.

7 „Rapport d’activité sur la mine de Bakouma et Areva“, Wikileaks, 5. Februar 2016.

8 „Areva & UraMin. Eine Zeitbombe der französischen Atomindustrie“, Arte, 14. Mai 2015.

9 „Pièces à conviction: ‚Areva: les secrets d’une fail­lite‘“, France 3, 19. Oktober 2016.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Juan Branco ist Spezialist für internationales Recht. Autor von „L’Ordre et le Monde. Critique de la Cour pénale internationale“, Paris (Fayard) 2016.

Le Monde diplomatique vom 10.11.2016, Juan Branco