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Beethoven der Hunne

Propaganda gegen Deutschamerikaner während des Ersten Weltkriegs

von Pierre Rimbert

Das Land der Freiheit erklärt der Barbarei den Krieg. Einer fernen Macht, die Frankreich und Belgien angreift, die Zivilisation verachtet, Kinder tötet, Mädchen vergewaltigt. Mit Unterstützung der Bevölkerung verkünden die Regierenden ihren Willen, den Feind zu vernichten. Man zeigt Flagge. Während die Soldaten in den Kampf ziehen, bleibt auch die Zivilbevölkerung daheim nicht untätig. Hat sich der Feind nicht auch hier versteckt, hier unter uns? Die scheinbar rechtschaffenen Einwanderer, sind sie nicht eine heimliche Armee von Spionen und Verrätern?

Während des Ersten Weltkriegs wurde diese Frage von US-amerikanischen Zeitungen tagtäglich gestellt. Solche Propaganda führte am 12. April 1918 schließlich dazu, dass bewaffnete Patrioten in das Haus von Dr. Cole, dem Direktor der Schule von Appleton, Colorado, eindrangen. Das Kommando zerrte den Lehrer aus seinem Bett, überzog ihn mit Fett und Federn und ließ ihn wissen, er werde „am nächsten Telefonmast hängen“, wenn er nicht binnen 36 Stunden die Stadt verließe. Er, der Deutschstämmige, habe, so die Behauptung seiner Angreifer, die Regierung in Berlin gerühmt.

Weniger Glück hatte der in Dresden geborene ehemalige Bäcker Robert Paul Prager, der sich in Collins­ville, Illinois, eine Existenz als Bergmann aufgebaut hatte. Die Gäste des örtlichen Saloons beschuldigten ihn eines Abends, für „das Reich“ zu spionieren und in ihrem Bergwerk Sabotage zu betreiben. Sie schleiften ihn aus der Stadt und hängten ihn auf. Am Tag vor dem Prozess gegen die Mörder begrüßte die Washington Post das „trotz der Lynch­ex­zes­se gesunde und rettende Erwachen im Lande“ (12. April 1918). Alle Angeklagten wurden freigesprochen.

Im April 1917 waren die Vereinigten Staaten an der Seite von England und Frankreich in den Krieg eingetreten. Die Mobilmachung, so erzählt der Journalist Erik Kirschbaum in seinem Buch „Burning Beethoven“,1 wurde von einem Kreuzzug gegen vermeintlich illoyale Amerikaner deutscher Abstammung begleitet.

Am 19. Januar 1917 hatte Arthur Zimmermann, der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, den deutschen Botschafter in Washington in einem verschlüsselten Telegramm davon in Kenntnis gesetzt, dass Deutschland den uneingeschränkten U-Boot-Krieg wiederaufnehmen werde und Mexiko dazu bewegen wolle, die USA anzugreifen, falls diese ihre Neutralität aufgeben sollten. Am 1. März 1917 wurde der Inhalt der „Zimmermann-Depeche“ der US-Öffentlichkeit bekannt gemacht. Daraufhin steigerte sich das Misstrauen gegenüber den Deutschamerikanern zur Paranoia.

Der Kampf richtete sich gegen die deutsche Sprache und die oft als arrogant empfundene deutsche Kultur. Unter dem Einfluss des Committee on Public Information, einer mächtigen Regierungsbehörde, für die Hunderte von Journalisten, Künstlern und Werbeleuten arbeiteten, wurde „sauerkraut“ in „liberty cabbage“ und „hamburger“ in „liberty sandwich“ umbenannt. (Ähnlich wie fast hundert Jahre später republikanische US-Abgeordnete „french fries“ zu „freedom fries“ erklärten, weil Paris bei der Bombardierung des Irak nicht mitmachen wollte.) Und ein in den USA seit Jahrzehnten als „Bismarck“ bekanntes Cremegebäck hieß fortan „American Beauty“. Die Bürger von Columbus, Ohio, wollen sich mit der Umbenennung des bis dato „dachs­hound“ genannten Dackels in „liberty hound“ nicht zufrieden geben – sie nahmen die Tiere ihren Besitzern weg und töteten sie.

Sündenböcke und liberty hounds

„Wir können gegen die Sprache der Hunnen Krieg führen, und wir werden es tun!“, verkündete die nationalistische und antisozialistische American Defense Society in einer Broschüre vom Januar 1918. „Eine Sprache, die ein solches Volk von mitleidlosen Eroberern hervorbringt, taugt nicht für den Unterricht der reinen und unschuldigen Kinder Amerikas. Das Prinzip der Selbstverteidigung verlangt, dass sie eliminiert wird.“

Im Dezember 1917 verbannte der Staat New York den Deutschunterricht aus den Schulen, 14 weitere Bundesstaaten folgten. Sechs Monate später verboten South Dakota und Iowa sogar den Gebrauch jeglicher Fremdsprache an öffentlichen Orten und in Kirchen.

Doch die Kriegsgesänge der Kultursirenen hörten damit nicht auf: Im Juni 1918 plädierte die Los Angeles Times für ein Verbot von Beethoven, Bach und Mozart: „Das ist die Musik der Eroberung, des Sturms, des Chaos und der Verwüstung, (…) die Kakofonie des Gebrülls der Höhlenmenschen und des Getöses der Nordwinde.“ Dirigenten wurden verhaftet und eingesperrt.

Die American Defense Society rief dazu auf, deutsche Bücher zu verbrennen, da in ihnen eine verderbte Philosophie verbreitet werde. In den Bundesstaaten Ohio, Oklahoma, Wisconsin, Montana und Colorado wurden Bibliotheken gestürmt, deutschsprachige Bücher auf der Straße aufgehäuft und in einer martialisch-patriotischen Zere­monie verbrannt. In Columbus errichtete man den Scheiterhaufen zu Füßen einer Schiller-Statue; in Fergus, Montana, steckten wachsame Bürger gleich die ganze Schule in Brand. An diese Aschehaufen erinnerte sich in den USA kaum noch jemand, als man 15 Jahre später mit erhobenem Zeigefinger die Bücherverbrennungen der Nazis anprangerte.

Die Entstehungsgeschichte dieser Raserei zeigt, dass solche Konflikte weniger auf „gegensätzliche Kulturen“ zurückzuführen sind als vielmehr auf konkurrierende ökonomische oder militärische Interessen – aufgrund derer vermeintlich unüberwindbare kulturel­le Grenzen erst herbeikonstruiert werden.

Ähnlich wie die Deutschamerikaner, die damals plötzlich im Verdacht standen, Züge der barbarischen „Hunnen“ in sich zu tragen und für ihr Herkunftsland zu spionieren, stehen heute Europäer muslimischer Abstammung unter Generalverdacht, Terroristen zu sein. Die Mechanismen ähneln sich. Im Fall der Deutschameri­kaner im Ersten Weltkrieg haben sie allerdings nicht eine unterdrückte Minderheit niedergewalzt, sondern eine große, einflussreiche Bevölkerungsgruppe.

Zu Beginn des 20. Jahrhundert hatten 8 Millionen Menschen in den USA deutsche Wurzeln, das war jeder zehnte US-Bürger.2 Anders als die Muslime Europas heute verfügten sie über einflussreiche Institutionen wie etwa die German-American National Alliance. Einige von ihnen wurden mächtige Leute wie John D. Rockefeller, Walter Chrysler, Henry Heinz, Herbert Hoover, der spätere General John Pershing – oder die Großeltern von Donald Trump.

1910 gab es in den USA etwa 500 Tages- und Wochenzeitungen in deutscher Sprache, die sich zunächst gegen einen Kriegseintritt der Vereinigten Staaten ausgesprochen hatten. Doch später forderten sie ihre Leser auf, in großem Umfang Kriegsanleihen (liberty bonds) zu zeichnen oder bei jeder Gelegenheit die amerikanische Nationalhymne zu singen. Zwei Drittel dieser Zeitungen existierten 1920 nicht mehr.

Das am 15. Juni 1917 von Präsident Woodrow Wilson unterzeichnete Spionagegesetz ahndete jegliche Behinderung der US-amerikanischen Kriegsanstrengungen. Es ist bis heute in Kraft und bildet die Grundlage für die Strafverfolgung von Edward Snowden. Das Gesetz gegen Aufruhr vom Mai 1918, das jegliche Äußerung der Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende verbot, brachte Hunderte Menschen wegen Verrats oder sozialistischer Umtriebe hinter Gitter. Zudem nutzte die Führungsschicht den Krieg, um die anarchosyndikalistische Gewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW) zu zerschlagen.

Mit Blick auf die von den USA 1918 ergriffenen Maßnahmen erscheint die Diskussion nach den Attentaten von Paris im November 2015, ob polizeilich registrierte Personen präventiv festgenommen werden sollten, wie die Variation einer bekannten Geschichte: 2000 deutsche „feindliche Ausländer“ wurden einst in Lagern interniert. Ein Vierteljahrhundert später wendeten die USA diese Praxis noch in sehr viel größerem Umfang auf Einwanderer aus Japan an.

Derweil wetterte der deutschstämmige kalifornische Kongressabgeordnete Julius Kahn am 24. März 1918 gegen „die aufrührerischen und verräterischen Stimmen“: „Ich hoffe, dass einige am Galgen hängen werden, am besten so schnell wie möglich.“ Der Immigrant, der sich seinem Aufnahme­land übermäßig anpasst und alles zu tun bereit ist, um seine Wurzeln zu kappen, ist eine andere klassische Figur aus dem Theater der Kulturkriege.

1 Erik Kirschbaum, „Burning Beethoven. The Eradication of German Culture in the United States during World War I“, New York (Berlinica Publishing) 2015.

2 2010 lebten in den USA 50 Millionen Amerikaner mit deutschen Wurzeln.

Aus dem Französischen von Uta Rüenauver

Le Monde diplomatique vom 12.05.2016, Pierre Rimbert