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Im Land der sechs Staatsreligionen

Muslime, Christen und Buddhisten sprechen über ihr Indonesien

von Daniele Godor

Später Nachmittag in Jakarta. In diesem Ungetüm von Stadt bewegt man sich am besten motorisiert, obwohl Jakarta im Verkehr zu ersticken droht. Zu groß, zu staubig, zu heiß und zu schmutzig zum Spazieren ist diese Stadt, und wie jeden Tag verdeckt eine dichte Glocke aus Smog und Rauch den Himmel: Die Sonne, wie hinter Milchglas, wirft kaum einen Schatten. Ich bin auf dem Weg zu Waja, der in eine katholische Familie hineingeboren wurde, dann zum Buddhismus übertrat und sich schließlich für den Islam entschied. Im Stau in den endlosen Fluchten der mehrstöckigen Highways tauchen gigantische LED-Werbetafeln den Gegenverkehr in immer neues Licht. Glitzernde Wolkenkratzer ragen in den trüben Himmel, während am Boden Händler in wackligen Wellblechbuden Wasser, Zeitungen und holzgeschnitzte Souvenirs feilbieten.

Am 17. August dieses Jahres feiert Indone­sien den 70. Jahrestag seiner Unabhängigkeitserklärung und die Verabschiedung des demokratischen Grundgesetzes (Undang-Undang Dasar Negara Republik Indonesia, UUD) von 1945. Es ist ein Land der Superlative und der Gegensätze: Großer Reichtum wechselt sich hier mit entwaffnender Armut ab. Mit 250 Millionen Einwohnern auf etwa 18 000 Inseln ist Indonesien nicht nur der größte Inselstaat der Welt – es ist mit 200 Millionen Muslimen auch das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung und die nach der Einwohnerzahl zweitgrößte Demokratie außerhalb der westlichen Hemisphäre (nach Indien).

Obwohl sich 87 Prozent der Bevölkerung zum Islam bekennen, ist der Islam keineswegs die einzige Staatsreligion. Gemäß der Pancasila, den von Staatsgründer Sukarno aufgestellten Prinzipien1 , hat Indonesien gleich sechs gleichgestellte Staatsreligionen. Fast jeder Bürger bekennt sich zu einer von ihnen: Islam (87,1 Prozent), Protestantismus (6,96), Katholizismus (2,91), Hinduismus (1,69), Buddhismus (0,72) oder Konfuzianismus (0,05).2 Die Religionszugehörigkeit wird im Personalausweis vermerkt, und wer Atheist ist oder einer der vielen ethnischen Religionen angehört (es gibt über 300 Ethnien in Indonesien), wählt pro forma eine der anerkannten Religionen oder lässt die Spalte leer. Dieser Versuch, den Pluralismus der Religionen auch verfassungsmäßig zu gewährleisten, bleibt allerdings auf die sechs ausgewählten beschränkt. Zwar kann sich jeder den Glauben aussuchen, der ihm am besten passt – nur eben nicht im Personalausweis.

In den letzten Jahren haben Nachrichten von religiös motivierten Anschlägen und Morden an Christen und muslimischen Minderheiten (wie der Ahmadiyya-Sekte) durch militante islamistische Gruppen immer wieder den Eindruck vermittelt, das pluralistische System funktioniere nicht mehr. Jakarta aber erscheint auf den ersten Blick weltoffen und nicht so, wie man sich die Hauptstadt eines Landes vorstellt, in dem solche Dinge passieren. Am Straßenrand verkaufen Steinmetze Jesus- und Buddhafiguren. Warungs (Imbissstände) bieten Spieße aus Schweinefleisch an. Die Leuchtreklame der Bank Ganesha und die Taxis, die drei kleine buddhistische Stupas anstelle des normalen Taxi-Leuchtdreiecks auf dem Dach haben, sind allgegenwärtig. Kopftücher oder gar Burkas hingegen sind selten bis gar nicht zu sehen. Und der Bürgermeister der Stadt, Basuki Tjahaja Purnama, genannt „Ahok“, ist chinesischer Herkunft – und außerdem Christ.

Waja lebt mit seiner vierköpfigen Familie in zwei engen Zimmern. Darin enthalten eine Koch- und eine Betnische, an deren speckiger Wand mit Klebestreifen Bilder von islamischen Geistlichen und ein paar Auszüge aus dem Koran angebracht sind. „Christen und Muslime werden bei uns absolut gleich behandelt“, sagt Waja. Der religiöse Fanatismus, von dem berichtet wird, sei eine Rand­erscheinung. Zum ersten Mal fällt der Name FPI (Front Pembela Islam, Front zur Verteidigung des Islam), eine Gruppe von „Fanatikern“, mit denen er „nichts zu tun haben möchte“. „Meine Religion ist die deine, deine Religion ist die meine“, zitiert Waja aus der 109. Sure des Koran und fügt hinzu: „Man kann doch niemandem vorschreiben, was er glauben soll.“ Seine katholische Familie sieht das anders: Als er sich für den Islam entschied, zwangen ihn seine Geschwister, vor der Mutter niederzuknien und sie um Verzeihung zu bitten. Dann will Waja mir etwas zeigen.

Die Gassen rund um die Wohnung sind stockduster und so eng, dass kaum ein Mann hindurchpasst. Hier und da ein Glimmen im Dunkeln: stumme, hockende Männer, die Kretek rauchen, Zigaretten mit fein gehackten Gewürznelken. Zwei Straßen weiter leuchtet, eingerahmt von Wohnhäusern, ein kleiner buddhistischer Tempel. „Die Statuen hier“, sagt Waja, „pflege ich.“ In diesem Augenblick erklingt der Gesang eines Muezzins aus einem Lautsprecher. Innerhalb weniger Sekunden folgen unzählige weitere, und plötzlich liegt die Stadt unter einem gewaltigen Klangteppich, der an das Geheul von Luftschutzsirenen erinnert. Zeit für das Abendgebet. Das Interview ist vorbei.

Ahok ist Bürgermeister von Jakarta, Chinese und Christ

Am nächsten Morgen fahre ich in ein mehrheitlich von Christen bewohntes Viertel. Berufsverkehr – eine sich schwerfällig schleppende Masse von Autos, Motorrädern, Mopeds, Dreiradtaxis, Bussen, Fahrrädern, Handkarren und Händlern. Über 12 Millionen Fahrzeuge sind allein in Jakarta registriert. Alles fährt und geht durcheinander, Regeln scheint es keine zu geben außer der, dass man möglichst unfallfrei ans Ziel kommen sollte. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass dies normalerweise gelingt – und die Gelassenheit der Menschen in diesem staubigen Stop-and-go, dieser ermüdenden, albtraumhaften Trägheit: kein Gestikulieren, keine Schimpfworte. Harmonisches Chaos, das große Laisser-faire.

In Kramat Sentiong unterhalte mich mit Menschen auf der Straße. Nein, durch die muslimische Mehrheit fühlen sie sich nicht diskriminiert, im Gegenteil. „Während des Ramadan laden uns die Muslime oft zum puasa (Fastenbrechen) ein“, erzählt eine elegant gekleidete Geschäftsfrau. „Beim Weihnachtsgottesdienst in der Kathe­drale gibt es meistens viel zu wenig Parkplätze. Dann öffnet die Istiqlal ihren riesigen Parkplatz für uns.“

Istiqlal bedeutet Unabhängigkeit und ist der Name von Südostasiens größter Moschee mit Platz für 200 000 Gläubige. Sie liegt vis-à-vis der Kathedrale von Jakarta. Als ich sie besichtige, spreche ich den Fremdenführer auf die Tatsache an, dass der Architekt der Moschee ein Katholik ist. „Gewiss“, sagt er. „Er hat doch gute Arbeit geleistet, oder?“

Wenig später bin ich zu Gast auf einer katholischen Trauung und inzwischen gar nicht mehr so überrascht, dort auf Muslime zu treffen: Freunde und Familienmitglieder, die zum Islam konvertiert sind. Das einzig Einheitliche bei dem Fest ist die Kleidung: traditionelle javanische Batik. Hendra Sutedja, der Priester, hat Zeit für ein Gespräch. An sich, meint er, leben die verschiedenen Religionen friedlich miteinander. Unter der Oberfläche aber gäre es. Und wieder fällt der Name FPI. Die Androhung von Gewalt seitens der FPI sei Teil des christlichen Alltags.

Die FPI ist seit ihrer Gründung nach dem Ende der Militärdiktatur 1998 tatsächlich immer wieder durch gewalttätige Aktionen gegen Christen, Kommunisten und Ahmadiyya-Muslime aufgefallen. In vielen der bekannten Fälle schaute die Polizei, falls sie überhaupt zugegen war, tatenlos zu. „Das ist Politik im Namen der Mehrheit“, fügt Sutedja hinzu und erzählt, dass das Bauen neuer Gotteshäuser von höchster Stelle erschwert werde: „Moscheen können quasi schwarz gebaut werden, während wir lange auf eine behördliche Genehmigung warten müssen.“ Außerdem, fährt er fort, habe man als Nichtmuslim schlechtere Karrierechancen. Im öffentlichen Dienst und besonders im Militär eine einflussreiche Position zu bekommen, sei auf nationaler Ebene aussichtslos – was mir der Hindupriester und Leiter der größten Hindugemeinde Jakartas, I Gusti Ngurah Anom, später bestätigt.

Ich verweise auf den chinesisch-christlichen Bürgermeister der Hauptstadt. „Ahok“, antwortet Sutedja, „ist eine Ausnahme.“ Gegen Ende unseres Gesprächs vibriert sein Telefon, und er reicht es mir wortlos weiter. Im Postfach liegt ein Pamphlet der militanten muslimischen MGZ (Muslim Green Zone), das ihre Mitglieder zu einer Aktion gegen katholische Pilger im „indonesischen Lourdes“ aufruft, dem Marienheiligtum Sendang Sono bei Yogyakarta. Dresscode: Motorräder und Vermummung.

Szenenwechsel. Yogyakarta in Mitteljava, die Stadt, die als geistiges und kulturelles Zentrum Javas gilt und sich mit dem Titel „City of Tole­rance“ schmückt. Es ist der erste Tag des Ramadans. Die Luft ist klar, es weht ein frischer Wind, und auf den Straßen ist kaum ein Mensch zu sehen. Die meisten kleinen Warungs sind wegen des Fastens geschlossen.

Yogyakarta ist seit jeher ein Sultanat – eine Sonderregelung, von der es in Indonesien viele gibt, da die Regierung in Jakarta den Provinzen weitreichende Freiheiten einräumt, die bis hin zu einer relativen Unabhängigkeit in der Legislative reichen. Bali, das von einer Hindumehrheit regiert wird, hat beispielsweise seine eigene Hindupolizei (Pecalang), während die Provinz Aceh Elemente der Scharia in ihre Gesetzgebung aufgenommen hat.

In der Altstadt von Yogyakarta, die als Wiege des Islams in Indonesien gilt, empfängt mich der Islamgelehrte Kiai Abdul Muhaimin in seiner Schule und ermahnt mich, die Reibereien zwischen Muslimen und Christen in eine internationale Perspektive zu setzen. „Indonesien hat so viele Inseln und so viele Ethnien – und doch verläuft das Zusammenleben recht friedlich.“

Muhaimin ist der Gründer eines einflussreichen Forums zur interreligiösen Verständigung und ein wichtiger Vertreter der weltweit größten islamischen NGO, der moderaten Nahdlatul Ulama („Wiedererwachen der Gelehrten“). Er erläutert das Konzept eines indonesischen Islam (Muslim Nusantara), für das Präsident Joko Widodo gerade landesweit Reklame macht: „Bildung, Vielfalt als Grundlage und die Aufnahme verschiedenster Strömungen und Impulse in einen modernen, säkularen Islam.“ Erscheinungen wie die FPI erklärt er mit einem Mangel an Bildung und Frustration infolge von „Kapitalismus und amerikanischem Imperialismus“. „Hinter der FPI stecken das Militär und General Wiranto“, sagt er. Wiranto war der letzte Armeechef Suhartos und als solcher während der gewalttätigen Unruhen nach dem Fall des Diktators 1998 für den Tod zahlreicher Menschen verantwortlich.

Die Armee spielte schon seit der Staatsgründung, vor allem jedoch unter Suharto, eine entscheidende Rolle im Machtapparat. Als nach 1998 versucht wurde, das Land zu liberalisieren und ihren Einfluss zu beschneiden, entstand unter Mitwirkung Wirantos die FPI. Sie ist also nur in zweiter Linie die Reaktion aus ein religiöses Problem, ihre Existenz beruht vor allem auf einer Struktur, in der das Militär noch immer zu viel Macht besitzt.

Muhaimin klappt am Ende seinen Laptop auf und zeigt mir ein Foto von zwei Frauen mit Kopftuch. Eine von ihnen liest den Koran. „Schön, oder?“, fragt er zufrieden und fügt lächelnd hinzu: „Das waren einmal Männer …“

Abend in Yogyakarta: Eine Sirene kündet das Fastenbrechen an, und gleich erklingt Gesang aus einer nahe gelegenen Moschee. Allein, der Klang ist anders als in Jakarta, und beim genaueren Hinhören merke ich, dass der Koran hier auf Javanisch rezitiert wird. Auch die Melodik ist anders: In der Pentatonik, die sich an der traditionellen javanischen Gamelan-Musik orientiert, klingt der moderne, anpassungsfähige und wandelbare Islam an.

Der sei aber auch nur eine weitere Spielart einer ohnehin gespaltenen Religion, erklärt Abi Fatih, Sprecher der Organisation Hizb ut-Tahrir, die sich international für die Ablösung von Demokratie und freiem Markt durch das Kalifat einsetzt. „Ein Kalif würde dem Islam eine einheitliche Führung geben, alle Religionen effektiv schützen und den Menschen ihre Lebensgrundlage sichern“, sinniert er beim Tee im Pendopo, einem traditionellen javanischen Pavillon. Gruppen wie die FPI oder den IS gäbe es dann nicht mehr. „Gewalt ist für uns kein legitimes Instrument. Wer Gewalt anwendet, ist kein guter Muslim – nein, der ist gar kein Muslim“, fügt er hinzu und beschwört immer wieder seine politisch-religiöse Sehnsucht: „Gerechte Güterverteilung, von Allah zum Kalifen, vom Kalifen an die Menschen.“ Das sind die Stichworte für eine verträumte Diskussion über Koran, Kalif, Karl Marx und Kapital, während etwas heraufzieht, das man in Jakarta nur äußerst selten erleben kann: eine stille, sternenklare Nacht.

Der heiligste Ort der Buddhisten liegt in unmittelbarer Nähe von Yogyakarta: der Tempel Borobudur, Indonesiens Touristenattraktion Nummer eins und eine der größten buddhistischen Tempelanlagen Südostasiens. Das riesige Gelände ist eingezäunt und kann nur nach dem Entrichten einer für indonesische Verhältnisse fast unerschwinglichen Eintrittsgebühr betreten werden. Besucherströme wie auf dem Petersplatz in Rom wälzen sich die neun Plateaus der gewaltigen Pyramide hinauf. Oben gibt es Gruppenselfies mit dem Victoryzeichen vor den berühmten Stupas.

Die Mönche im Mendut-Tempel meinen, dass Buddhisten Diskriminierung nicht so sehr im Alltag erleben als dadurch, dass ihr Heiligtum keinen staatlichen Schutz genießt. Mönche, die von außerhalb kommen, müssen ebenso Eintritt zahlen wie die Touristen. Und innerhalb des eingezäunten Geländes befindet sich ein Hotel, das jeden Morgen Touren zum Tempel anbietet. Die Mönche, die bei Sonnenaufgang beten, werden so regelmäßig belästigt. Den Staat kümmere das nicht: „Buddhisten haben einfach keine Lobby.“ Wieder ist von „Politik im Namen der Mehrheit“ die Rede – es taucht aber auch die Frage auf, ob sich dergleichen überhaupt vermeiden lässt.

Zurück in Jakarta, suche ich René L. Pattiradjawane auf, um seine Meinung zu Majoritätspolitik und FPI zu hören. Pattiradjawane ist so etwas wie der indonesische Scholl-Latour: vielgereister Experte, anerkannte Autorität für internationale Politik und Seniorjournalist beim Kompas, der größten Tageszeitung Südostasiens. Er empfängt mich zur blauen Stunde im großen Garten seines Hauses im Süden Jakartas, einer Oase inmitten des staubigen Chaos. Über einer Kanne süßen Tee und einer Schachtel Kretek kommt er gleich zur Sache: Natürlich müsse die Regierung Rücksicht auf die Mehrheit nehmen – trotzdem funktioniere der Pluralismus in Indonesien besser als je zuvor und sei vor allem im internationalen Vergleich einzigartig.

In keinem anderen Land der Welt, so Pattiradjawane, gebe es unter derart schwierigen Voraussetzungen so viel Konsens: 244 Provinzen, über 300 Ethnien, Tausende von Inseln, eine mangelhafte Infrastruktur. Der Staat könne und wolle nicht bei allen Konflikten eingreifen, auch das sei fester Bestandteil der pluralistischen Staats­philosophie. „Die kommunistische Partei war die letzte wirklich extremistische Organisation in diesem Land“, antwortet er, als ich mich nach radikalen muslimischen Gruppierungen erkundige. Die FPI sei nichts weiter als ein Mob, der den Islam als Etikett missbrauche und vom Militär rekrutiert werde, um Unruhe zu stiften. Ihre Aktionen hätten zwei Ziele: Macht demonstrieren, und destabilisierende Situationen zu schaffen, die nur das Militär selbst wirkungsvoll bekämpfen könne. So werde dem Staat immer wieder vor Augen geführt, dass er auf das Militär nicht verzichten könne.

Am Ende des Gesprächs steht die Erkenntnis, dass der Pluralismus in Indonesien keineswegs in Gefahr zu sein scheint. Dafür sprechen auch die Zahlen: Die Anzahl der Zwischenfälle zwischen Muslimen und Christen ist seit 2004 tatsächlich zurückgegangen.

Eine katholische Webseite in den USA berichtete, das Christentum in Indonesien befinde sich „am Rande der Ausrottung“, und zeigte dazu das Bild eines FPI-Mobs mit der Unterschrift „Indonesische Muslime demonstrieren an Weihnachten gegen Christen“.3 Doch die Anzahl der Christen in Indonesien ist über die vergangenen zehn Jahre stabil geblieben, und in den letzten Jahren hat ein regelrechter Boom von Kirchenneubauten stattgefunden – trotz Auflagen. (In Indonesien gibt es zurzeit für die christliche Minderheit mehr als doppelt so viele Kirchen pro Kirchenmitglied wie in Deutschland.)

Fatih träumt von Kalifat, Koran und Karl Marx

2011 gab es in Indonesien 93 Straftaten gegen Christen und christliche Einrichtungen.4 Zum Vergleich: In Deutschland gab es 2013 164 Straftaten gegen Muslime beziehungsweise Anschläge auf Moscheen.5 Und die Frage, ob derzeit in Paris, Rom oder Stockholm ein Muslim mit Migra­tions­hintergrund als Bürgermeister denkbar wäre, braucht man sich gar nicht erst zu stellen.

Tatsächlich schneidet Indonesien bezüglich religiöser Toleranz international gut ab. Der Staat gewährt jeder der sechs Religionen – und ethnischen Minderheiten wie den Chinesen – mindestens einen gesetzlichen Feiertag. Im staatlich initiierten „Forum für religiöse Harmonie“ (Forum Kerukunan Umat Beragama) kommen Vertreter der Staatsreligionen regelmäßig zusammen, um Konflikte zu verhindern und zu lösen.

Und da bleibt auch noch einiges zu tun. An oberster Stelle steht dabei die strikte Wahrung der Religionsfreiheit, die vor allem da gefährdet ist, wo die Konfession die Karrierechancen beeinträchtigt. Deswegen sei Religion, wie I Gusti Ngorah Anom bei unserem Gespräch im Hindu­-Tem­pel Pura Aditya Jaya in Jakarta nachdenklich zugibt, eigentlich „keine Privatsache“ mehr. Ebenso wichtig wie wirkliche Religionsfreiheit sei die Bekämpfung der Armut und die Anhebung des Bildungsniveaus: „Wenn geringe Bildung und soziale Benachteiligung von Hasspredigern ausgenutzt werden, dann knallt es.“ Und wenn es nicht mehr ohne Weiteres möglich sei, für eine Handvoll Rupien einen Straßenmob zu organisieren, werde auch die FPI schnell an Bedeutung verlieren.

Kurz vor meiner Abreise gehe ich wieder durch die Straßen von Jakarta. Soeben hat die FPI Betreibern von Imbissständen Strafmaßnahmen angedroht, sollten sie trotz des Ramadans geöffnet haben. Trotzdem sehe ich eine Menge geöffneter Warungs. Die Betreiber scheinen wenig besorgt: „Ich fürchte Allah, aber doch nicht die FPI“, sagt einer. „Pff, ich bin Christin, das betrifft mich doch nicht. Ich mache das schon seit über zehn Jahren, es ist noch nie etwas passiert“, meint eine andere kaltblütig, während sie den Gästen Teller mit dampfendem Nasi Goreng serviert.

Ich treffe auf Anhänger des indischen Gurus Sai Baba, die mich zu einem interreligiösen Gottesdienst einladen. Fast überall stößt man auf multireligiöse Familien. Auch Anom, erinnere ich mich, berichtete von einer Schwester und einer Tochter, die zum Islam konvertiert sind. Und Waja, den ich wiedertreffe, hat sich inzwischen mit seiner Familie versöhnt – auch wenn mir seine ältere Schwester halb im Spaß zuflüstert: „Der ist doch gar kein richtiger Muslim. Wer weiß, wen er in zwei Jahren anbetet.“

Auf dem Weg zum Flughafen gibt es eine letzte Portion Jakarta in Form von chaotischem Verkehr und stundenlangem Stop-and-go bei über 35 Grad im Schatten. Wieder fällt mir die erstaunliche Gelassenheit der Menschen auf, und ich denke: Genauso funktioniert der Pluralismus. „Wir sind es, die den Pluralismus machen“, hatte Pattiradjawane gesagt, „nicht der Staat“ – und es ist genau jenes gelassene, zielstrebige Laisser- faire, das diese Gesellschaft auszeichnet, das sich auch im Straßenverkehr widerspiegelt.

Am Flughafen sitze ich mit meiner Begleiterin und warte darauf, dass mein Flug aufgerufen wird. Ein Dreiklang ertönt. Statt einer Durchsage erklingt in ohrenbetäubender Lautstärke eine Koran­rezitation: 18 Uhr, Fastenbrechen. Meine indonesische Begleiterin, eine Katholikin, rollt die Augen und sagt laut: „Meine Güte, Allah muss taub sein!“ Rundum allgemeines Gelächter.

1 Diese fünf Prinzipien sind: Nationalismus, Humanismus/Internationalismus, Beratung, Soziale Wohlfahrt, Prinzip der All-Einen göttlichen Herrschaft.

2 Laut letzter staatlicher Erhebung von 2010: sp2010.bps.go.id/index.php/site/tabel?tid=321&wid=0.

3 www.catholic.org/news/international/asia/story.php?id=57326 4 Amanda Kovacs, „Indonesia’s Religious Conflicts – Recent Developments, Causes and Policy“; in: Deutsche Gesellschaft für Asienkunde 127, 2013 5 WAZ, 3. März 2015: www.derwesten.de/politik/starker-anstieg-der-straftaten-gegen-moslems-und-juden-id10414942.html.

Daniele Godor ist Journalist.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.08.2015, Daniele Godor