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Eine mühselige Nachbarschaft

Griechen, Albaner und die Last der Geschichte von Niels Kadritzke

Der Exdiplomat nahm kein Blatt vor den Mund: Um die Beziehungen zwischen den beiden Staaten zu diagnostizieren, seien „eher die Fähigkeiten eines Psychiaters als die eines Diplomaten gefragt“. Was Alexandros Mallias, ehemals griechischer Botschafter in Albanien, vor zwei Jahren über die Probleme zwischen Athen und Tirana sagte, gilt im Grunde für das Verhältnis Griechenlands zu all seinen Nachbarn. Und darüber hinaus für die meisten bilateralen Beziehungen in Südosteuropa, aus mitteleuropäischer Sicht oft abschätzig „der Balkan“ genannt. Was Mallias meinte, ist die Überfrachtung der nationalen Sichtweisen durch Erinnerungen, die stark auf historische Kriege fixiert sind.

Mallias hatte insbesondere die Balkankriege von 1912 und 1913 im Blick. Die waren nicht nur der Prolog zu den gigantischen Völkerschlachten des Ersten Weltkriegs2 , sondern vor allem Militäroperationen zur Vollendung nationaler Projekte. „Auf dem Balkan waren die missionarischen Gefühle vom Traum der territorialen Expansion beflügelt“, schreibt Mark Mazower, einer der besten Kenner der Region. „Alle Staaten konnten auf ‚unerlöste‘ Brüder verweisen oder historische Ansprüche auf Gebiete jenseits ihrer Grenzen erheben.“3

Im heutigen Südosteuropa, dessen Staaten ausnahmslos der Europäischen Union angehören oder den EU-Beitritt anstreben, sind territoriale Forderungen anachronistisch geworden. Aber die alten Träume und Traumata sind noch als Schatten präsent, der auch auf die aktuellen Beziehungen zwischen den Nachbarländern Albanien und Griechenland fällt.

Kann man von guter Nachbarschaft reden, wenn sich die Nachbarn über den Verlauf des Gartenzauns uneins sind? Im Januar 2010 annullierte das albanische Verfassungsgericht den neun Monate zuvor unterzeichneten Vertrag über die Abgrenzung der maritimen Wirtschaftszonen zwischen der Südküste Albaniens und der griechischen Insel Korfu. Das Gericht folgte damit dem Antrag der sozialistischen Opposition, die der damaligen Regierung vorwarf, sie habe den Griechen zu viel Territorium zugestanden. Nachdem der Sozialist Edi Rama den konservativen Parteiführer Sali Berisha im September 2013 als Regierungschef abgelöst hat, ist die Frage weiter in der Schwebe.

Der Fall illustriert, wie innenpolitische Konflikte das Verhältnis zwischen Tirana und Athen strapazieren können. Solange in Albanien zwei unversöhnliche Lager um Macht und Pfründen kämpfen, werden sie dem jeweiligen Gegner den „Verrat an nationalen Interessen“ vorwerfen. Auch das hat der Exdiplomat Mallias im Auge, wenn er gewisse diplomatische Streitfälle am liebsten einem Psychiater überlassen würde.

Das jüngste Beispiel: Nach seinem Amtsantritt ging Edi Rama, der für viele Beobachter der erste demokratisch tickende Regierungschef Albaniens ist, einen großen Schritt auf Athen zu und bezeichnete Griechenland als „strategischen Partner Albaniens“, etwa bei der angestrebten Integration des Landes in die EU. Das rief prompt die Gegner einer albanisch-griechischen Annäherung auf den Plan. In Permet ließen die Behörden eine orthodoxe Kirche der griechischen Minderheit räumen, um sie in ein Kulturzentrum umzuwandeln.

Es folgte die übliche Kettenreaktion. Die Athener Medien stiegen auf das Thema ein. Patriotische Journalisten erklärten den neuen Regierungschef zum „Satelliten Ankaras“ und streuten das Gerücht, Rama habe verhindert, dass für die griechischen Soldaten, die 1941 im Süden Albaniens im Kampf gegen Mussolinis Truppen gefallen sind, würdige Friedhöfe angelegt werden können. Die albanische Presse schoss zurück und behauptete, Athen wolle den EU-Beitritt Albaniens hintertreiben. Aus einer lokalen Episode war ein diplomatisch-psychiatrischer Fall geworden.

Der Rohstoff für solche hysterischen Wahrnehmungen ist freilich sehr real. Ein gutes Beispiel ist das Thema der Soldatenfriedhöfe. Hier geht es um rivalisierende Interpretationen des Kriegsgeschehens von 1940/41. Für die Griechen ist der Kampf ihrer Armee gegen die aus Albanien einrückenden Mussolini-Truppen eine antifaschistische Heldenoper: Das kleine Hellas warf die Invasoren über die albanische Grenze zurück und verfolgte sie bis fast nach Tirana, ehe sich seine Epirus-Armee der nach Griechenland einmarschierenden Nazi-Wehrmacht im April 1941 ergeben musste.

Das von griechischen Truppen eroberte Territorium war zugleich Siedlungsgebiet einer griechischen Minderheit. Seit Gründung des albanischen Staats (1912) war dieses Gebiet aus Athener Sicht der „unerlöste“ Norden des Epirus (Vorios Ipiros). Die albanische Sicht der Dinge ist etwas anders: Danach führten die Griechen 1940/41 nicht nur einen Abwehrkampf gegen das faschistische Italien, sondern zugleich einen irredentistischen Feldzug mit dem Ziel, Südalbanien zu annektieren.4 Für die meisten Albaner symbolisiert ein griechischer Soldatenfriedhof also etwas anderes als für viele Griechen, die Südalbanien bis heute „Vorios Ipiros“ nennen.

Die Zeiten, da diese irredentistische Sicht der Epirus-Frage in Athener Regierungskreisen geteilt wurde, liegt noch nicht lange zurück. Bis 1995 operierte – an der langen Leine des griechischen Geheimdienstes EYP – die Untergrundorganisation Mavi (Befreiungsfront für Nordepirus). Im April 1994 überfiel ein Mavi-Kommando eine albanische Grenzgarnison und erschoss zwei Soldaten. Dieses Attentat, das als Fanal für den „bewaffneten Kampf“ gegen die „Kolonisierung“ des Nordepirus gedacht war, löste eine albanisch-griechische Krise aus, die erst ein Jahr später beigelegt wurde.

Dass zu den Mavi-Terroristen auch drei albanische Bürger gehörten, verweist auf den Zusammenhang der Grenz- mit der Minderheitenfrage. Nach albanischen Quellen wird die griechische Volksgruppe im Süden des Landes auf 80 000, von griechischer Seite auf bis zu 150 000 Menschen geschätzt.5 Diese Minderheit, seit 1991 in der Vereinigung „Omonia“ (Einheit) organisiert, forderte einen Autonomiestatus für „Nordepirus“. 1994 wurden fünf ihrer Funktionäre wegen Kollaboration mit der Mavi zu Gefängnisstrafen verurteilt. Der Omonia-Prozess schlug in Athen hohe Wellen. Von der empörten vox populi animiert, ordnete die Regierung die Operation „Besen“ an: Polizei und Armee machten Jagd auf albanische Wanderarbeiter, von denen 115 000 über die Grenze zurückgeschickt wurden.

Athen machte damals die albanischen Tagelöhner zu Geiseln der griechischen Außenpolitik, weil es in Südepirus kein Pendant zur griechischen Minderheit in Albanien gibt. Die etwa 30 000 albanischen Muslime, die bis 1945 auf griechischem Territorium siedelten, wurden bei Kriegsende mit der Begründung vertrieben, dass sie 1940 mit der italienischen und später mit der deutschen Besatzungsmacht kollaboriert hatten.6 Diese sogenannten Chams werden zwar ab und zu von albanischen Politikern benutzt, um die Griechen zu ärgern, verfügen aber, anders als die griechische Minderheit in Albanien, nicht über einklagbare Rechte, wie etwa auf verlorenen Grundbesitz.

Die Albano-Griechen und die Völkerfreundschaft

Die Omonia-Mavi-Krise wurde 1995 durch ein Quidproquo beigelegt. Tirana begnadigte die Omonia-Funktionäre, Athen stellte die „nordepirotischen“ Terroristen vor Gericht.7 Und Griechenlands Außenminister Karolos Papoulias, selbst ein Epirote, garantierte feierlich die „Unverletzlichkeit“ der griechisch-albanischen Grenze. Im März 1996 wurde eine gemeinsame Vereinbarung über „Freundschaft, Kooperation, gute Nachbarschaft und Sicherheit“ unterzeichnet.

18 Jahre später steht es um diese Nachbarschaft nicht ganz so gut, wie man damals hoffen konnte. Im November 2013 beschwor Papoulias, der seit 2005 Staatspräsident ist, man müsse die Beziehungen „auf den Elementen aufbauen, die uns vereinen“. Damit meinte er vor allem die griechische Minderheit in Südalbanien. Aber es gibt ein zweites Element, das für die Beziehungen zwischen Griechen und Albanern viel wichtiger ist: die albanische Minderheit in Griechenland, die seit der Operation „Besen“ nicht nur viel größer, sondern auch viel stärker verwurzelt ist, als es vor zwanzig Jahren vorstellbar war.

Wie viele der 460 000 Albaner, die seit 1991 als Arbeitsmigranten nach Süden gezogen sind, noch heute in Griechenland leben, weiß kein Mensch.8 Obwohl die Wirtschaftskrise viele zur Rückwanderung gezwungen hat, gehen Experten davon aus, dass 300 000 geblieben sind. Zu ihnen gehören viele Familien mit schulpflichtigen Kindern, die griechisch alphabetisiert sind. Der Bildungsehrgeiz dieser Familien ist legendär. Der Schulerfolg, der Erwerb von Wohneigentum und die Gründung von Kleinunternehmen sind klare Indikatoren dafür, dass die Albano-Griechen zu den integrationswilligsten Bindestrich-Gemeinschaften in Europa zählen.

Zur gelungenen Integration gehören allerdings zwei Seiten. Um die „Fremdenfreundlichkeit“ der griechischen Gesellschaft ist es nicht gut bestellt. Die verbreitete Xenophobie, die skandalöse Behandlung „undokumentierter“ Migranten und der offene Rassismus der Neonazipartei Chrysi Avgi machen immer wieder Schlagzeilen.9 Allerdings haben diese meist Migranten im Visier, die schwarz über die griechisch-türkische Grenze kommen. Die Aggressionen gegen diese „Illegalen“, von denen viele Muslime sind, kommt ironischerweise den „guten“ Immigranten zugute: den legalen, areligiösen und fast schon „alteingesessenen“ Albanern. Es kommt sogar vor, dass Albanerjungen von den griechischen Neonazis zum Kampf gegen die „illegalen“ Zuwanderer rekrutiert werden.

Die zunehmende soziale Akzeptanz rührt aber vor allem von der Anerkennung des albanischen Beitrags zum einstigen griechischen „Wirtschaftswunder“. Allerdings gilt natürlich auch in Griechenland, was für den „polnischen Klempner“ in Frankreich gilt: Der „albanische Handwerker“ wird als Einzelner geschätzt, aber als Phantomgruppe gefürchtet. Das gilt erst recht in der Wirtschaftskrise. Nach der jüngsten Umfrage fühlt sich ein Drittel der Befragten durch „die Albaner“ bedroht, und nur die Hälfte konzediert, dass die albanischen Migranten zum Wirtschaftswachstum beigetragen haben.

Zwei Drittel der Befragten behaupten dagegen, von den bilateralen Wirtschaftsbeziehungen habe Albanien allein oder stärker als Griechenland profitiert. Sie übersehen damit, dass die griechischen Investitionen in Albanien (rund 250 Millionen Euro und damit ein Fünftel aller griechischen Investitionen in den Transformationsländern) ein Geschäft vor allem für die griechischen Unternehmen waren – insbesondere für die griechischen Banken, über deren Filialen die albanischen Arbeiter ihr Geld aus Griechenland an ihre Familien überweisen. Noch positiver war für Griechenland die stark überschüssige Handelsbilanz: Griechische Produkte machten lange Zeit über ein Fünftel der albanischen Importe aus.

Die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise, die das griechische Bruttoinlandsprodukt seit 2009 um 25 Prozent schrumpfen ließ, hat zwar die Transaktionsvolumen zwischen beiden Ländern reduziert, aber die wirtschaftliche Verflechtung nicht zerrissen. In Zukunft wird die Kooperation noch zunehmen, weil beide Seiten von demselben Großprojekt profitieren werden: Die im Juni 2013 beschlossene Transadriatische Pipeline (TAP) soll ab 2020 Erdgas aus Aserbaidschan über die Türkei, Griechenland und Albanien nach Italien bringen. Für ihren Bau will das internationale Energiekonsortium ab 2015 in Griechenland 1,5 Milliarden und in Albanien etwa 1 Milliarde investieren.10 Das wird in beiden Ländern Aufträge für die Bauindustrie bringen und Arbeitsplätze schaffen.

Was das für das griechisch-albanische Verhältnis bedeutet, bleibt abzuwarten. Gemeinsame ökonomische Interessen sind eine solide Basis, aber in Südosteuropa bleibt der „subjektive Faktor“ – als Träger hartnäckiger Vorurteile – eine wirkmächtige Kraft.

Persönliche Kontakte und Erfahrungen werden die Einstellungen zwar verändern, aber im griechisch-albanischen Fall sind diese Erfahrungen höchst asymmetrisch: Zwar begegnen 95 Prozent der Griechen im Alltag albanischen Mitbürgern, aber nur 8 Prozent haben jemals Albanien besucht.11 Freilich könnte die griechische Krise auch diese Asymmetrie abschwächen. Die Athener Presse berichtete Anfang 2014 erstmals über Griechen, die im Süden Albaniens Arbeit gesucht und gefunden haben.

Fußnoten: 1 Alexandros Mallias war Botschafter Griechenlands in Albanien in den Jahren 1999/2000, danach Leiter der Südosteuropa-Abteilung im Athener Außenministerium. Seine Rede über einen „New Deal“ zwischen Athen und Tirana hielt er am 27. März 2012 auf einer albanisch-griechischen Konferenz in Tirana. Die englische Fassung seiner Analyse steht auf der Website des griechischen Thinktanks Eliamep: www.eliamep.gr/wp-content/uploads/2012/04/Greece-and-Albania1.pdf. 2 Die Balkankriege und der Erste Weltkrieg stellen sich für die südosteuropäischen Völker als Kontinuum dar; bezeichnend ist, dass der Gefallenen aller drei Kriege meist auf ein und demselben Denkmal gedacht wird. 3 Mark Mazower, „The Balkans“, London (Phoenix Press) 2001, S. 91 und 133; auf Deutsch: „Der Balkan“, Berlin (BTV) 2003. 4 Tatsächlich war in der damaligen griechischen Presse stets von der „Befreiung des Nordepiros“ die Rede. Der orthodoxe Bischof von Thessaloniki hielt bis Ende der 1990er Jahre am Tag der „Befreiung von Argyrokastro“ (dem albanischen Gjirokastra) eine öffentliche Gedenkmesse ab. 5 Die zahlenmäßige Differenz erklärt sich teils durch die Neigung der griechischen Seite, die schon in den 1920er Jahren von den Demografen des Völkerbunds beklagt wurde: Orthodoxe Christen wurden stets als Griechen verbucht, egal was ihre Muttersprache war. 6 Nach dem griechischen Zensus von 1928 lebten 18 600 muslimische Albaner auf griechischem Boden. Eine differenzierte Darstellung der Cham-Problematik bei Wikepedia unter dem Titel: „Expulsion of Cham Albanians“. 7 Dabei stellte sich heraus, dass der Anführer der Mavi ein Exoffizier der griechischen Armee war, der den Terroristen auch griechische Uniformen verschafft hatte. 8 Die Zahl 460 000 stammt aus dem Jahr 2008, damals machten Albaner 60 Prozent aller Arbeitsmigranten in Griechenland aus. Einige zehntausend von ihnen erwarben seitdem die griechische Staatsbürgerschaft. 9 Siehe die Berichte von Iannis Papadopoulos in Le Monde diplomatique vom Juli 2012 und Juni 2013. 10 Zahlen nach einem Reuters-Bericht vom 21. Dezember 2013. 11 Alle Umfragedaten aus: Ioannis Armakolas, „The Greek Public Opinion towards Albanians and Albania“, für die Athener Stiftung Eliamep, November 2013: www.eliamep.gr. © Le Monde diplomatique, Berlin Der vorliegende Beitrag ist ein erweiterter Auszug aus der Analyse „Jenseits des Olymp“ über Griechenlands Nachbarschaftsbeziehungen, erschienen in: „Südosteuropa. Der kleine Subkontinent“, Edition LMd, No. 15, Berlin 2014.

Le Monde diplomatique vom 10.04.2014,