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Die Wampis und das Gute Leben

Ein indigenes Volk in Peru bildet staatliche Strukturen, um die Natur zu schützen

von Paul Codjia und Raphaël Colliaux

Kurz vor acht Uhr morgens legt unsere Schaluppe in Santa María de Nieva ab, der Hauptstadt des Distrikts Condorcanquí. Fünf Stunden sind es bis La Poza, einer Siedlung inmitten des Wampis-Territoriums.1 In der Gegend leben mehr als zehntausend Jäger, Fischer und Kleinbauern – inzwischen auch einige Lehrer und Krankenpfleger – in kleinen Dörfern und Gemeinschaften. Wir befinden uns im Norden des peruanischen Amazonasgebiets, zwischen den Provinzen Amazonas im Westen und Loreto im Osten.

Unser Boot fährt langsam den Río Santiago hinauf, der westlich der grünen Kampankis-Berge verläuft, der letzten Ausläufer der Anden vor der riesigen Amazonas-Ebene. Mancherorts sieht man aufgeworfene Erdhügel am Ufer: Hinterlassenschaften illegaler Goldschürfer, die die Erde mit Quecksilber waschen, um das Gold herauszulösen, wie uns ein Mitreisender erklärt, ein Wampis oder Awajún. Mehr will er zu dem Thema nicht sagen. Später erfahren wir, dass manche Einheimische die Goldsuche befürworten, während sich die „Große Versammlung“ (Uun Iruntramu), das Parlament der Autonomen Territorialregierung der Wampis-Nation (GTANW) dagegen ausgesprochen hat.

Die Autonome Regierung ist das Ergebnis einer langen Entwicklung, die in den 1990er Jahren begann und von engagierten Anthropologen, Juristen und Geografen unterstützt wurde. Als das Territorium und seine Ressourcen kartografiert waren und seine kontinuierliche Besiedlung historisch belegt war, gaben sich die Wampis eigene Verwaltungsinstitutionen und verabschiedeten eine Magna Charta. 2015 wurde die Wampis-Nation ausgerufen (siehe Kasten auf Seite 13). Die peruanische Zentralregierung erkannte diese zunächst nicht an: Für sie existierten lediglich indigene Gemeinden. Eine Nation von 10 000 Menschen, die 1,3 Millionen Hektar Regenwald (etwa 1 Prozent des peruanischen Staatsgebiets) beanspruchte, war nicht vorgesehen.

Der Betonklotz eines Hotels am Horizont ist das Erste, was wir von La Poza sehen. Die Bewohner des Orts stammen zumeist aus den Anden oder von der Pazifikküste und versuchen hier ihr Glück. Goldschürfen ist eine willkommene Einnahmequelle, doch wegen der Konflikte mit den Wampis sind die Leute vorsichtig geworden. Fer­nan­do Ramírez, der Sprecher der Einwohner, sagt diplomatisch: „Hier in La Poza sind alle gegen die illegale Goldschürferei, denn das verseucht die Flüsse.“ Trotzdem sieht man immer wieder Schilder „Gold An- und Verkauf“. Es ist klar, womit hier Geld verdient wird.

Mit dem Motorradtaxi fahren wir über die Straße der Freundschaft hinüber in die Wampis-Gemeinde Puerto Galilea. Trotz des Straßennamens gibt es zwischen den Leuten aus La Poza und den Wampis, die Erstere gelegentlich als „Kolonisatoren“ bezeichnen, große Spannungen. Gerónimo Petsain, Anfang 40, einer der Gründer der Wampis-Regierung, lädt uns zur morgigen Versammlung ein mit dem brand­ak­tuel­len Thema: Was soll mit den „Kolonisatoren“ geschehen, die ins illegale Rohstoffgeschäft verwickelt sind?

Autonomie, aber kein Separatismus

Die Autonome Wampis-Regierung wurde in erster Linie gegründet, weil die Umweltprobleme immer drängender wurden, der Staat sich aber zunehmend zurückhielt. Die Schwermetalle, mit denen die Goldsucher Flüsse und Böden verseuchen, und die Lecks in der Ölpipeline Norperuano bedrohen Flora und Fauna und die Gesundheit aller Menschen in der Region. Im Jahr 2016 verzeichnete man elf Lecks in der Pipeline, die Verschmutzung des Urwalds hat besorgniserregende Ausmaße angenommen. Holzeinschlag im großen Stil und Überfischung gefährden zudem die Artenvielfalt.

Der Zusammenschluss der indigenen Gemeinden, die oft im Streit miteinander lagen, zu einer größeren territo­ria­len Einheit mit gemeinsamer Gesetzgebung galt als einzige Lösung, um das Land der Vorfahren zu bewahren. Denn bis dahin verhandelte jede betroffene Gemeinde für sich mit den Bergbaukonzernen, die diese Situation wiederum ausnutzten, um Zwietracht zu säen.

Dem wollten die Wampis ein Ende setzen.2 Zudem haben sie eine Vorstellung von Landbesitz, die sich nicht an Katastern, sondern an den traditionellen, verstreuten und nomadischen Siedlungsformen in diesem Teil Amazoniens orientiert.

Juan Nuningo, der atuuke (Minister) für Inneres und Verwaltung, empfängt uns in seinem Haus. „Wir wollen unser gesamtes Gebiet wieder selbst verwalten“, erklärt er. „Das heißt: den Wald, die Flüsse, die Luft, den Boden. Unser Land ist ein Ganzes, und unsere Kultur schöpft aus allem, was dazugehört.“ Er bietet uns aus einer Kalebasse masato an, ein Getränk aus fermentiertem Maniok. Neugierige Nachbarn lauschen in der dichten Dunkelheit. Manche kommen herein, begrüßen den Gastgeber und setzen sich dazu. Das Interview mit dem Wampis-Minister verwandelt sich zusehends in eine intensive Diskus­sion.

Die Wampis-Anführer haben alle die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) von 1989 parat und zitieren in ihren Diskus­sions­beiträgen die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte indigener Völker von 2007. In beiden wird das Recht auf Selbstbestimmung und territoriale, politische und administrative Selbstverwaltung im Rahmen moderner Nationalstaaten anerkannt. Die Wampis berufen sich darauf, denn darin wird ein neues Rechtssubjekt definiert: Die Nationalstaaten sollen die ortsansässigen „Nationen“ oder „Völker“, die in ihren Grenzen existieren, als solche anerkennen und sie nicht als gesellschaftliche Untergruppen behandeln.

Den Wampis geht es um Selbstbestimmung, nicht um Unabhängigkeit. Julio Hinojosa, Generalsekretär des Wampis-Parlaments, erklärt: „Wir sind Peruaner, wir haben peruanische Pässe. Wir wollen nicht mit dem Staat brechen, aber wir wollen unser Territorium selbst verwalten, gemäß unserer Weltanschauung und Kultur und um unsere Umwelt zu erhalten.“ Um jeden Separatismusverdacht zu zerstreuen, fügt er hinzu: „Wir möchten zur Weiterentwicklung unseres Landes beitragen, aber mit einer vernünftigen und nachhaltigen Nutzung unserer Rohstoffe.“

Die Autonome Regierung, sagt Wraiz Pérez, der pamuk (Präsident) der Wampis, sei ein Instrument, um den Staat daran zu erinnern, dass die Wampis-Nation bereits vor der Republik Peru existiert hat. Peru solle endlich die internationalen Abkommen umsetzen, die es ratifiziert hat.

In Lima sieht man das ganz anders. Es heißt, die Autonome Regierung bedrohe durch die engen verwandtschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen der Wampis zu den Shuar in Ecuador und die politischen wie logistischen Abkommen der Indigenen-Verbände untereinander die staatliche Souveränität Perus. Durch eine Reihe von Grenzkonflikten in der Region sei diese ohnehin geschwächt.3 Die Autonome Regierung gilt für Lima als erster Schritt zur Forderung nach Unabhängigkeit.

Die Abgeordnete Maria Elena Foronda Farro vom linken Bündnis Frente Amplio, das bei der letzten Präsidentschaftswahl mit knapp 19 Prozent der Stimmen auf den dritten Platz kam, hält die Separatismusvorwürfe für unbegründet; damit wolle man die Ini­tia­tive der Indigenen als unrechtmäßig darstellen. Als Vorsitzende des peruanischen Parlamentsausschusses, der für die Bevölkerung der Anden und des Amazonas, die Afroperuaner und den Umweltschutz zuständig ist, verlieh sie der Wampis-Regierung die Auszeichnung „Verteidiger der Umwelt“.

In Puerto Galilea ist der Tag der Versammlung gekommen. Es ist heiß unter dem Blechdach, aber die Debatten dauern fast acht Stunden. Lange wird über mögliche Sanktionen gegen illegale Goldschürfer diskutiert. Der Raum ist vollbesetzt, die Atmosphäre geladen. Auf einem kleinen Podium in der Mitte sitzen die Vertreter der Großen Versammlung, des Parlaments. Manche Abgeordnete tragen eine Krone aus Tukanfedern, einst das Abzeichen der großen Krieger, heute ein Symbol der Entschlossenheit, das Mandat als Volksvertreter zu erfüllen.

Die Akzeptanz der quasistaatlichen Organisation mit Regierung und Parlament bei den Wampis wächst beständig. Das hat vor allem auch strategische Gründe: Zum einen will man das Modell der Gemeinden fortführen, die nach wie vor die grundlegenden politischen Einheiten bilden, auf die sich auch die Wampis-Regierung stützt. Die Gemeindeversammlungen sind es, die die Mitglieder der Großen Versammlung wählen. Ihre Gesetze sollen in eine neue politische und territoriale Einheit überführt werden.

Zum andern wollen die Wampis das Modell des peruanischen Staats kopieren, um auf Augenhöhe mit ihm zu verhandeln und selbst einige hoheitliche Aufgaben zu übernehmen. Deshalb wählt die Große Versammlung den pamuk (Präsidenten) der Autonomen Regierung, der seinerseits sein Kabinett, den „Führungsrat“, ernennt. Dessen Mitglieder sind – wie Minister – für ein bestimmtes Fachgebiet wie Bildung, Gesundheit, Finanzen, Umwelt, Verkehr oder Handel zuständig. Auf diese Weise haben die Wampis Schnittstellen mit dem Zentralstaat geschaffen.

Steht die Selbstverwaltung der Wampis auch für eine alternative Politik? Manche meinen, sie sei mit dem herrschenden Neoliberalismus durchaus kompatibel. Die peruanische Verfassung von 1993 legte nicht nur den Grundstein für die Deregulierung der Wirtschaft, sondern in ihr wurde zum ersten Mal die ethnische Vielfalt des Landes anerkannt sowie die Verpflichtung des Staates festgeschrieben, diese zu schützen (Artikel 2 Absatz 19).

Diese peruanische Spielart des neoliberalen Multikulturalismus vertritt zum Beispiel Mateo Impi, seit 2014 Bürgermeister des Distrikts Río Santiago (der die Westhälfte des Wampis-Territoriums umfasst). Impi ist Awajún und gehört damit zur anderen großen Ethnie der Region. In der Sitzung am Morgen hatte man ihm vorgeworfen, keine klare Position gegen die Goldschürfer zu beziehen und keine konkreten Maßnahmen zu ergreifen. Er erklärt uns, er unterstütze die Initiative des „Wampis-Volks“ und sehe „Ähnlichkeiten“ zu seiner Kommunalpolitik. Doch es gebe eine grundlegende Meinungsverschiedenheit mit der Autonomen Regierung, was die wirtschaftliche Verwaltung des Territoriums betreffe: die Frage des Privateigentums an Grund und Boden.4

Grund und Boden unverkäuflich

Impi ist gegen das Festhalten am Kollektivbesitz: „Wenn ich in einer Gemeinde ein Stück Land kaufe, wer garantiert mir dann mein Eigentum? Man kann es mir jederzeit wegnehmen. Wer wird es denn wagen, hier zu investieren, wenn man ihm nicht garantieren kann, dass ihm das Land wirklich gehört? Ich meine, nur weil wir Indigene sind, müssen wir doch nicht weiter in Armut leben.“ Er klagt über die „sehr geschlossene“ Weltsicht der GTANW, die jede Liberalisierung verweigert und die kollektive Verwaltung des Gemeindelands auf das gesamte Territorium übertragen will.

In den Gemeinden wird über jede Frage, wie etwa den Zuzug neuer Einwohner, die Vergabe einer Parzelle für einen Hausbau oder die Ansiedlung einer Firma per Abstimmung entschieden. Auf Territorialebene wären demnach die Autonome Regierung und das Parlament zuständig.

Mateo Impi macht sich die marktliberale Lehrmeinung zu eigen, nach der rechtmäßiges, aber informelles Gemeinschaftseigentum die wirtschaftliche Entwicklung hemme. Er arbeitet eng mit der staatlichen Organisation Cofopri zusammen, die sich um die „Formalisierung informellen Besitzes“ kümmert. Sie ist besonders in den Gemeinden des Amazonasgebiets aktiv und fordert die Einwohner auf, das Land zu kaufen, auf dem sie ihr Haus errichtet haben. Trotz schöner Absichtserklärungen scheint das eigentliche Ziel der Behörden durch: die kollektive Selbstverwaltung der Gemeinden zugunsten der Parzellierung des Bodens aufzulösen.

Wirtschaftspolitik stand auch im Zentrum der 5. Konferenz der Wampis-Nation im August 2017, die in der Gemeinde San Juan de Morona stattfand, zwei Bootsstunden von der ecuadorianischen Grenze entfernt. Hier wurde über alternative umweltfreundliche Wirtschaftszweige wie Ökotourismus, Fischzucht, Imkerei und Kakaoanbau gesprochen. Solchen Überlegungen liegt ein Entwicklungsmodell zugrunde, das sich am Recht auf „Gutes Leben“ (auf Wampis tarimat pujut) orientiert.5 Es ist ein Leitmotiv zahlreicher Kämpfe der Indigenen Lateinamerikas, das auch Eingang in die Verfassungen von Ecuador (2008) und Bolivien (2009) gefunden hat. Die Wampis-Anführer und die örtlichen NGOs haben sich dieses Konzept zu eigen gemacht.

Zu den Kriterien des Guten Lebens zählt auch eine demokratische Verwaltung: Nach den Statuten der Autonomen Regierung ist die höchste Autorität nicht der pamuk, sondern die Große Versammlung. Bei den Sitzungen zeigen sich die Abgeordneten darum bemüht, selbst nicht zu viel zu reden und den Vertretern der Gemeinden das Wort zu erteilen, die verstreut im Raum sitzen. Der Reihe nach stellen diese ihre Forderungen, tragen die Auffassung ihrer Gemeinden mit Nachdruck vor und versuchen, die Zuhörenden zu überzeugen.

Manche von ihnen tragen Gesichtsbemalung und eine Lanze. Sie beginnen ihre Rede mit den traditionellen Bewegungen, die früher jedem Gespräch zwischen Anführern vorausgingen. Damit erinnern sie die Abgeordneten auf dem Podium daran, dass sie ihr Amt den lokalen Gemeinden verdanken.

Die Behauptung einer Wampis-Nation, die schon lange vor den spanischen Kolonisatoren existierte, die Forderung nach einem Dialog mit der Zentralregierung auf Augenhöhe und nach einer Wirtschaftspolitik, die sich an den Werten des Guten Lebens orien­tiert: Die Autonome Regierung formuliert dieselben Grundsätze, wie sie die „plurinationalen Staaten“ Bolivien und Ecuador in ihren Verfassungen definiert haben.

Plurinationalismus geht über Multikulturalismus hinaus. Er hält am Prinzip der nationalstaatlichen Einheit fest, fordert jedoch eine ausgeglichene Beziehung zwischen dem Staat und seinen „Nationen“, die ihr Territorium und ihre Ressourcen selbst verwalten können. Ob die Regierung von Peru dem je zustimmen wird, steht in den Sternen.

1 Die Wampis oder Huambisas gehören zur Jívaro-Sprachfamilie, wie auch die Achuar, Shiwiar, Shuar und Awajún.

2 „Pueblo Wampis conforma primer gobierno autónomo indígena del Perú“, Servindi, 30. November 2015, servindi.org.

3 Peru und Ecuador haben über ein Jahrhundert lang, bis 1998, über den Grenzverlauf gestritten.

4 In Artikel 41 der Statuten heißt es: „Das Territorium der Wampis-Nation ist Gemeinschaftseigentum, niemand kann [es] an Fremde oder staatliche oder private Institutionen verkaufen.“

5 Vgl. Definition des „Guten Lebens“ nach Alberto Acosta, siehe: ders., „Öl für zehn Tage“, LMd, März 2011.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Paul Codjia und Raphaël Colliaux sind Doktoranden der Anthropologie und Soziologie an der EHESS Paris.

Landrechte in Amazonien

Es war eine Sensation, als im November 2015 über 60 Gemeinden der Wampis eine Autonome Regierung ins Leben riefen. Doch dieser Schritt war eigentlich die logische Folge der jahrhundertelangen schwierigen Beziehungen zwischen den Indigenen und dem peruanischen Staat.

Die Initiative der Wampis beruft sich auf das Gesetz über die Comunidades Nativas (Ureinwohnergemeinden), das unter der Präsidentschaft von General Juan Velasco Alvarado 1974 verabschiedetet wurde. Damit räumte die linke Militärregierung, die auch eine weitreichende Landreform zur Aufteilung von Großgrundbesitz durchführte, den Indigenen Amazoniens erstmals Landrechte ein. Das Gesetz sah die Möglichkeit vor, dass sich auch Angehörige verschiedener indigener Völker zu Gemeinden zusammenschlossen und bestimmte Selbstverwaltungsrechte ausübten. Ihr Territorium wurde zum unveräußerlichen Kollektivbesitz.

Dieses Gesetz war ein Symbol der Selbstbestimmung nach Jahrhunderten brutaler Kolonisierung – doch es verfolgte zugleich das Ziel, die Völker Amazoniens, die etwas mehr als 1 Prozent der heutigen Gesamtbevölkerung ausmachen, in den peruanischen Nationalstaat einzugliedern. Die Gemeinden wurden in den komplexen Verwaltungsrahmen eingebunden, und die staatlichen Amtsträger standen für die Präsenz des Zentralstaats auch auf lokaler Ebene.

Im Übrigen blieb die Republik Peru Eigentümerin des Wassers, der Tierwelt und der Bodenschätze; sie übertrug den Gemeinden lediglich das Nutzungsrecht an Wald und Boden. Damit behielt der Staat das Recht, einzelne Areale an Bergbau- oder Ölförderunternehmen zu vergeben, trotz der damit verbundenen Umweltschäden und Gesundheitsrisiken.

Der Aufbau der öffentlichen Verwaltung in dieser Region zeigt, welche Idee der Staat seit Beginn der Kolonisierung verfolgt: Er dringt in einen Raum vor, der als leer gilt und dessen Erschließung zum nationalen Anliegen erhoben wird.

„Die Schaffung der Gemeinden war letztlich hochproblematisch, weil die Ressourcen nach wie vor dem Staat gehörten“, erklärt Juan Nuningo, der atuuke (Minister) für Inneres und Verwaltung der Wampis. Das jüngste Beispiel: Die staatliche Firma Petroperú erhielt eine 30-jährige Förderlizenz für das Ölfeld Nr. 192, das sich über 500 000 Hektar im Norden Amazoniens erstreckt und 10 000 Barrel pro Tag liefern soll. Hunderte indigener Gemeinden sind direkt davon betroffen.

Das ohnehin eingeschränkte Recht am Kollektivbesitz wurde zudem von einigen Folgeregierungen wieder infrage gestellt. Die unter Präsident Alberto Fujimori (1990–2000) verabschiedete Verfassung von 1993 setzte die „Unveräußerlichkeit“ des Gemeinschaftslands außer Kraft und öffnete damit den Weg zur Privatisierung einzelner Flurstücke. Festgeschrieben wurde lediglich eine „Unverjährbarkeit“ des Anspruchs auf ein gemeinsames Territorium, was nicht ausschloss, dass es unter bestimmten Bedingungen verkauft, übertragen, verschenkt oder mit Hypotheken belastet werden kann (Artikel 89).

Mit dem Aufschwung der Gas- und Öl­in­dus­trie und der steigenden internationalen Nachfrage setzte sich die Deregulierung in den 2000er Jahren fort. Ab 2005 zogen die Ölpreise an, 2016 erwirtschaftete der Bergbau-, Öl- und Gassektor bereits 14,36 Prozent des peruanischen Bruttoinlandsprodukts. Präsident Alan García förderte während seiner zweiten Amtszeit (2006–2011) private Investoren durch Steuervorteile und großflächige Versteigerungen von Förderlizenzen.

Während die Gas- und Ölfelder 2005 lediglich 15 Prozent des peruanischen Amazonasgebiets umfassten, waren es 2010 schon 72 Prozent der gesamten Region (490 000 Quadratkilometer). Die Indigenen-Verbände protestierten heftig: Bei der Niederschlagung eines Aufstands in Bagua im Juni 2009 gab es 33 Tote und über 200 Verletzte.

⇥P. C. und R. C.

Le Monde diplomatique vom 09.08.2018, Paul Codjia und Raphaël Colliaux