12.01.2017

Traurige Jahresbilanz

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Traurige Jahresbilanz

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Getötete Journalisten

Laut Reporter ohne Grenzen wurden im vergangenen Jahr weltweit mindestens 74 Journalisten und Medienarbeiter im Zusammenhang mit ihrem Beruf getötet (Stand vom 1. Dezember 2016). Die „gefährlichsten“ Länder waren Syrien (21 Tote), Afghanistan (10), Mexiko (9), Irak (7) und Jemen (5).

Die meisten der Todesopfer (53) wurden gezielt wegen ihrer Berichterstattung ermordet, 21 kamen in Ausübung ihrer Tätigkeit in Kriegs- und Krisenzonen um. Alle zehn Toten in Afghanistan waren Opfer gezielter Mordanschläge; darunter die 7 Mitarbeiter von Tolo TV, deren Minibus im Januar 2016 von einem Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt wurde.

Die Gesamtzahl der Todesopfer ist zwar niedriger als 2015 (mindestens 101 Todesopfer). Aber das ist trotzdem keine ermutigende Nachricht. Die Zahl läge sicher noch höher, wenn die Arbeit für Journalisten speziell in den Kriegsregionen nicht so gefährlich geworden wäre. Die großen Medienorganisationen sind immer weniger bereit, ihre Korrespondenten erhöhten Gefahren auszusetzen. Das erklärt auch, warum in Syrien, in Afghanistan und im Jemen 2016 fast ausschließlich einheimische Medienarbeiter ums Leben kamen.

Die erhöhte Gefährdung von Journalisten bedeutet nicht nur, dass aus den betreffenden Gebieten weniger und weniger verlässliche Informationen nach außen gelangen. Es profitieren davon auch lokale und ausländische Akteure, die quasi unbeaufsichtigt Kriegsverbrechen oder völkerrechtswidrige Handlungen begehen können.

In Mexiko hat die bedrohliche Lage höchst negative Folgen: Obwohl es nach wie vor sehr mutige Medienarbeiter gibt, verordnen sich viele eine gewisse Selbstzensur, um nicht zum Ziel von Mordanschlägen zu werden. In Ländern wie Mexiko können sich die Täter in der Regel auf die Untätigkeit der Behörden und der Polizei verlassen, die damit den Terror gegen die Medienarbeiter begünstigen.

Journalisten im Gefängnis

Die Zahl der weltweit inhaftierten Medienarbeiter ist 2016 noch einmal gestiegen. Derzeit sitzen mindestens 348 profes­sio­nelle Journalisten und „Bürgerjournalisten“ (einschließlich Blogger) im Gefängnis (Stand 1. Dezember 2016). Hinzu kommen 52 Journalisten in Geiselhaft, von denen 26 in Syrien, 16 im Jemen und 10 im Irak entführt wurden; allein in 21 Fällen von IS-Terroristen.

Das größte Gefängnis für Journalisten ist seit letztem Sommer die Türkei. Hier sind derzeit deutlich mehr als 100 Medienarbeiter in Haft, ständig kommen weitere hinzu; in vielen Fällen ohne formelle Anklage.

Zwei Drittel der weltweit in Haft befindlichen Medienarbeiter verteilen sich auf die Türkei, China (103), Ägypten (27) und den Iran (24). Angesichts der Tatsache, dass die Gefahren für Journalisten und ihre Bedrohung durch staatliche Verfolgung in den letzten Jahren dramatisch zugenommen haben, fordern RoG und andere Organisationen die Ernennung eines UN-Sonderbeauftragten für den Schutz von Journalisten.

Le Monde diplomatique vom 12.01.2017