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Stadt und Acker

Solidarische Landwirtschaft in der Praxis

von Christiane Grefe

Immer neue Lebensmittelskandale sorgen für Zulauf bei den Kämpfern für eine andere, bessere Landwirtschaft: 2011 trieb Dioxin in Eiern neue Mitstreiter auf die Straße, 2015 waren es multiresistente Keime als Folge des Antibiotikamissbrauchs im Stall. Geeint werden so unterschiedliche Gruppen wie die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und vegane Studenten, Umwelt- und Verbraucherverbände, Milchbauern und Luxusköche, Gärtner und Entwicklungsorganisationen auch in ihrer Suche nach Alternativen zu jener Agrarproduktion, die für Landwirte weltweit nur ein Programm kennt: Wachse oder weiche.

Viele gestalten Modelle, mit denen die Ökosysteme, die Welternährung und die Vielfalt bäuerlicher Betriebe gesichert werden sollen. Bioanbau und Fairer Handel gehören schon lange dazu. Jüngere Initiativen werden noch grundsätzlicher und wollen die Entfremdung zwischen urbanen und ländlichen Kulturen verringern. Städter sollen mehr über Praxis und Wert der Landwirtschaft erfahren, ja selbst die Ärmel hochkrempeln oder zumindest noch direkter Einfluss darauf nehmen, dass die Bauern weltweit nachhaltig produzieren.

Doch wie wirkungsvoll ist dieses neue, bodenständige Geflecht? Zu seinen jungen Trieben zählt zum Beispiel die „Solidarische Landwirtschaft“. Ursprünglich wurde diese Form der Direktvermarktung von Ökobauern in den USA entwickelt. Jetzt entdecken vor allem jüngere Leute das System neu – und rennen stadtnahen Bauern die Türen ein. Ein Vorreiter in Deutschland, Mathias von Mirbach, trägt jede Woche stapelweise Kartons und Kisten in die Depots seiner Hamburger Unterstützer. In ihren Kühlschränken deponiert er frische Milch, Joghurt, Butter und Quark, Brot- und Käselaibe, Fleisch und Würste, Karotten, Kartoffeln, Postelein. Das alles stammt von seinem Hof, der keine 40 Kilometer entfernt in Schleswig-Holstein liegt. Ehe er wieder fährt, schnappt sich der Landwirt noch die Reste: „Die gehen zurück, in den Schweinetrog.“

Genutzt werden die Speisekammern von kleinen Nachbarschaftskooperativen. Ihre Mitglieder können sich aus den gefüllten Kühlschränken bedienen. Pro sogenanntem Ernteanteil bezahlen sie monatlich 178 Euro. Als innovationsfreudig fiel Mirbach schon auf, als er Bürgern anbot, sich mit einer „Kuhaktie“ an seinen Investitionen zu beteiligen. Von den 150 Hektar, die zwei Familien und vier Mitarbeiter bewirtschaften, werden Marktstände, eine Biobäckerei und ein Laden beliefert. Die Hälfte der Produkte geht an die Kooperativen, mit denen ihn eine Art Symbiose verbindet: Er kann zuverlässig mit der Abnahme der Ernte rechnen.

Seine Kunden, die er lieber „nicht aktive Landwirte“ nennt, verhelfen ihm überdies zu der Freiheit, seinen Mischbetrieb so zu bewirtschaften, wie er es für richtig hält: biologisch-dynamisch. Statt als Rohstoffproduzent mit wenigen Erzeugnissen dem Preisdruck der Großhändler ausgeliefert zu sein, schließt er mit einer selten gewordenen Vielfalt von Tieren und Anbaupflanzen ökologische Kreisläufe. Die Abnehmer bekommen im Gegenzug Brot, das kräftig nach Dinkel und Hirse schmeckt, Würste aus Hausschlachtung und im Sommer 50 Gemüsesorten – und nicht zuletzt das Gefühl, etwas für Wasser, Boden und die Schönheit der Landschaft zu tun.

Einige „Nichtaktive“ helfen auch aktiv mit auf „ihrem“ Hof. Das klingt einfacher, als es ist. So ein Modell wird in langen Debatten errungen. Nicht jeder Konsument, jeder Bauer ist bereit, eingefahrene Vorstellungen von Eigentum und Kontrolle über den Haufen zu werfen. Vielleicht auch deshalb hat ein bayerisches Netzwerk die Sache größer und kommerzieller angelegt.

Um die Vorteile regionaler Produktion zu nutzen, vermarkten Öko- und konventionelle Bauern aus den Regionen München und Augsburg unter dem Label „Unser Land“ gemeinsam mit Handwerksmolkereien, Käsereien, Metzgereien und „Solidargemeinschaften“ ihre Produkte in Fachgeschäften und kleineren Supermärkten. Anders als bei vielen verwässerten Regionalsiegeln folgen sie einem verbindlich hohen ökologischen und sozialen Anspruch. Dann sind die Lebensmittel zwar etwas teurer. Aber immer mehr Konsumenten finden es absurd, dass sie billige Milch aus allen möglichen Landesteilen kaufen können außer dem eigenen – und sind bereit, für Produkte aus der Nähe etwas mehr zu bezahlen. Sie würdigen, dass sie bei einigen Mitgliedsbauern auch mal vorbeischauen oder von ihnen sogar ein Stück Land mieten und selbst bebauen können.

Unmittelbares Erleben ist auch Ziel eines neuen Projekts der Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Sie setzt sich hauptsächlich für die Züchtung von Saatgut ein, das den Ansprüchen des Bioanbaus genügt. Unter dem Namen „2000 Quadratmeter“ klärt der umtriebige Leiter der Berliner Vertretung, Benedikt Haerlin, mit praktischer Feldarbeit auf: Ein „Weltacker“ repräsentiert die Fläche, die jedem Erdenbürger für seine Ernährung zur Verfügung stünde, wäre der Boden gerecht verteilt. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Landwirten und Laien hat die Fläche am Ufer der Havel, die etwa so groß ist wie ein 50-Meter-Schwimmbecken, im ersten Jahr so bepflanzt, dass die Wirklichkeit des globalen Anbaus abgebildet wurde. Das heißt: Auf mehr als der Hälfte der Fläche wächst Getreide wie Weizen, Mais, Gerste oder Roggen; im Süden wäre es Reis. Auch bei Knollen und Ölpflanzen wie Soja dominieren nur wenige Kulturen. In der Ecke für Obst und Gemüse gedeiht zwar die größte Vielfalt der Arten und Sorten. Doch von der Fläche nehmen sie den geringsten Teil ein.

Wenn Besucher diese Verteilung unmittelbar vor Augen haben und die Krume in ihren Händen spüren, dann können sie sich vielleicht noch besser vorstellen, dass rund 55 Prozent des Ackerlands von den Monokulturen für Fleischerzeugung und Energie beansprucht werden – und welche Verantwortung ein durchschnittlicher EU-Bürger für die Welternährung trägt. Denn über die ihm fairerweise zustehenden 2000 Quadratmeter hinaus nutzt er 700 weitere in anderen Ländern – während ein Chinese von einem halb so großen Feld leben muss.

Im zweiten Jahr wird der Weltacker so bestellt, dass eine Person großzügig davon leben kann. Dann sieht er je nach Geschmack und Kultur in Brandenburg anders aus als bei den Initiativen, die es in China, Griechenland und Schottland gibt. Um die Fruchtbarkeit kümmern wollen sich aber alle: Es gehe weniger darum, „den Leuten beizubringen, wie man Tomaten und Gurken anbaut“, sagt der griechische Projektpartner Pavlos Georgiadis, als darum, „wie man Boden wachsen lässt“.

Auf die Mischung aus Buddeln und Begreifen setzen auch Stadtgärtner von der Hamburger „Keimzelle“ bis zur Kölner „Pflanzstelle“, von den Orti Dipinti in Florenz bis zum People’s Garden im kalifornischen Santa Ana. „Lokal hacken, global denken“: Zwischen Beeten und Gemüsekisten gibt es Vorträge über die Vielfalt der Bohnen oder den Landraub in Afrika. Allein das globale Netzwerk Urban Farming verzeichnet fast 63 000 Gemeinschaftsgärten. In westlichen Metropolen führen sie Menschen zusammen, die besser essen und leben und zugleich ihren ökologischen Fußabdruck verkleinern wollen. Für Bewohner osteuropäischer Vororte, US-amerikanischer Armenviertel oder asiatischer Megacitys bedeuten sie oft eine Existenzgrundlage.

Die Rückkehr von Erd-Ginseng, Malabar-Spinat und Moringa

Auf einem Markt in Oyster Bay, dem schicksten Viertel in Tansanias Hafenstadt Daressalam, erzielen arme Stadtrandbewohner ein zusätzliches Einkommen damit, traditionelle Gemüse und Kräuter zu verkaufen. Der Erd-Ginseng mit seinen winzigen, zartrosa Kugelblüten ist gut für Augen und Verdauung. Die Moringa-Wurzel hat hohe Anteile an Vitamin A. Ähnlich nährstoffreich sind Radieschenbaum, großblättriger Malabar-Spinat und Matembele, die Blätter der Süßkartoffel.

Dass diese Gewächse wieder angebaut oder gesammelt werden, ist auch der Regent Estate Senior Women’s Group (Resewo) zu verdanken, die die Rentnerin Freda Chale im Jahr 2007 gegründet hat. „Das Wissen über unsere Pflanzen soll doch nicht ganz vergessen werden“, sagt sie. Seither pflegt sie mit ihren Freundinnen und jungen Leuten einen Stadtgarten, und Resewo-Leute reisen zu Anbaukursen auf die Dörfer. Gerade auf dem Land wird oft nur Maisbrei mit Bohnen gegessen. Traditionelle Lebensmittel liefern den Familien dagegen preiswert Mikronährstoffe und Vitamine dazu.

Unterstützt wird Freda Chale von der Organisation Slow Food: 10 000 Gemüsegärten wollen die Freunde der Langsamkeit allein in afrikanischen Städten und Dörfern fördern. Bei der Gründung der Slow-Food-Bewegung in den 1980er Jahren in Norditalien standen zunächst kulinarische Motive im Vordergrund. Um den Anbau traditioneller Kulturpflanzen für die Cucina wiederzubeleben, finanzierten Restaurantbesitzer schon damals Landwirten den Aufbau einer „Arche der Geschmäcker“. Heute retten Slow-Food-Gruppen in aller Welt alte Sorten in erster Linie, um genetische Ressourcen dem Artensterben zu entreißen. Und Kleinbauern werden auch deshalb gefördert, weil sie es sind und nicht das große Agrobusiness, die 80 Prozent der Menschen ernähren.

Dafür, dass diese lang ignorierte Erkenntnis mittlerweile auf allen Podien weltweit Konsens ist, hat nicht zuletzt der Weltagrarbericht von 2008 gesorgt. Er wurde zu einer Art Bibel, auf die sich die globale Agrarbewegung beruft. Im Auftrag der Weltbank und einiger UN-Organisationen hatten 400 internationale Wissenschaftler in einem ungewöhnlich breiten, indigenes Wissen einschließenden Beratungsprozess Strategien gegen den Hunger erarbeitet. Am Ende stand das Plädoyer für eine grundlegende Neuausrichtung der Landwirtschaft: „Business as usual is not an option.“

Die Experten forderten eine multifunktionale Landwirtschaft – im Norden und in den Entwicklungsländern – vor allem dort. Und weil jede Region anders sei, müsse es ganz unterschiedliche Agrikulturen geben, eingebettet in die ebenso vielfältigen sozialen Strukturen und ökologischen Kreisläufe. Den Schutz von Wasser, Böden und Artenvielfalt machte der Bericht früher als andere zur Priorität. Erst recht in Zeiten des Klimawandels sei das eine Versicherung für kleine Erzeuger. Gestützt würden sie am ehesten durch den Aufbau lokaler und regionaler Märkte.

Den Gedanken griff zum Beispiel das Programm „Fome Zero“ (Null Hunger) in Brasilien auf. Die Regierung finanziert seit 2003 Schulspeisungen in den Großstädten und beauftragt Kleinbauern, die Produkte dafür zu liefern. So wird ländlichen und städtischen Armen zugleich geholfen. Auch in einigen Städten der alten Industrienationen kümmern sich mittlerweile von der Verwaltung organisierte „Ernährungsräte“ um eine engere Verbindung zwischen ländlichen Produzenten und urbanen Konsumenten. Im reicheren Norden entspringt der Regionalismus indes nicht selten individualistischen Motiven. Stärker als der Einsatz für Bauern und Ressourcen ist dann oft die Sorge um den eigenen Bauch.

Die neuen Veganer zum Beispiel müssen erst noch beweisen, dass ihre Fleischlosigkeit nicht nur flüchtiger Gesundheitstrip oder kulinarischer Hype ist. So manchen urbanen Garten umweht auch ein Hauch von Biedermeier. Dass die neue Agraropposition noch zu wenig politisch denke, kritisiert Jürgen Maier vom Forum Umwelt und Entwicklung. Tatsächlich bleiben die alternativen Ansätze bislang weitgehend in ihren Nischen. 77 Kooperationen der Solidarischen Landwirtschaft gibt es bislang in Deutschland, fast 100 weitere Initiativen suchen einen Bauern – das ist ebenso vital wie marginal. Auch nach Jahrzehnten kommt der Bioanbau über 6,4 Prozent der Anbaufläche und 3,7 Prozent Marktanteil nicht hinaus. Dabei ist Deutschland einer der größten Ökomärkte.

Die Herausforderung ist längst, sich den Widersprüchen zwischen Massenmarkt und grüner Verwurzelung offensiv zu stellen: Wie industriell darf Bio werden? Wie viel Bio muss der konventionelle Anbau schaffen, und wie schnell? Erfolgreich ist die Agrarbewegung in der Abwehr: Bürgerinitiativen haben mehr als 100 Megaställe verhindert, Gentechnik konnte in Europa nicht Fuß fassen, und das geplante Freihandelsabkommen mit den USA bekommt Gegenwind, weil es europäische Verbraucherstandards zu untergraben droht. Der BUND symbolisierte den Streit bei einer Demonstration in Berlin mit einem acht Meter hohen aufblasbaren trojanischen Pferd.

Viel weniger Aufmerksamkeit gab es für die „Partnerschaftsabkommen“, welche die Europäische Union den westafrikanischen Staaten mit heftigem Druck aufzwingen will, denn sie betreffen die europäischen Mittelschichten nicht direkt. Dabei untergraben diese Verträge in einigen Ländern erheblich die Entwicklungschancen eigener Lebensmittelindustrien und damit der Kleinbauern, die sie beliefern. Von Ghana bis Nigeria leisteten Organisationen der Zivilgesellschaft Widerstand gegen die Ausweitung des Freihandels, weil sich kleine Produzenten nun der Konkurrenz sowohl anderer Entwicklungsländer als auch subventionierter Produkte aus der EU ausgesetzt sehen.

So wichtig die lokalen Initiativen sind, um an Modellen zu zeigen, was geht: Ohne klassische, institutionelle Politik bleiben sie eine Sache für Minderheiten. Immer öfter wird beim Thema Agrarwende der Vergleich mit der Energiewende gezogen. Doch auch Windräder und Solaranlagen konnten ihren Siegeszug erst antreten, als ihnen das Erneuerbare-Energien-Gesetz Marktchancen einräumte. Neue Regeln zu erstreiten, erfordert das Ringen um technische Details, Kompromisse und Mehrheiten – all die Mühen der demokratischen Ebene, die auch in der neuen Agrarbewegung von vielen vernachlässigt, ja belächelt werden.

Einer der wichtigsten Schauplätze für diese Arbeit ist Brüssel. Dort wurde die letzte EU-Agrarreform, die ökologisch verträglichen und regional vernetzten Produktionsformen europaweit Rückenwind verleihen sollte, auch deshalb bis zur Unkenntlichkeit verwässert, weil die nationalen Umwelt- und Naturschutzverbände und die EU-Abgeordneten in den Umweltausschüssen nicht genug Unterstützung bekamen. Die Öffentlichkeit schaut bei den europäischen Entscheidungsprozessen noch immer kaum hin.

Die vielleicht spannendste europaweite Initiative ist daher ARC 2020. In dieser Agricultural and Rural Convention 2020, die aus Deutschland von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft mit getragen wird, beginnen zivilgesellschaftliche Gruppen von Skandinavien bis Sizilien und von Großbritannien bis Rumänien schon jetzt, gemeinsam alternative Kriterien für die europäische Subventionspolitik zu entwickeln. Denn nach der Reform ist vor der Reform. Und solidarische Landwirtschaft braucht im Kleinen wie im Großen vor allem eines: Ausdauer.

Christiane Grefe ist Reporterin im Berliner Büro der Wochenzeitung Die Zeit.

Dieser Artikel ist ein Vorabdruck aus unserem neuen „Atlas der Globalisierung. Weniger wird mehr“, der am 28. Juli erscheint. Er kostet 16 Euro, hat 176 Seiten und enthält 300 Karten und Grafiken.

Mehr Informationen unter: monde-diplomatique.de.

Le Monde diplomatique vom 09.07.2015, Christiane Grefe