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Die Buchstaben-Guerilla

Das Autorenkollektiv Wu Ming kämpft mit fantastischen Geschichten gegen politische und kulturelle Gleichschaltung

von Lucie Geffroy

Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen, als Mitte der 1990er Jahre im „roten“ Bologna, damals eine Hochburg der italienischen Alternativszene, die Geschichte des Autorenkollektivs Wu Ming begann. Es ist die Geschichte einer sowohl kulturellen als auch politischen Kampfansage. Inspiriert von Fanzines, alternativen Radioprogrammen, Rockbands und selbstverwalteten Kulturzentren, ging das Ganze von einer Gruppe Geschichts- und Philosophiestudenten aus. Italien machte gerade eine tiefgreifenden Wandel durch. Die Democrazia Cristiana, aus der zwischen 1945 und 1993 fast sämtliche Ministerpräsidenten des Landes hervorgegangen waren, begann sich gerade aufzulösen und eine neue Figur betrat die politische Bühne: Silvio Berlusconi.

Vorläufer von Wu Ming, was auf Mandarin sowohl „fünf Namen“ als auch „ohne Namen“ bedeutet, war das 1994 gegründete Luther Blissett Project,1 das sich nach einem erfolglosen Serie-A-Fußballer benannt hat und dem sich in ganz Europa später etwa hundert Künstler anschlossen. Ziel des von Anfang an auf fünf Jahre angelegten Projekts war es, den Zuschauerbetrug der italienischen Medien zu entlarven. Zu diesem Zweck wurden erfundene Künstler in großangelegten Kampagnen bekannt gemacht und allerlei Verwirrspiele inszeniert.

In einem ihrer spektakulärsten Streiche verbreiteten die Aktivisten das Gerücht, im entvölkerten Hinterland von Viterbo in der Region Latium würden schwarze Messen mit satanistischen Ritualen stattfinden. Um den ganzen Wahnsinn des Berlusconi-verseuchten Fernsehens vorzuführen, wurden falsche Pressemitteilungen verschickt, die dann von den Medien tatsächlich ungeprüft übernommen wurden. Kurz bevor Luther Blissett den Schwindel aufdeckte, hatte der Privatsender Italia 1 sogar noch einen Videoausschnitt von einer vermeintlichen Gruppenvergewaltigung gezeigt. 1999 veröffentlichten vier Mitglieder aus Bologna den historischen Roman „Q“2, um „der Welt eine große Geschichte zu erzählen, eine Legende zu erschaffen, einen neuen Typ Volksheld zum Leben zu erwecken“, wie die Aktivisten auf ihrer Homepage erklären.3

Der Roman wurde ein großer Erfolg. Allein in Italien, wo ein Buch bereits nach 5 000 verkauften Exemplaren als Bestseller gilt, wurden 360 000 abgesetzt. „Q“ wurde in ein Dutzend Sprachen übersetzt. Der Roman erzählt die Geschichte eines Wiedertäufers, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch Europa reist und, neben anderen Abenteuern, an der Seite des revolutionären Reformators Thomas Müntzer (1489–1525) in den Bauernkriegen kämpft.

Nach dem überraschenden Erfolg nahm sich das Autorenkollektiv symbolisch das Leben, legte das Pseudonym Luther Blissett ab, nahm ein fünftes Mitglied auf und wurde zu Wu Ming.

Das Kollektiv lehnt die Sakralisierung des Schriftstellers als einsames Genie ab. Es vertritt zwar die Überzeugung, dass praktisch jedes Buch ein Gemeinschaftswerk ist. Doch die einzelnen Mitglieder können auch allein schreiben. Dann publizieren sie allerdings nicht unter ihrem eigenen Namen, sondern als Wu Ming 1, 2, 3, 4 oder 5.4 Keiner der Männer trat bisher im Fernsehen auf oder ließ sich fotografieren, doch ist ihre Geheimhaltung weder Pose noch Obsession. Sie suchen durchaus den Kontakt zu ihren Lesern. Wu Ming geht es vor allem darum, die herrschende kulturelle Hegemonie zu konterkarieren und das vor allem vom Berlusconismus besetzte Feld des Imaginären zurückzuerobern. Es geht um nichts weniger, als ein ganzes Universum neu zu erschaffen.

Die meisten der von Wu Ming verfassten Bücher, seien sie in Gruppen- oder Einzelarbeit entstanden, sind ein Mix aus Historischem und Kriminalroman, Gelehrsamkeit und Popkultur. Beeinflusst von so unterschiedlichen Autoren wie Alexandre Dumas, James Ellroy, Sergio Leone, Philip K. Dick, Pier Paolo Pasolini, Italo Calvino oder Don DeLillo, hat sich das Kollektiv der Aufgabe verschrieben, die Geschichte, wie sie von den Mächtigen erzählt wird, infrage zu stellen.

Der Roman „54“ (Einaudi, 2002), der im Jahr 1954 spielt, zeigt beispielsweise, dass die sogenannte Nachkriegszeit, an deren Ende die Welt aus zwei Blöcken bestand, nicht weniger kriegerisch war. „Manituana“ (Einaudi, 2007) erzählt die Entstehung der Vereinigten Staaten aus der Sicht der Besiegten: der Irokesen. In „Point Lenana“ (Einaudi, 2013), einem Bericht über drei Italiener, die während des Zweiten Weltkriegs den Mount Kenya besteigen, behandelt Wu Ming 1 die Unfähigkeit Italiens, sich seiner kolonialen Vergangenheit zu stellen.

Wu Ming wirft sein Augenmerk vornehmlich auf die Nebenrollen; es ist ein Blick auf die Welt, der an den italienischen Historiker Carlo Ginzburg erinnert, für den die Mikrogeschichten und das Alltagsleben genauso wichtig, wenn nicht gar bedeutsamer sind als die Ereignisgeschichte der Institutionen.5 Das Autorenkollektiv setzt in der Fiktion das um, was Howard Zinn mit „Eine Geschichte des amerikanischen Volkes“ (Schwarzerfreitag Verlag, 2007) im Sinn hatte: den Vergessenen ihre Geschichte zurückzugeben. Allgemeiner ausgedrückt wollen die Wu-Ming-Aktivisten die gängigen, „giftigen“ Erzählungen und Mythen durch neue ersetzen.

Der Mythos vom Mann, den die Nation braucht

Als scharfe Kritiker der italienischen Politik mischen sie sich häufig in die öffentliche Debatte ein. Während des G-8-Gipfels 2001 in Genua brachte Wu Ming unter dem Titel „Auf unseren Bannern steht Würde“ Texte in Umlauf. Inzwischen teilt sich das Kollektiv auch über seinen Blog „Giap“ und Twitter (mehr als 45 000 Follower) mit. Im November 2014 lancierte Wu Ming das Hashtag #Renziscappa („Renzi flieht“) samt einer interaktiven Karte, die alle Demonstrationen und offiziellen Treffen dokumentiert, die der Ministerpräsident aus Angst vor Anfeindungen gemieden hat. Matteo Renzi reaktiviere genauso wie Silvio Berlusconi und Beppe Grillo, der umstrittene Initiator der Fünf-Sterne-Bewegung, den Mythos vom „Mann, den die Nation braucht“.6

„Die politische Vorstellungswelt von Renzi ist ein Potpourri aus zur Schau gestelltem Modernismus, Anglizismen, Jugendkult und Werbeslogans“, schreibt das Kollektiv in einem Mail-Interview. „Sie funktioniert wie ein Nebelwerfer, der Renzis wahres Programm verbergen soll, jenes nämlich, das die ‚Troika‘ Italien 2011 verordnet hat und das der italienische Ministerpräsident eins zu eins umsetzt. Das Rezept ist seit 30 Jahren dasselbe: Einschnitte bei den Sozialausgaben, Privatisierungen, Abbau der Arbeitnehmerrechte. Das Schlimmste ist, dass nie jemand für dieses Programm gestimmt hat. Italien im Jahr 2015, das ist eine neoliberale Postdemokratie.“

Die radikalen Positionen des Autorenkollektivs erfreuen sich in Italien großer Beliebtheit. „L‘Armata dei sonnambuli“ („Die Armee der Schlafwandler“),7 der letzte Roman von Wu Ming, hat sich innerhalb eines Jahres mehr als 46 000-mal verkauft.

Diesseits der Alpen, wo Gegenkultur und politischer Aktivismus deutlicher voneinander getrennte Sphären sind als in Italien, existiert keine mit Wu Ming vergleichbare Gruppierung. Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb die Bücher des Kollektivs außerhalb Italiens weniger erfolgreich sind. In Deutschland und Frankreich haben sich immerhin zwei Verlage daran gemacht, Wu Ming-Werke zu editieren. Nach dem mehrmals aufgelegten „Q“ erschien im Februar 2015 bei Assoziation A der Roman "54". Die französische Ausgabe von „Q“ („L‘Œil de Carafa“) war hingegen ein solches Fiasko, dass der Verlag Seuil die Bücher einstampfen lassen musste. Die daraufhin bei Métailié8 verlegten späteren Romane von Wu Ming haben sich zwar besser verkauft, allerdings die 3000er-Marke selten überschritten. Von der Veröffentlichung von „L‘Armata dei sonnambuli“ in Frankreich hat Anne-Marie Métailié abgesehen; mit einem Seitenhonorar von ungefähr 22 Euro würden allein die Übersetzungskosten des 800-Seiten-Werks enorm ins Kontor schlagen.

Wu Ming hat gerade seine einjährige „Revolution touR“ für „L‘Armata dei Sonnambuli“ beendet. Die Lesereise ging durch ganz Italien. Fünf Jahre hat das Kollektiv an dem Roman gearbeitet, der einen ungewohnten Blick auf die Französische Revolution bietet. Die Abenteuer der „Großen“ der Geschichte während der Schreckensherrschaft („La Terreur“) werden durchgehend aus weiblicher Perspektive und in Umgangssprache erzählt: Aus Sicht der Näherin Marie Nozière aus dem Faubourg Saint-Antoine, der Schauspielerin und Frauenrechtlerin Claire Lacombe, dem in Ungnade gefallenen italienischen Komödianten Scaramouche und dem Arzt und Hypnotiseur Orphée D‘Amblanc. Wu Ming hat „L‘armata dei sonnambuli“ als seinen letzten historischen Roman und Ziel seiner langen literarisch-aktivistischen Reise angekündigt, deren roter Faden die Revolution war: Seit „Q“ durchzog „das Thema Revolution, dessen Möglichkeit und Wege, die Konterrevolution zu überstehen“,9 sämtliche Bücher.

Von Rezession und Populismus bedrohte Demokratien

Die „Schlafwandler“ jener Armee sind nicht nur die Opfer eines Komplotts, das von einem mysteriösen Arzt angezettelt wird, oder Faschisten avant la lettre, die die Revolutionsregierung stürzen wollen. Für den Literaturkritiker Roberto Paura verweisen die Autoren vor allem auf Analogien zwischen dem Sturz des Ancien Régime und der Situation der heutigen von der Rezession wie vom Vormarsch des Populismus bedrohten europäischen Demokratien, denen die Elite mit der gleichen Verachtung begegne, wie sie damals der Adel gegenüber den Sansculotten hegte.10  

Andere sehen in der Beschreibung des „Magnetismus der Masse“ eine kaum verhohlene Kritik am Grillismus. „Die Schlafwandler sind diejenigen, die sich hinter den Rattenfängern scharen und von deren Charisma beeindrucken lassen. Es gibt Leute, die Beppe Grillo hinterherlaufen, ganz egal welche Musik aus seiner Flöte erklingt“, meint einer der Autoren.11  

Wu Ming hat nach wie vor großen Spaß daran, unberechenbar und unvorhersehbar zu sein. Vor Kurzem hat das Kollektiv das Kinderbuch „Cantalamappa“ herausgebracht, das es auf seiner Homepage als „wundersamen Atlas“ für „die Subversiven zwischen 8 und 108 Jahren“ bezeichnet.

Doch die Guerilleros von Wu Ming begnügen sich nicht nur damit, neue Mythen zu erschaffen. Der Blog des Kollektivs (90 000 Besucher im Monat) ist auch eine Art großes Forum, in dem jedes Werk, jeder Text oder jede Initiative von Usern und Mitstreitern erweitert und fortgesetzt wird.

Alle Bücher von Wu Ming haben eine Copyleft-Lizenz, das heißt im Gegensatz zum klassischen Copyright auf geistiges Eigentum ist deren Vervielfältigung zu nichtkommerziellen Zwecken erlaubt. Tatsächlich ist das Kollektiv überzeugt, dass sich ein Werk umso besser verkauft, je mehr es im Umlauf ist. Inzwischen ist praktisch alles online verfügbar. Die User werden dazu aufgefordert, sich auf der Wu-Ming-Website zu bedienen und sogar zu plagiieren.

Hinzu kommt die multimediale Bearbeitung der Werke. So kann man sich etwa Klangkompositionen zu den Romanen herunterladen. Unter dem Label „Wu Ming Contingent“ macht die Gruppe jetzt auch Musik und veröffentlichte zeitgleich mit „L‘Armata dei Sonnambuli“ eine Platte. Wu Ming ist eben „ein bisschen mehr, als man von einer Gruppe Romanautoren erwartet“.

1 Den Namen hat sich das Medienphantom Luther Blissett von einem englischen Fußballer geliehen, der 1983 nach nur einer Saison bei AC Mailand wieder an seinen vorherigen Verein Watford verkauft wurde.

2 Luther Blissett, „Q“, München (Piper) 2002.

3 Vgl. Wu Ming Foundation, www.wumingfoundation.com.

4 Wu Ming 1: Roberto Bui; Wu Ming 2: Giovanni Cattabriga; Wu Ming 3: Luca Di Meo (hat das Kollektiv 2008 verlassen); Wu Ming 4: Frederico Guglielmi; Wu Ming 5: Riccardo Pedrini.

5 Siehe etwa Carlo Ginzburg, „Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600“, Frankfurt am Main (Syndicat) 1979.

6 Zu Grillo vgl. Raffaele Laudani, „Fünf Sterne für Italien“, Le Monde diplomatique, September 2012, und zu Renzi: „Der Verschrotter“, Le Monde diplomatique, Juli 2014.

7 „L‘Armata dei Sonnambuli“, Turin (Einaudi) 2014, 808 Seiten.

8 Bei Métailié, Paris, sind erschienen: Wu Ming 4, „L’Étoile du matin“, 2012; Wu Ming, „Manituana“, 2009; Wu Ming 1, „New Thing“, 2007; Wu Ming 2, „Guerre aux humains“, 2007.

9 „ ‚I pifferai icantano ancora‘. Intervista sul Fatto Quotidiano e altre storie, viaggi, letture #ArmatadeiSonnambuli“, 8. Juli 2014, www.wumingfoundation.com.

10 Roberto Paura, „Una rivoluzione senza rivoluzione?“, Quaderni d’altri tempi, Nr. 49, Mailand 2014.

11 Siehe Anmerkung 9.

Aus dem Französischen von Uta Rüenauver

Lucie Geffroy ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 11.06.2015, Lucie Geffroy