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Jobs statt Arbeit

Folgen der Deindustrialisierung von Gérard Duménil und Dominique Lévy

Je länger die Krise dauert, die nunmehr ins vierte Jahr geht, desto gewichtiger wird ein weiteres Thema: der Prozess der Deindustrialisierung in den „alten“ Zentren der globalisierten Welt, vor allem in den USA und Europa. Es gehört, neben dem Kampf gegen die Ursachen der sozialen Ungleichheit und gegen die Übermacht der Finanzindustrie, zu den drei großen Themen der Wahlkampagne des US-Präsidenten.1

In diesem Zusammenhang wurde auch das Schlagwort „Insourcing“2 erfunden. Der Begriff bezieht sich natürlich auf sein Gegenteil: „Outsourcing“ als Unternehmensstrategie, die mit der systematischen Vergabe von Unteraufträgen („Subcontracting“) und der befristeten Einstellung von Leiharbeitern riesige Produktivitätsgewinne erzielt. Das neue, mit dem Leitbild des „Insourcing“ verkündete Ziel ist die Rückführung der industriellen Produktion ins eigene Land.

Angesichts der massiven Abwanderung der Produktionsstätten in die Länder der Peripherie lässt sich die Dringlichkeit der Rückwanderung der industriellen Produktion in ihre Ausgangsländer auf den ersten Blick schwerlich anzweifeln. Sie erscheint als probates Mittel, um die Arbeitslosigkeit zu senken, den relativen Niedergang der „alten“, am höchsten entwickelten Volkswirtschaften zu verlangsamen und Ungleichgewichte im Außenhandel zu vermeiden. Gerade Letztere haben in der gegenwärtigen Krise der Staatsfinanzen eine besondere Bedeutung gewonnen, denn die internationalen Finanzinstitutionen (auch „Märkte“ genannt) bestrafen insbesondere zwei sich wechselseitig verstärkende Defizitquellen: das Staatsbudget und den Außenhandel.

Deindustrialisierung bezeichnet allerdings einen Prozess, der sehr viel älter und auch umfassender ist als die globale Entgrenzung der Industriearbeit durch Standortverlagerungen in andere Länder. Für die alten „Ökonomien des Zentrums“ war der Siegeszug des Neoliberalismus in den 1980er Jahren ein radikaler Einschnitt in die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung.3 In den USA fiel der Anteil der Industrieproduktion zwischen den 1960er und 1980er Jahren von 26 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 19 Prozent. Bis 2007, also kurz vor dem Beginn der Finanzkrise, schrumpfte dieser Anteil weiter auf 11 Prozent.

Einen ähnlichen Verlauf nahm die Deindustrialisierung in Frankreich. Auch in Deutschland, wo der Anteil des Industriesektors an der Gesamtwirtschaft vergleichsweise höher lag, verlief die Kurve ganz ähnlich: von 36 Prozent im Jahr 1960 auf heute 23 Prozent.4 Die Zahlen dokumentieren einen langfristigen Strukturwandel der Beschäftigung und des Konsums (siehe den Artikel von Laurent Carroué auf S. 16 f.), nämlich jenen Prozess der Produktionsverlagerung in andere Weltregionen, der als Hauptmerkmal der Globalisierung gilt.

Die entscheidende Entwicklung der letzten Jahrzehnte wurde durch die Strategie der Großkonzerne in Gang gesetzt, die als Global Player auftraten. Ein erstes auffälliges Merkmal war die Zunahme ausländischer Direktinvestitionen in Form des Kaufs oder der Gründung von Konzerntöchtern in anderen Ländern. Klarstes Beispiel sind die USA: In der Dekade 1970–1980 machte der Anteil der Direktinvestitionen von US-Industrieunternehmen (also ohne den Finanzsektor) im Ausland nur 23 Prozent der gesamten Nettoanlageinvestitionen (Bruttoinvestitionen abzüglich Abschreibungen) aus. In den zehn Jahren, die der jetzigen Krise vorausgingen (1998–2007), ist dieser Anteil auf 81 Prozent gestiegen. Diese Zahl bezeugt die bewusste Entscheidung der transnationalen Konzerne, lieber woanders als im eigenen Land zu produzieren. Es fragt sich nur, ob Präsident Obama diese Konzerne tatsächlich auffordern wird, ihre Strategie aufzugeben.

Unbestreitbar ist, dass in den Ländern der Peripherie die Lohnstückkosten zügig ansteigen und sich dem Lohnniveau der Vereinigten Staaten annähern. Obama hat dabei vor allem die Steigerung der chinesischen Kosten pro Arbeitsstunde im Auge. Hinzu kommt der Effekt der Aufwertung der chinesischen Währung. Aber diese Entwicklung geht mit einer Senkung der „Arbeitskosten“ in den USA einher, was einige Unternehmen bereits veranlasst hat, ihre Produktion zurückzuverlagern, vor allem in „billige“ Staaten wie South Carolina, Alabama oder Tennessee.5 Die Finanzkrise hat diese Tendenz nicht ausgelöst, sondern lediglich verstärkt. Was aber nur zeigt, wie „erfolgreich“ die neoliberale Strategie es geschafft hat, die Konkurrenz zwischen den Lohnabhängigen in den Ländern des Zentrums und denen der Peripherie anzuheizen.

Die Rückverlagerung der Produktion, die der US-Präsident zu fördern vorgibt, hat sich bereits jetzt aufgrund der Rentabilitätssteigerungen gerechnet. Die transnationalen Unternehmen könnten diesen Weg also ohne Weiteres einschlagen, und die Regierung wird ihnen dabei freundlich unter die Arme greifen, insbesondere durch Steuervergünstigungen für Unternehmen, die im Inland investieren.

Schon in seiner „Rede zur Lage der Nation“ vom Januar 2011 präsentierte Obama seinen Plan für den „Bau eines nachhaltigen Amerika“ und erklärte stolz, die US-Automobilindustrie sei wieder zurück im Spiel. So ist es. Setzt man das Produktionsniveau der Autoindustrie von 2007, am Vorabend der Krise, mit 100 Prozent an, so erfolgte bis Juni 2009 ein Absturz auf 48 Prozent, der fast das Ende der Branche zu besiegeln schien. Nach massiver Refinanzierung durch die Regierung erreichte die Produktion im Dezember 2011 wieder das Niveau von 84 Prozent. Für die nächste Zeit ist die Autoindustrie also auf jeden Fall gerettet, aber eine Konsolidierung ist das noch lange nicht. Manchen Branchen geht es weit schlechter, während andere, wie zum Beispiel die Elektroindustrie, heute besser dastehen. Der industrielle Sektor insgesamt meldet für den gleichen Zeitraum (ab 2007) einen Produktionsrückgang auf 80 Prozent im Juni 2009 und einen erneuten Anstieg auf 93 Prozent im Dezember 2011.

Eine Besserung? Gewiss. Aber ein Wunder? Kaum. Das Frohlocken über die „Wiedergeburt“ der US-Automobilindustrie kommt Obama im Wahlkampf natürlich gerade recht, könnte sich aber als vorschnell und allzu optimistisch erweisen.

Aus europäischer Sicht bietet sich ein Leistungsvergleich zwischen der französischen und der deutschen Wirtschaft an. Deutschland, heißt es immer, habe demonstriert, dass die neoliberale Globalisierung ein nachhaltiges Projekt ist, bei dem ein europäisches Industrieland sich in der Konkurrenz mit den Schwellenländern behaupten könne. Frankreich dagegen sei klar zurückgefallen. Freilich muss man bei den Erfolgen der deutschen Industrie auch bedenken, wie hoch der Preis dafür war und wer die Rechnung zu zahlen hat.

Das Jahr 2003 markiert einen tiefen Bruch. Bis dahin hatten Deutschland und Frankreich seit den 1960er Jahren genau denselben industriellen Entwicklungspfad eingeschlagen. Erst danach hat sich die Wachstumsschere zwischen den beiden Ländern deutlich geöffnet. Von 2003 bis zum Beginn der Krise 2007 wuchs die Industrieproduktion in Frankreich nur um insgesamt 4 Prozent, in Deutschland dagegen um 20 Prozent (wir betrachten hier allerdings nur den industriellen Sektor).

Im Gegensatz zu dem, was uns die Medien ständig einreden wollen, wächst die deutsche Wirtschaft insgesamt keineswegs schneller als die französische: Von 2003 bis 2007 hat das Bruttoinlandsprodukt (BIP) beider Volkswirtschaften nahezu im gleichen Tempo zugenommen. Nützlich ist auch ein Seitenblick auf Japan, dessen industrielle Entwicklungsstrategie der deutschen sehr ähnlich ist und dessen Wirtschaft trotz des starken industriellen Wachstums (von 2003 bis 2007 um 18 Prozent) seit Langem stagniert.

Damit stellt sich die alte Frage nach den sozialen Verhältnissen. Eine zentrale Bedingung für das „deutsche Wunder“ ist der ständige Druck auf das Niveau der Bruttolöhne (Nettolöhne, Steuern und Abgaben). Die konkreten Folgen dieser Entwicklung zeigen sich bei den verfügbaren Einkommen. Die Durchschnittslöhne stagnieren in Deutschland bereits seit zehn Jahren6 , aber ein Problem hat sich besonders verschärft: Der Anteil der Beschäftigten, die als „Niedriglöhner“ eingestuft werden, steigt in Deutschland seit dem Ende der 1990er Jahre unaufhörlich an.

Bereits 2009 lagen 5,78 Millionen Arbeitnehmer unterhalb der statistisch definierten Niedriglohnschwelle, die im Westen Deutschlands bei 9,76 Euro (brutto) liegt, im Osten bei 7,03 Euro.7 Bei vielen fallen dabei die Merkmale Dienstleistungsarbeit, atypischer Job und Niedriglohn zusammen. Die neuesten Daten vom Frühjahr 2011 besagen, dass schon jedes fünfte Beschäftigungsverhältnis in Deutschland solch ein „Minijob“ ist. Für 4,8 Millionen von insgesamt 7,3 Millionen Betroffenen, darunter 3,2 Millionen Frauen, ist der Minijob die einzige Form der Erwerbstätigkeit.8

Arbeit muss sich wieder lohnen

In dieselbe Richtung weist eine andere Form der Prekarisierung der Arbeit: die starke Zunahme der Leiharbeit. So ist die Zahl der Leiharbeiter im Juni 2011 mit 910 000 wieder auf das Niveau vor Ausbruch der Finanzkrise gestiegen.9 Beim deutschen Automobilhersteller BMW schätzt die IG Metall den Anteil der Leiharbeiter an der inländischen Gesamtbelegschaft auf 14 Prozent (gut 11 000 Beschäftigte von insgesamt 80 000).10 In dieser Entwicklung tritt die wachsende innere Spaltung zutage, die sich durch die Klasse der abhängig Beschäftigten zieht.11 Die geringfügige Beschäftigung, die „Scheinselbstständigkeit“ inbegriffen, markiert insgesamt eine wachsende Erosion des Normalarbeitsverhältnisses.

Auch die Sozialbeiträge von staatlicher und Arbeitgeberseite wurden in Deutschland schon vor der Krise mit der Einführung des Hartz-IV-Systems beträchtlich gekürzt. Natürlich war auch Frankreich von den Folgen der Stagnation betroffen, aber doch in geringerem Maße: Die durchschnittlichen (preisbereinigten) Lohnkosten stiegen hier zwischen 2003 und 2007 um 3,5 Prozent, während sie im gleichen Zeitraum in Deutschland um 1,5 Prozent fielen.

Dieser Druck auf die Beschäftigten und Arbeitslosen in Deutschland ging mit einer starken Ausweitung der Auftragsvergabe an Subunternehmen (Subcontracting) einher, vor allem in die Niedriglohnländer Mittel- und Osteuropas.

Demgegenüber haben die Großunternehmen in Frankreich seit Beginn der 1990er Jahre auf eine ähnliche Strategie gesetzt wie die US-Konzerne: auf Direktinvestitionen im Ausland. Die Resultate der französischen und deutschen Strategie sind keineswegs die gleichen, wie man vermuten könnte. Die Erfolge der Letzteren legen das Gegenteil nahe: Die deutsche Strategie konnte offenbar den Kern der Industrie im eigenen Lande bewahren.

Dieses Modell geht allerdings zwangsläufig mit wachsenden Außenhandelsüberschüssen einher. Seit 2003, als die Entwicklungspfade beider Volkswirtschaften sich auseinanderzuentwickeln begannen, ist der deutsche Handelsüberschuss stark gestiegen (bis auf 7 Prozent des BIP), während sich das französische Außenhandelsdefizit fast spiegelbildlich entwickelt hat und im selben Jahr bei 2 Prozent lag. Diese Entwicklung ist umso auffälliger, als noch in den 1990er Jahren der französische Außenhandelsüberschuss im Durchschnitt mit 1,2 Prozent des BIP über dem deutschen von 0,5 Prozent gelegen hatte.

Auch wenn die USA, Frankreich und Deutschland sehr unterschiedliche Entwicklungspfade eingeschlagen haben, sind die Prozesse der Deindustrialisierung und Reindustrialisierung als ganz ähnlich wirkende Funktionsmechanismen innerhalb eines übergreifenden neoliberalen Räderwerks zu begreifen. Die Produktionsverlagerung ins Ausland ist das ureigene Kind dieser Ordnungspolitik. Sie ist aber zugleich der Ausdruck einer interessenpolitischen Ausdifferenzierung: Auf der einen Seite steht die nationale Oberschicht, die von den Gewinnen der transnationalen Global Player profitiert; auf der anderen Seite die Wirtschaftsakteure, die noch auf nationalem Territorium produzieren.

Für Letztere scheint die Frage des Produktionsstandorts für die Gewinnmarge eine geringere Rolle zu spielen. Unter diesem Blickwinkel ist die deutsche Strategie offensichtlich erfolgreicher als die französische. Dafür zahlen allerdings die Beschäftigten dieser Konzerne, wie in den USA, einen hohen Preis – bis auf die Topmanager natürlich, deren Interessenbündnis mit den Aktionären und anderen Anteilseignern einen Eckpfeiler des neoliberalen Regimes darstellt.

Solange die Voraussetzungen der neoliberalen Hegemonie unangetastet bleiben, solange die Macht der Finanzindustrie die wirtschaftlichen und politischen Eliten an ihr Projekt bindet und nicht durch eine „Zähmung des Finanzsektors“ von Grund auf infrage gestellt wird, solange sind alle Versuche der Politik, den Prozess der Deindustrialisierung zu bekämpfen, rückwärtsgewandt und zum Scheitern verurteilt. Eine solche ohnmächtige Politik unterhöhlt nur die letzten verbliebenen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte, ohne dass damit neues Wachstum und mehr Beschäftigung entstehen würden.

Fußnoten: 1 „Remarks by the President on the Economy“, 4. Januar 2012, www.whitehouse.gov/the-press-office/2012/01/04/remarks-president-economy. 2 „Remarks by the President on Insourcing American Jobs“, 11. Januar 2012, www.whitehouse.gov/the-press-office/2012/01/11/remarks-president-insourcing-american-jobs. Unter Bezug auf den Begriff „Offshoring“ ist gelegentlich auch vom „Reshoring“ die Rede. 3 Siehe dazu: David Harvey, „Kleine Geschichte des Neoliberalismus“, Zürich (Rotpunktverlag) 2007. 4 Die Zahlen beziehen sich nur auf die Bundesrepublik respektive die alten Bundesländer. 5 Harold S. Sirkin, Michael Zinser und Douglas Hohner, „Made in America, Again. Why Manufacturing Will Return to the U.S.“, The Boston Consulting Group, August 2011: www.bcg.com/documents/file84471.pdf. 6 Karl Brenke und Markus M. Grabka, „Reallöhne 2000 – 2010: Ein Jahrzehnt ohne Zuwachs“, DIW-Wochenbericht 45/2011. 7 Als Niedriglohn gilt der Bruttolohn, der unterhalb der Zweidrittelmarke des nationalen Median-Bruttolohns aller Vollzeitbeschäftigten liegt. Der Wert wird nach wie vor getrennt für Ost- und Westdeutschland ermittelt. 8 Dorothea Voss und Claudia Weinkopf, „Niedriglohnfall Minijob“, WSI-Mitteilungen 1/2012, S. 5–12; Böckler-Impuls, „Atypische Beschäftigung: Wenig Geld bei wenig Sicherheit“, Ausgabe 01/2012, S. 4/5. Siehe auch: Anne Dufresne, „Union der Lohndrücker“, Le Monde diplomatique, Februar 2012. 9 Ende Juni 2011 arbeiteten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit rund 910 000 Leiharbeiter als Beschäftigte von 17 400 Verleihbetrieben. Damit hat die Zahl wieder das Niveau aus der Zeit vor der Finanzkrise erreicht. Der Vergleich mit Frankreich und anderen europäischen Ländern ist aufgrund der unterschiedlichen statistischen Erhebungen nur bedingt aussagekräftig. 10 Sibylle Haas, „Nur geliehen“, Süddeutsche Zeitung, 21. Februar 2012. 11 Thorsten Kalina und Claudia Weinkopf, „Niedriglohnbeschäftigung 2008. Stagnation auf hohem Niveau – Lohnspektrum franst nach unten aus“. IAQ-Report 2010-06: www.iaq.uni-due.de/iaq-report/2010/report2010-06.pdf. Aus dem Französischen von Ulf Kadritzke Gérard Duménil und Dominique Lévy sind Wirtschaftswissenschaftler und Autoren von „The Crisis of Neoliberalism“, Cambridge/Mass. (Harvard University Press) 2011.

Le Monde diplomatique vom 09.03.2012,