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Chronik eines angekündigten Massakers

Ich bin nicht durch das Haupttor in die ehemaligen Lager Sabra und Schatila gegangen, sondern durch ein angrenzendes Elendsviertel. Hier leben die Neuankömmlinge, Flüchtlinge aus asiatischen Ländern vor allem. Irgendwann stößt man auf die alte „Hauptstraße“, die früher vom – inzwischen abgerissenen – Gaza-Krankenhaus zum Haupteingang nahe der kuwaitischen Botschaft führte. Der verschwenderische Stil dieses Gebäudes wirkt ebenso bizarr wie die angrenzende luxuriöse Sportanlage – hier waren damals die erwachsenen Palästinenser und Libanesen, die das Massaker überlebt hatten, zusammengetrieben und verhört worden. Heute drängen sich hier die Passanten vor den Läden und Marktständen; man kann Obst kaufen oder CDs, neue und gebrauchte Sachen. Auf der Straße dichter Verkehr von Autos und Motorrollern.

Wen soll ich zu Wort kommen lassen, von all den direkten und indirekten Zeugen der Massaker, die, meist mit unbewegter Stimme, die Szenen des Schreckens vom September 1982 auf meine Bitte hin noch einmal aufleben ließen? Umm Schauki, heute 52, hat siebzehn Familienangehörige verloren, darunter ihren Mann und einen Sohn von 12 Jahren. Sie wohnte damals im Bir-Hassan-Viertel nahe der kuwaitischen Botschaft. Nach den Massakern fanden sie und ihre zwölf Kinder eine Wohnung an der Hauptstraße von Schatila. Hier lebt sie nun im vierten Stock eines jener Gebäude, die ohne große Rücksicht auf Bauvorschriften hochgezogen wurden. Drinnen ist alles liebevoll eingerichtet: Überall Sträuße aus Plastikblumen, passend zur Farbe der Sessel, an den Wänden Bilder von al-Quds (Jerusalem) und die Fahne der Hamas. Umm Schauki gehört der islamistischen Organisation nicht an. „Ich bin nirgendwo Mitglied“, erklärt sie. „Nur wenn ich genau wüsste, was dabei herauskommt, würde ich mich engagieren.“ Und ihre Kinder? „Ich will nicht, dass sie sich sinnlos opfern, aber wenn ich eines Tages sicher sein könnte, dass ich meine Rache bekomme, würde ich sie ermutigen und zu ihnen stehen …“

Jeden Tag und jede Nacht sieht sie die Bilder von damals: die Leichen, die Verstümmelten. Über das Schicksal ihres Mannes und ihres Sohnes hat sie nie etwas erfahren. Die kräftigen Farben im Wohnzimmer kommen nicht an gegen ihr schwarzes Kleid, ihr schwarzes Haar und ihre dunklen Augen. Umm Schauki zeigt kein Lächeln. Sie spricht ohne die Stimme zu erheben, aber man spürt ihre Anspannung, als sie die zweite Tragödie ihrer Familie schildert. Die erste hatte sich 1948 ereignet – damals musste sie Tarschiha verlassen, ein Dorf in der Nähe von Haifa.

„Sie haben an die Tür geklopft. Eine Stimme sagte: ‚Wir sind Libanesen, wir wollen Ihr Haus nach Waffen durchsuchen.‘ Mein Mann machte auf, er war nicht besonders beunruhigt, schließlich gehörte er keiner militanten Organisation an. Er arbeitete damals im Golfklub am Flughafen.“ Umm Schauki sagt, dass drei israelische Soldaten und ein Offizier der rechten christlichen Miliz Forces Libanaises (FL) ins Haus gekommen seien. Sie nahmen ihrer Tochter die Armbänder weg und rissen Umm Schauki die Ohrringe ab – die Narbe an ihrem Ohrläppchen ist immer noch zu sehen. Beide Frauen wurden geschlagen. Dass die Soldaten Israelis waren, steht für sie außer Frage: „Sie trugen andere Uniformen, nicht die der Forces Libanaises. Und sie sprachen nicht Arabisch – ob es Hebräisch war, kann ich nicht sagen, aber ich bin sicher, dass sie Israelis waren.“

Das ist nicht unmöglich, denn das an die Lager grenzende Bir-Hassan-Viertel war von der israelischen Armee besetzt. Viele dort lebende Palästinenser wurden ins Innere der Flüchtlingslager gebracht – auch die Familie von Umm Schauki.

„Wir mussten in einen Lieferwagen einsteigen, der zum Eingang des Lagers Schatila fuhr. Dort trennte das Militär die Männer von den Frauen und Kindern. Der Libanese nahm drei von unseren Cousins die Papiere ab, dann erschoss er sie vor unseren Augen. Mein Mann, mein Sohn und andere Cousins wurden von den Israelis abgeführt.“

Frauen und Kinder mussten dann zu Fuß zum Sportzentrum gehen. Überall am Straßenrand schreiende, weinende Frauen, die ihnen zuriefen, alle Männer seien umgebracht worden. Am Abend gelang es Umm Schauki, sich im allgemeinen Chaos mit ihren Kindern in das Viertel um die El-Hélou-Kaserne zu flüchten. Sie brachte die Kinder in einer Schule unter und machte sich am frühen Morgen wieder auf den Weg zum Sportzentrum, um herauszufinden, was mit ihrem Mann und ihrem Sohn geschehen war. Sie sah israelische Offiziere, konnte aber mit keinem von ihnen sprechen. Aber sie hörte Befehle auf Arabisch: Alle Männer mussten ihre Ausweise abstempeln lassen. Und sie sah, wie erwachsene Männer und Jugendliche auf einem israelischen Lastwagen weggebracht wurden. Eine weinende Frau, die ihre ganze Familie verloren hatte, führte sie zu dem Ort, an dem die Leichen abgelegt worden waren. Auf dem Weg ins Orsal-Viertel mussten die beiden Frauen bereits über viele Tote steigen – Libanesen, Syrer und Palästinenser. Hunderte seien es gewesen, sagt Umm Schauki. Tatsächlich hat es in diesem Viertel die meisten Opfer gegeben.

„Sie waren kaum mehr zu erkennen. Die Gesichter aufgedunsen und deformiert … Ich habe an einer Stelle 28 Leichen gesehen, die zu einer libanesischen Familie gehörten, unter ihnen waren auch zwei Frauen mit aufgeschlitzten Bäuchen. Ich habe den ganzen Tag nach den Kleidern meines Mannes und meines Sohnes Ausschau gehalten. Ich bin am nächsten Tag noch einmal hingegangen. Ich habe keinen einzigen Toten aus Bir Hassan erkannt.“

Umm Schauki sah, wie libanesische Soldaten Gruben aushoben und die Leichen hineinwarfen. Ihren Mann und ihren Sohn hat sie nie mehr gefunden. Über eine andere Erinnerung mag sie kaum sprechen – über die Vergewaltigung ihrer Tochter.

„Ich denke Tag und Nacht daran. Meine Kinder habe ich allein großziehen müssen, ich war sogar gezwungen zu betteln. Das werde ich nie vergessen, und ich will Rache. Mein Herz ist so schwarz wie mein Kleid. Was ich gesehen habe, werde ich an meine Kinder und Enkel weitergeben.“

Nach einem langen Weg durch ein unglaubliches Gewirr winziger Gassen, in die sich das Abwasser ergießt und über denen überall Stromleitungen hängen, finde ich endlich die Büroräume, der „Vereinigung für die Rückkehr“. In einem der hinteren Büros treffe ich Siham Balkis, die Vorsitzende der Organisation. Sie sitzt kerzengerade hinter einem kleinen Schreibtisch, im selben Raum befinden sich zwei weitere Überlebende der Massaker und ein Palästinenservertreter. Siham Balkis, etwa 40, ist eine politisch engagierte und entschlossene Frau. Sie stammt aus Kabé, in der Nähe von Akko, in Israel. Sie berichtet in nüchternem Tonfall.

„Das Massaker hat am Donnerstagnachmittag begonnen, gegen halb sechs. Anfangs wollten wir es nicht glauben … Bis Samstagfrüh sind wir im Haus geblieben, wir wussten nichts Genaues, außer dass am Donnerstag und Freitag eine kleine Gruppe von Libanesen und Palästinensern versucht hatte, sich zu verteidigen. Sie waren aber zu wenige, und sie hatten nicht genug Munition. In der Nacht haben wir Gewehrschüsse gehört und Leuchtraketen gesehen. Aber wir dachten, die Israelis wollten nur gegen die Kämpfer vorgehen und ihre Waffenlager ausheben. Am Samstagmorgen, als alles wieder ruhig war, sind wir auf die Terrasse hinaufgestiegen, und von dort haben wir eine Gruppe von Kämpfern der Forces Libanaises gesehen, in Begleitung eines israelischen Offiziers. Die Libanesen brüllten, wir sollten aus dem Haus kommen. Das taten wir – während sie uns beschimpften und beleidigten. Einer der Libanesen nahm das Funkgerät des Israeli und sprach hinein: „Ende des Zielgebiets erreicht.“

Dass ein Israeli dabei war, steht für Siham Balkis außer Frage: Der Mann sah nicht aus wie ein Araber, und er trug ein Abzeichen mit hebräischer Aufschrift. Mit den Libanesen sprach er Französisch. Siham Balkis wurde zusammen mit anderen ins Gaza-Krankenhaus gebracht. Dort trieben die Begleitmannschaften die ausländischen Ärzte zusammen und alle, die sich auf das Gelände geflüchtet hatten.

„Sie brachten etwa ein Dutzend Kämpfer um. Einen jungen Palästinenser, der sich einen weißen Kittel übergezogen hatte, holten sie aus der Gruppe der Ärzte und Krankenpfleger heraus und töteten ihn. Als alle zusammengetrieben waren, etwa hundert Personen, ging es weiter, in Richtung kuwaitische Botschaft. Auf den Straßen lagen viele Leichen. Junge Frauen mit gefesselten Händen. Man sah zerstörte Häuser, Panzer, vermutlich israelische. An der Raupenkette eines der Panzer hingen Teile einer Kinderleiche. Bevor wir beim Sportzentrum ankamen, wurden die Männer ausgesondert. Ein paar Soldaten zwangen die jungen Männer, über den Boden zu robben – wer das gut machte, galt als Kämpfer und wurde von Mitgliedern der FL erschossen. Die anderen bekamen nur Fußtritte. Vor der kuwaitischen Botschaft sah ich Saad Haddad1 mit ein paar andern stehen. Dann kamen wir zum Sportzentrum, es waren sehr viele israelische Soldaten da; ein israelischer Oberst sagte, die Frauen und Kinder dürften wieder nach Hause gehen. Später sah ich, wie mein Bruder in einen Jeep stieg, andere wurden auf Lastwagen verfrachtet. Ich lief hin, aber es hatte keinen Zweck. Ich hörte, wie ein Offizier auf Arabisch sagte: ‚Wir übergeben euch den FL – die wissen besser als wir, wie man euch zum Reden bringt.‘ “

Alle Zeugen erzählen ähnliche Geschichten, die gleichen Szenen des Schreckens. Ich habe auch mit Kemla Mhanna gesprochen, einer libanesischen Lebensmittelhändlerin aus dem Orsal-Viertel:

„Alle Leute aus unserem Viertel, die geblieben sind, wurden umgebracht. Die meisten waren Libanesen. Als ich zurückkam, war schon ein Berg von Leichen aufgehäuft. Direkt neben meinem Haus war ein Palästinenser an einem Fleischerhaken aufgehängt, in zwei Hälften aufgetrennt wie ein geschlachteter Hammel. Ich habe gesehen, wie sie in das Massengrab eine Schicht Leichen gelegt haben, dann wurde Sand hineingeschaufelt, und dann kam die nächste Schicht Leichen und so weiter. Ich habe Hamad Chamas getroffen, einen anderen Libanesen aus dem Orsal-Viertel, einen der wenigen, die das Massaker überlebt hatten. Er saß in einem Unterstand, als plötzlich sieben oder acht Soldaten und zwei Israelis in einem Jeep auftauchten. Ich bin sicher, dass es Israelis waren – sie trugen israelische Uniformen und sprachen nicht richtig Arabisch. Die Soldaten haben uns befohlen herauszukommen und haben uns beschimpft. Ich musste das Kind, das ich auf dem Arm trug, auf den Boden legen und mich in eine Reihe mit den anderen stellen. Einer, der gut Arabisch sprach, durchsuchte uns und nahm einem Mann Geld ab. Dann schossen sie auf uns. Ich fand mich unter lauter Leichen wieder, aber ich war nur am Kopf und am Oberschenkel verletzt. Es hat 23 Tote gegeben. Die Nacht über habe ich mich in einem Unterstand verkrochen. Am Morgen hing überall der Leichengeruch in der Luft.“

In diesen Erinnerungen der Überlebenden gibt es nichts Neues. Sie klingen alle so wie die die Zeugenaussagen, die die offizielle Vertreterin Palästinas in Frankreich, Leila Shahid, gesammelt hat, teils allein, teils zusammen mit Jean Genet – sie war unter den ersten, die nach den Massakern in den Lagern war. Abgesehen von den normalen Erinnerungslücken decken sich diese Aussagen auch mit denen des medizinischen Personals – Engländer, Norweger, Schweden, Finnen, Deutsche, Iren und Amerikaner – im Gaza-Krankenhaus; ergänzt werden sie auch noch von Berichten, die nach den Massakern von zahlreichen Journalisten aufgezeichnet wurden.

Der bekannte libanesische Schriftsteller und Bühnenautor Elias Khoury2 gerät in Rage, wenn er von der schier unmöglichen Aufgabe spricht, die Geschichte der Palästinenser im Allgemeinen und die Ereignisse in Sabra und Schatila im Besonderen vor dem Vergessen zu bewahren.

„Das Gesetz der Erinnerung ist bei den Palästinensern außer Kraft, weil es immer neue Massaker gibt: Deir Jassin, Qibya3 , Sabra und Schatila und jetzt Dschenin. Sie können die Vergangenheit nicht betrachten, weil sie immer noch Gegenwart ist. Seit 1948 leben sie in diesem teuflischen Räderwerk. Die Palästinenser sind Opfer einer Instrumentalisierung der Schoah durch die israelische Regierung – allgemeine moralische Grundsätze machen an den Grenzen Israels halt. Gemessen am Maßstab der Schoah erscheint dann selbst die Tragödie von Sabra und Schatila minderrangig.“ Zumal die Angelegenheit im Libanon lange tabuisiert wurde: der erste Angeklagte war der Exminister Elie Hobeika – und der wurde kürzlich ermordet.4

Khoury fährt fort: „Nach dem Krieg haben die Kriminellen die Macht übernommen. Außerdem wurden die Palästinenser zum Sündenbock für den Krieg im Libanon gemacht. Für sie gelten in diesem Land Gesetze, die keinen Deut besser sind als damals die Judengesetze in Vichy-Frankreich.“

Nicht einmal die Zahl der Toten und Verschwundenen wurde in den letzten zwanzig Jahren geklärt: Die Schätzungen reichen von 500 bis 5.000. Die libanesische Historikerin Bayan Hout, geboren in Jerusalem und bis zum Alter von 9 Jahren dort aufgewachsen, bemüht sich seit zwei Jahrzehnten um Aufklärung. In mühsamer Kleinarbeit hat sie Material bei den Familien der Opfer und Verschwundenen gesammelt, hunderte von Fragebogen ausgewertet, Listen der Hilfsorganisationen und des Roten Kreuzes überprüft und versucht, Gräber ausfindig zu machen. Heute glaubt sie, gesicherte Zahlen vorlegen zu können: Es gab 906 Tote aus zwölf Nationen – die Hälfte von ihnen waren Palästinenser – und 484 Verschwundene, von denen 100 nachweislich entführt wurden. Damit wäre die Zahl der identifizierten Opfer 1 490.

Die Massaker und die Entführungen gehören in den Zusammenhang des Krieges, den Israel am 6. Juni 1982 begonnen hatte, um die PLO zu neutralisieren. Die israelische Invasion im Südlibanon kostete unter der Zivilbevölkerung 12 000 das Leben; etwa 30 000 wurden verwundet und 200 000 obdachlos.

Das Ziel war die Kapitulation Arafats

MITTE Juni hatte Israels Armee mit der Belagerung Beiruts begonnen. 15 000 Kämpfer der PLO und ihre syrischen und libanesischen Verbündeten waren in der Stadt eingeschlossen. Weil sich die Operation zu einer neuen Nahostkrise auszuweiten drohte und er die amerikanischen Interessen gefährdet sah, schickte US-Präsident Ronald Reagan Anfang Juli seine Sonderbeauftragten Philip Habib und Morris Draper zur Vermittlung in den Libanon. Es zeigte sich rasch, dass es nur einen Ausweg aus der kritischen Situation gab: den Abzug von Jassir Arafat und seinen Kämpfern. Davon ließ sich am Ende auch der PLO-Führer überzeugen.

Die Verhandlungen wurden allerdings durch die Weigerung der Amerikaner wie der Israelis kompliziert, direkte Gespräche mit den Palästinensern zu führen5 : Elias Sarkis, christlicher Staatspräsident des Libanon, und sein sunnitischer Ministerpräsident Chafiq Wazzan traten als Unterhändler auf. Israel verstärkte den militärischen Druck und beharrte gnadenlos auf der bedingungslosen Kapitulation Arafats.

Der PLO-Führer machte immer neue Angebote und versuchte, für die im Libanon bleibenden Familien Sicherheitsgarantien zu erwirken – er befürchtete Übergriffe seitens der israelischen Truppen oder ihrer libanesisch-falangistischen Verbündeten. Aus seiner Sicht konnten dagegen nur internationale oder US-amerikanische Garantien einen angemessenen Schutz bieten.

Philip Habib erhielt schließlich vom israelischen Ministerpräsidenten die Zusicherung, die Armee werde nicht nach Westbeirut vorrücken und die Palästinenser in den Lagern unbehelligt lassen. Zugleich versicherte Béchir Gemayel, der spätere Staatspräsident, die Falange werde nicht eingreifen. Aus dem Pentagon kam die Zusicherung, US-amerikanische Marines stünden bereit, um die Einhaltung dieser Absprachen zu sichern. Gestützt auf diese Zusicherungen gab Reagans Unterhändler eine schriftliche Garantie für die Sicherheit der Zivilbevölkerung. Der libanesische Ministerpräsident erhielt zwei entsprechende briefliche Garantien, die amerikanischen Verpflichtungen wurden in Paragraf 4 des Vertrags über den Abzug der PLO aufgenommen. Am 20. August 1982 wurde der Vertrag in den USA veröffentlicht – einen Tag bevor sich die ersten palästinensischen Kämpfer in Beirut einschifften.6

Da Arafat sich dennoch zunehmend besorgt über das Schicksal der palästinensischen Zivilisten zeigte, wandte sich Philip Habib7 noch einmal an Béchir Gemayel, der seine Zusicherungen bekräftigte. Die entscheidende Rolle war der multinationalen Schutztruppe, bestehend aus 800 Franzosen, 500 Italienern und 800 Amerikanern, zugedacht. Ihr erstes Kontingent (Franzosen) traf am 21. August ein. Seine Aufgabe war die Sicherung der Evakuierung und das Einsammeln der Waffen. Insgesamt sollte die Truppe etwa dreißig Tage bleiben, um Übergriffe jeglicher Art zu verhindern und die palästinensischen Familien zu schützen. Arafat willigte schließlich ein, aus Beirut abzuziehen.

Doch alle brachen ihr Wort. Den Anfang machte die US-Regierung. Verteidigungsminister Caspar Weinberger ordnete den Abzug der Marines aus Beirut an, obwohl die christlichen Milizen am 3. September im Bir-Hassan-Viertel Stellung bezogen hatten, neben den Lagern Sabra und Schatila. Mit den Amerikanern zogen sich automatisch Italiener und Franzosen zurück, am 10. September hatte der letzte Soldat der Schutztruppe Beirut verlassen. Im Plan von Philip Habib war ein Abzug erst für den Zeitraum zwischen dem 21. und 26. September vorgesehen.

Am 14. September wurde Béchir Gemayel ermordet, der neue libanesische Staatspräsident, dem Israel an die Macht verholfen hatte. Das nahm Oberbefehlshaber Scharon zum Anlass, nach Westbeirut einzumarschieren, die Lager Sabra und Schatila zu umstellen und den libanesischen Milizen freie Hand für eine Säuberungsaktion zu geben.

Bis heute ist darüber nur eine einzige offizielle Untersuchung geführt worden: von einer israelischen Kommission unter Leitung von Jitzhak Kahane, dem Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs. Ihr Abschlussbericht, veröffentlicht im Februar 1983, nennt die Falangisten als Haupttäter, weist Ariel Scharon aber eine gewisse Mitschuld zu. Ihm wird es vor allem als schweres Versäumnis angerechnet, „keine Maßnahmen der Überwachung und zur Verhinderung der Massaker getroffen“ zu haben. Die Kommission zeigt sich befremdet, dass der Oberbefehlshaber nicht einmal Ministerpräsident Begin von seiner Entscheidung unterrichtete, den Falangisten Zugang zu den Lagern zu gewähren. Abschließend wird Scharon vorgeworfen, „keine angemessenen Maßnahmen zur Verhinderung eines eventuellen Massakers getroffen zu haben“. Dafür trage er die „persönliche Verantwortung“, und daraus müsse er „persönliche Konsequenzen ziehen“.

Israelische Zeitungen haben später diese Schlussfolgerungen bekräftigt und weitere Schlüsse daraus gezogen. So erklärte Amir Oren in Davar vom 1. Juli 1994 unter Berufung auf offizielle Dokumente, die Massaker seien Teil eines zwischen Ariel Scharon und Béchir Gemayel abgesprochenen Plans gewesen. Die hätten dazu auch die damals von Abraham Schalom geleiteten israelischen Geheimdienste benutzt, die den Auftrag erhalten hatten, alle Terroristen zu liquidieren. Demnach waren die libanesischen Milizen nichts weiter als Handlanger, Agenten am Ende einer Kommandokette, die über die Geheimdienste bis in die israelische Staatsführung reicht.

Am 17. Juni 2001 brachte ein Beitrag des Magazins „Panorama“ mit dem Titel „Der Angeklagte“ im britischen Fernsehen BBC weitere Einsichten, insbesondere durch die kaum anfechtbaren Aussagen von Morris Draper, dem einstigen Assistenten von Unterhändler Philip Habib. Als man ihn an die Aussage Scharons erinnerte, er habe nicht voraussehen können, was in den Lagern geschah, beschränkte sich Draper auf den kurzen Kommentar: „Völlig absurd.“

Draper berichtete, wie er am Donnerstag, als die Israelis entgegen ihren Zusicherungen bereits in Westbeirut einmarschiert waren, in Tel Aviv im Verteidigungsministerium mit Scharon und dessen Generalstabschef Yaron zusammentraf. Yaron verteidigte damals die militärische Entscheidung mit dem Argument, man habe nach der Ermordung von Präsident Gemayel die Falangisten an Racheakten gegen die Palästinenser hindern wollen. „Keiner der etwa zwanzig Anwesenden sagte etwas. Es war ein dramatischer Augenblick des Schweigens.“

Draper berichtete auch, dass die Vereinigten Staaten einen Vorschlag der Israelis abgelehnt hatten, die Falange nach Westbeirut einmarschieren zu lassen, „weil wir wussten, dass es ein Massaker geben würde, sobald diese Leute dort eindringen“. Und er fügte hinzu: „Ohne Zweifel ist Scharon [für die Massaker] verantwortlich, auch wenn andere Israelis diese Veranwortung mitzutragen haben.“ Nach der Verantwortung der Amerikaner wurde der ehemalige Diplomat nicht gefragt, auch nicht nach der der Franzosen und Italiener, die ihre Soldaten nach den Marines ebenfalls abzogen.

Die Familien der Opfer und der Verschwundenen haben ein Recht auf die Wahrheit. Um nach zwanzig Jahren endlich Ruhe zu finden. Und es geht nicht nur um die Familien: Die Welt hat ein Recht darauf, zu erfahren, wer diese bestialischen Taten organisiert und ausgeführt hat – und warum.

dt. Edgar Peinelt

* Schriftsteller. Autor u. a. von „Dernières volontés, derniers combats, dernières souffrances“, Paris (Plon) 2002, und „Manipulations africaines“, Paris (Plon) 2001.

Fußnoten:1 Der Führer der „Südlibanesischen Armee“, einer mit Israel verbündeten Miliz. 2 Siehe vor allem „Les Portes du Soleil“, hrsg. von Le Monde diplomatique und Actes Sud, einen Bericht über die 50 Jahre der palästinensischen Tragödie. Khourys Theaterstück „Les mémoires de Job“ ist in Paris mit großem Erfolg aufgeführt worden. 3 In Deir Jassin, einem kleinen Dorf nahe Jerusalem, starben im Frühjahr 1948 mehr als hundert Einwohner bei einem Massaker. Bei einer von Ariel Scharon geleiteten Vergeltungsmaßnahme im Oktober 1953 sprengte die israelische Armee in Qibya im Westjordanland 45 Häuser – ohne die Bewohner zu evakuieren. 69 Menschen, etwa die Hälfte davon Frauen und Kinder, kamen in den Trümmern um. 4 Elie Hobeika, der als der übelste Schlächter von Sabra und Schatila galt, wurde am 24. Januar 2002 in Beirut ermordet, kurz bevor er in Brüssel als Zeuge auftreten sollte. Nach Ansicht von Chebli Mallat, dem libanesischen Anwalt der Kläger, hätten für Ariel Scharon nicht die Enthüllungen Hobeikas eine Gefahr bedeutet, sondern allein die Tatsache seiner Anwesenheit in Brüssel: Sobald er vor Gericht aufgetreten und zwangsläufig angeklagt worden wäre, hätte sich die Frage nach der Zuständigkeit des Gerichts nicht mehr gestellt. 5 Inoffiziell hatte es allerdings in Beirut seit Jahren direkte Kontakte zwischen führenden Vertretern der Palästinenser und der US-Botschaft sowie der CIA gegeben. So konnte zum Beispiel Arafat 1979 für die Freilassung der 13 amerikanischen Geiseln in Teheran sorgen. 6 Siehe „American Foreign Policy, Current Documents“, 1982 (State Department, Washington), wo es heißt: „Gesetzestreue palästinensische Nichtkombattanten, die in Beirut bleiben, darunter auch die Familien derer, die abgezogen sind, werden nach den Gesetzen und Verordnungen des Libanon behandelt. Die Regierungen des Libanon und der Vereinigten Staaten geben angemessene Sicherheitsgarantien […]. Die Vereinigten Staaten geben ihre Garantien auf der Grundlage von Zusicherungen von Seiten libanesischer Gruppen, mit denen sie in Kontakt getreten sind.“ 7 Zur Geschichte der von Habib geführten Verhandlungen siehe John Boykin, „Cursed is the Peacemaker“ (mit einem Vorwort des damaligen Außenministers George Schultz), Washington (Applegate Press) 2002, sowie Anthony McDermott und Kjell Skjelsbaek (Hg.), „The Multinational Force in Beirut 1982–1984“, Miami (Florida International University) 1991.

Le Monde diplomatique vom 13.09.2002,