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Gaunermoral

In einer berühmten Szene von „Casablanca“ steht Captain Renault, der lokale Polizeichef, mit seinen Männern in Rick’s Café, das er gerade für geschlossen erklärt hat, und verkündet dem Publikum: „Ich bin schockiert, richtig schockiert, dass hier um Geld gespielt wird.“ Ein Croupier überreicht ihm ein Bündel Geldscheine: „Ihr Gewinn, Sir.“ Renault bedankt sich halblaut, steckt das Geld ein, und befiehlt: „Alle raus hier, aber schnell!“

Im Finanzskandal um die Manipulationen des Interbankenzinssatzes Libor (London Interbank Offered Rate) lässt sich der korrupte Ordnungshüter nicht so leicht identifizieren; es gibt einfach zu viele Verdächtige. Tagtäglich handeln etwa zwanzig große Finanzinstitute (Barclays, Deutsche Bank, HSBC, Bank of America et cetera) untereinander den aktuellen Libor-Zinssatz aus, der als Richtwert für Transaktionen im Umfang von 800 000 Milliarden Dollar (kein Druckfehler, die Nullen stimmen!) gilt, die hauptsächlich im Derivatehandel ablaufen.

Diese Summen sind derart schwindelerregend, dass sie in der Presse jenseits der Wirtschaftsseiten nicht auftauchen. Hier schreibt man lieber über die kleinen Sünden mit ihren menschlichen Dimensionen: Eltern, die Kindergeld beziehen, aber zulassen, dass die Kinder die Schule schwänzen, oder griechische Arbeiter, die ihr kümmerliches Einkommen durch Schwarzarbeit aufbessern. Ein Skandal – die Regierungen und die Europäische Zentralbank dürfen das nicht hinnehmen!

So kompliziert die Manipulation des Libor erscheinen mag, es passiert hier nichts anderes als in Rick’s Bar. Die großen Banken, deren Wort Gesetz ist, wollen ihre Bonität sichern und über Gelder zu möglichst günstigen Konditionen verfügen. Also müssen sie für eine niedrige Zinsrate sorgen. Ihre Absprachen bestimmen den Libor, der die Zinsraten für künftige Kredite festlegt. Am 3. Juli trat der Chef von Barclays Bank zurück, mit der Begründung, nach Aufdeckung der Betrügereien sei er „physisch krank“ geworden. Auch der Gouverneur der Bank von England erklärte, er habe von den Machenschaften erst vor wenigen Wochen erfahren. Und er sei „wahrhaft schockiert“.

Schockiert, weil er vorher nichts wusste? Bei Barclays und der Bank von England scheint niemand die Finanzseiten zu lesen. Im Wall Street Journal vom 16. April 2008 begann der Text mit dem Titel „Zweifelhafter Umgang der Banker mit einem wichtigen Zinssatz“ mit dem Satz: „Eines der wichtigsten Barometer über den Zustand der globalen Finanzmärkte könnte falsche Signale aussenden.“

Überall haben wir es mit gefälschten Daten zu tun wie beim Libor, oder mit willkürlichen Festlegungen wie bei den angeblich ehernen Grenzwerten für die Staatsverschuldung. Auf sie beruft man sich, wenn es darum geht, ganze Völker zu bestrafen. Und diejenigen, die diese Strafen mit unerbittlicher Grausamkeit verhängen, als Präsidiumsmitglied bei einer Zentralbank oder als Chef einer der Ratingagenturen, gelten nach wie vor als Respektspersonen.

Vier Jahre nach Beginn einer der größten Finanzkrisen der Geschichte muss endlich die Frage gestellt werden, welche gesellschaftlichen Nutzen solche Institutionen haben sollen. Serge Halimi

Le Monde diplomatique vom 10.08.2012,